Zur Jahrzeit von Rabbi Mosche Sofer, dem «Chatam Sofer», am 25. Tischri
Er verschied am 25. Tischri 5600 – 3. Oktober 1839
Eine erstaunliche Geschichte über den Chatam Sofer
mit Ergänzungen von S. Weinmann
Eines Tages erschienen zwei Kaufleute vor dem rabbinischen Gericht des Chatam Sofer in Pressburg: Mordechai (Markus) Obernbreit und Gumperz Korn. Die beiden waren seit vielen Jahren Geschäftspartner. Nun war zwischen ihnen ein Streit über eine Eisenlieferung nach Budapest ausgebrochen.
Als die Dajanim (Richter) fragten, um welche Art von Ware es sich handle, schwiegen beide einvernehmlich. In allen anderen Einzelheiten waren sie jedoch unterschiedlicher Meinung. Selbst im Gerichtssaal führten sie ihre Auseinandersetzung lautstark.
«Ich habe nur siebzig Prozent der Ware erhalten, die du mir geschickt hast», behauptete Gumperz Korn. «Du hast mir also einen zu hohen Betrag berechnet!»
«Das ist eine glatte Lüge!», entgegnete Mordechai Obernbreit. «Du hast die Ware in Budapest für einen Preis verkauft, der dreissig Prozent höher war als der Betrag, den du mir angegeben hast. Und nicht nur das: Du hast die Bezahlung in bar erhalten, mich hingegen mit Schuldverschreibungen bezahlt, deren Wert um zehn Prozent gefallen sind!»
Die Angelegenheit war äusserst verwickelt. Hinzu kam, dass zahlreiche Einzelheiten im Dunkeln blieben: die genaue Art der Ware, die Zahlungsweise und die Identität der Käufer, an die Korn die geheimnisvolle Lieferung weiterverkauft hatte. All das erschwerte den Dajanim ihre Arbeit. Wenn die Streitparteien jedoch Angaben verschwiegen, die nicht unmittelbar zur vorgelegten Rechtsfrage gehörten, war es nicht Aufgabe des Gerichts, ihnen nachzuforschen.
Schliesslich gelang es dem Chatam Sofer, einen Vergleich zu finden, mit dem beide Parteien zufrieden waren. Die Kaufleute verliessen das Gericht und kehrten nach Hause zurück.
Der Winter verging, auch der Sommer ging vorüber, und ein neues Jahr begann. Eines Tages brachte ein französischer Soldat einen versiegelten Brief zum Haus des Rabbiners. Damals stand Pressburg unter der Herrschaft von Napoleons Armee.
[Anmerkung des Herausgebers: Am 14. Juli 1809 rückten die französischen und verbündeten Truppen in Pressburg (Bratislava) ein. Sie verliessen die Stadt am 20. November 1809.]
In dem Schreiben wurde der Chatam Sofer aufgefordert, zwei Tage nach Erhalt des Briefes vor dem französischen Militärgericht zu erscheinen.
Niemand konnte sich erklären, was der Rabbiner von Pressburg mit einem französischen Militärgericht zu tun haben sollte. Die Gemeindevorsteher bemühten sich unverzüglich, bei den Behörden den Grund für die Vorladung zu erfahren. Nach beträchtlichen Anstrengungen erhielten sie eine beunruhigende Auskunft.
Die französischen Besatzungsbehörden hatten zwei jüdische Waffenhändler festgenommen: Mordechai Obernbreit und Gumperz Korn. Diese hatten von Bauern Waffen gekauft, die auf den Schlachtfeldern zurückgeblieben waren, und sie in Wien und Budapest an die österreichische Armee weiterverkauft.
Bei der üblichen Durchsuchung ihrer Häuser hatte man den Schiedsspruch des rabbinischen Gerichts von Pressburg gefunden, der die Unterschrift des Chatam Sofer trug.
[Anmerkung des Herausgebers: Historisch belegt ist, dass ein französisches Militärgericht am 25. September 1809 in Wien unter anderem gegen den jüdischen Kaufmann Markus Obernbreit aus Pressburg verhandelte.]
In Kriegszeiten genügte bereits der geringste Verdacht, um jemanden zu belasten. Richtete sich ein Verdacht auf Verrat gegen einen Juden — und erst recht gegen einen Rabbiner —, konnte daraus ein Pogrom gegen die gesamte jüdische Bevölkerung der Stadt entstehen. Die Lage war daher überaus bedrohlich.
Der Chatam Sofer verzagte jedoch nicht. Im Gegenteil: Er war es, der allen Juden der Gemeinde Mut zusprach. Zugleich veranlasste er die Gemeindevorsteher, die Bevölkerung von Pressburg und den umliegenden Städten zu gemeinsamen Gebeten aufzurufen.
Am Morgen der Gerichtsverhandlung stand der Chatam Sofer wie gewöhnlich bei Sonnenaufgang auf und begab sich in die grosse Synagoge. Dort hatte sich die gesamte Gemeinde versammelt. Die Menschen weinten bitterlich; es schien, als vergössen selbst die Wände gemeinsam mit den Betenden Tränen.
Alle hatten bereits am Vorabend nach den dafür geltenden Vorschriften einen Fasttag auf sich genommen. Der Rabbiner selbst fastete schon seit zwei Tagen, jeweils vom Morgen bis zum Abend.
Nach dem Gebet begab er sich zum Friedhof. Am Grab des Gaon Rabbi Meschullam Igra von Tysmenitz, der in seinen letzten Lebensjahren als Rabbiner von Pressburg gewirkt hatte, betete er für sich selbst als Rabbiner der Stadt sowie für seine Gemeindemitglieder, die sich in grosser Not und in französischer Gefangenschaft befanden.
Anschliessend bestieg er eine Kutsche. Die Mitglieder seiner Gemeinde umringten sie. Mit tränengefüllten Augen blickten sie zu ihrem geliebten Rabbiner auf, während ihre Lippen Gebete für seine Rettung flüsterten.
Als der Chatam Sofer den Gerichtssaal betrat, wurde ihm schwarz vor Augen. Zwölf Richter sassen im Halbkreis, in rote Mäntel gekleidet. Jeder hielt ein gezogenes Schwert in der Hand.
Der Anblick war furchterregend. Angst und Schrecken erfassten den Rabbiner und seine Begleiter. Zunächst konnte er vor Furcht kaum ein Wort hervorbringen. Doch allmählich kehrte die Ruhe in sein Herz zurück:
«Gam ki ejlejch beGej Zalmawet, lo ira Ra – Auch wenn ich im Tal des Todesschattens gehe, fürchte ich kein Unheil …» [Tehillim/Psalm 23:4]
In der Mitte sass der Vorsitzende des Gerichts. Er hielt keine Waffe. Aus einem zunächst unerklärlichen Grund schien es dem Rabbiner, als betrachte ihn dieser Mann mit einem durchdringenden Blick und versuche, sich an etwas zu erinnern.
«Rabbi», begann der Vorsitzende, «Sie sind angeklagt, an einem unerlaubten Waffenhandel in Kriegszeiten gegen die französische Besatzungsarmee beteiligt gewesen zu sein. Was haben Sie zu Ihrer Verteidigung vorzubringen?»
Der Chatam Sofer erklärte mit klaren Worten, dass es seine Aufgabe als Rabbiner sei, die Fragen der Menschen zu beantworten, die sich an ihn wandten. Es gehöre hingegen nicht zu seiner Aufgabe, Einzelheiten zu untersuchen, die nicht unmittelbar mit der ihm vorgelegten Rechtsfrage zusammenhingen.
Als die Kaufleute vor ihm erschienen seien, hätten sie von einem Handel mit Eisen gesprochen. Er habe weder nachgeforscht noch gewusst, um welche Art von Eisenwaren es sich handelte.
Der Vorsitzende unterbrach ihn:
«Und wenn Sie gewusst hätten, um welche Ware es tatsächlich ging?»
«Dann hätte ich den beiden Kaufleuten geraten», antwortete der Rabbiner und blickte dem Vorsitzenden gerade in die Augen, «von unerlaubten Geschäften Abstand zu nehmen, die das Wohlergehen aller Juden der Stadt gefährden. Selbstverständlich hätten auch ich und die übrigen Mitglieder des rabbinischen Gerichts es abgelehnt, diese Angelegenheit überhaupt zu behandeln.»
Plötzlich herrschte gespannte Stille im Gerichtssaal. Der Vorsitzende betrachtete den Rabbiner, der auf der Anklagebank sass, lange und aufmerksam. Dann schlug er unvermittelt mit seinem Hammer auf den Tisch und verkündete:
«Die Sache ist eindeutig und abgeschlossen. Der Rabbiner wusste nichts von dem unerlaubten Handel der beiden jüdischen Waffenhändler. Er ist frei von jeder Schuld. Im Namen des französischen Gerichts bitte ich den verehrten Rabbiner um Verzeihung dafür, dass wir ihn zu Unrecht verdächtigt haben.»
Die elf anderen Richter blickten ihren Vorsitzenden erstaunt an. Es hatte kaum eine eingehende Befragung gegeben — und schon entliess er den Angeklagten in die Freiheit? Doch keiner wagte, seiner Entscheidung zu widersprechen.
Die Begleiter des Rabbiners erhoben sich überwältigt von ihren Plätzen und eilten zu ihm. Aufgeregt drängten sie sich um ihn und streckten ihm die Hände entgegen, um ihm zu gratulieren.
Da bahnte sich der Gerichtsdiener einen Weg durch die Versammelten und sagte zum Rabbiner:
«Der Vorsitzende bittet Sie, in sein Amtszimmer zu kommen.»
Diese Worte trafen die Begleiter wie ein Donnerschlag aus heiterem Himmel. Die Unschuld des Rabbiners war doch bereits erwiesen! Was wollten die Richter jetzt noch von ihm? Drohte ihm etwa eine neue Gefahr?
Der Chatam Sofer folgte dem Gerichtsdiener durch den langen Gang des Gerichtsgebäudes. Seine Lippen bewegten sich im Gebet.
Als er das Zimmer betrat, blickte ihn der Vorsitzende an und fragte:
«Erkennen Sie mich denn nicht?»
Der Chatam Sofer betrachtete den Mann vor sich, konnte ihn aber nicht zuordnen. Schwere Sorge erfüllte sein Herz. Wer wusste, welche List der Richter plante?
Als der Rabbiner schwieg, fuhr der Vorsitzende fort:
«Vielleicht erinnern Sie sich nicht an mich. Ich aber erinnere mich sehr gut an Sie — aus jener Zeit vor vielen Jahren, als ich noch Student in Mainz war …»
Ein leichtes Lächeln der Erleichterung erschien auf dem Gesicht des Chatam Sofer. Er betrachtete seinen Gesprächspartner genauer und erkannte ihn nun.
Es war Philipp de Monfert, der französische Student, der einst mit ihm in der Herberge des Weinhändlers Rabbi Ja’akov Hahn gewohnt hatte — jener Student, der sich so lebhaft für Fragen der jüdischen Weltanschauung interessiert hatte.
«Damals waren wir beide Schüler», sagte der Richter. «Sie studierten Tora beim Rabbiner von Mainz, und ich widmete mich der Rechtswissenschaft. Nie werde ich vergessen, wie Sie mir damals erklärten, was ein Wunder ist, was Natur bedeutet und wie die g-ttliche Vorsehung die Räder der Geschichte lenkt.
Seither sind viele Jahre vergangen. Sie sind ein bedeutender Rabbiner geworden und ich ein Richter. Von zwei entgegengesetzten Enden Europas sind wir hierhergekommen, um uns unter dem Dach dieses Gerichtsgebäudes wiederzusehen.»
Da durchzuckte den Chatam Sofer wie ein Blitz der Gedanke:
«Wie weit reichte der Blick meines grossen Lehrers in Frankfurt, des Gaon Rabbi Nathan Adler! Erst heute, nach vierzig Jahren, ist mir klar geworden, weshalb er mich in meiner Jugend nach Mainz geschickt hatte …»
Quellenangabe der Vorlage: «Der Chatam Sofer»
Quellen und Persönlichkeiten:
Rabbi Nathan Adler
Rabbi Nathan ben Schim’on haKohen Adler (1741–1800); Frankfurt am Main, Deutschland, und Boskowitz, Mähren. Er war ein bedeutender Talmudgelehrter, Kabbalist und Rosch Jeschiwa. Zu seinen Lehrern gehörten Rabbi Ja’akov Jehoschua Falk, der Verfasser des «Pnej Jehoschua», und Rabbi David Tewle Schiff, der später als Rabbiner in London wirkte. Im Jahr 1761 gründete Rabbi Nathan Adler in Frankfurt eine Jeschiwa, aus der mehrere bedeutende Rabbiner hervorgingen.
Sein G-ttesdienst war von intensiver Beschäftigung mit der Kabbala, tiefer Frömmigkeit und den Gebetsordnungen des Ari Hakadosch geprägt. Um ihn sammelte sich ein Kreis von Schülern und Anhängern, der als «Frankfurter Chassidim» bekannt wurde. Seine besonderen Gebetsbräuche wichen teilweise vom überlieferten Frankfurter Gemeindebrauch ab und führten zu Auseinandersetzungen mit der Gemeindeleitung. Zugleich war sein Haus für Bedürftige offen. Im Jahr 1782 übernahm er das Rabbinat von Boskowitz in Mähren; später kehrte er nach Frankfurt zurück.
Sein berühmtester Schüler war Rabbi Mosche Sofer, der «Chatam Sofer», der ihn auch nach Boskowitz begleitete. Rabbi Nathan Adler gehörte zu dessen wichtigsten Lehrern und prägte seine geistige Entwicklung nachhaltig. Einen Teil seiner knappen Anmerkungen zur Mischna veröffentlichte man nach seinem Tod unter dem Titel «Mischnat Rabbi Nathan». Er wurde auf dem alten jüdischen Friedhof in Frankfurt am Main beigesetzt.
Rabbi Meschullam Igra
Rabbi Meschullam ben Schimschon Igra (1742–1801) gehörte zu den bedeutenden Talmudgelehrten und halachischen Autoritäten seiner Zeit. Er stammte aus einer angesehenen Rabbinerfamilie in Butschatsch, Galizien, heute Ukraine. Bereits als neunjähriges Kind beeindruckte er die Gelehrten von Brody mit einem anspruchsvollen halachischen Vortrag. Viele Jahre wirkte er als Rabbiner in Tysmenitz, bevor er in den 1790er-Jahren das Rabbinat von Pressburg, dem heutigen Bratislava, übernahm. Berühmt war er für seine aussergewöhnliche Gelehrsamkeit und seine scharfsinnige Analyse schwieriger talmudischer Fragen. Zu seinen hinterlassenen Werken gehören die Responsen Sche’elot uTeschuwot RaMA, die nach seinem Tod veröffentlicht wurden.
Rabbi Mosche Sofer, der «Chatam Sofer»
Rabbi Mosche Sofer (1762–1839), bekannt als der «Chatam Sofer», wurde in Frankfurt am Main geboren. Sein deutscher Familienname war Schreiber, auf Hebräisch Sofer. Bereits in jungen Jahren fiel er durch seine aussergewöhnliche Begabung im Torastudium auf. Zu seinen wichtigsten Lehrern gehörten Rabbi Nathan Adler und Rabbi Pinchas Horowitz, Rabbiner von Frankfurt, der Verfasser des «Hafla’a». Auch an der Jeschiwa in Mainz setzte er seine Studien fort.
Nach seiner Tätigkeit als Rabbiner in Dresnitz in Mähren und Mattersdorf, dem heutigen Mattersburg im Burgenland, wurde er 1806 zum Rabbiner von Pressburg berufen. Dort wirkte er bis zu seinem Lebensende zugleich als Rabbiner und Rosch Jeschiwa. Unter seiner Leitung entwickelte sich die Pressburger Jeschiwa zu einem der bedeutendsten Zentren des Torastudiums in Mitteleuropa. Zahlreiche seiner Schüler wurden selbst führende Rabbiner und verbreiteten seine Lehren und seinen Weg des G-ttesdienstes.
Der Chatam Sofer zählt zu den bedeutendsten halachischen Autoritäten des 19. Jahrhunderts. Er setzte sich mit grosser Entschlossenheit für die Bewahrung der überlieferten Halacha und der jüdischen Lebensweise ein. Durch seine Entscheidungen, seine Lehrtätigkeit und seine Schüler prägte er besonders das orthodoxe Judentum Ungarns nachhaltig. Sein Einfluss reicht bis in die Gegenwart.
Er hinterliess ein umfangreiches schriftstellerisches Werk, das grösstenteils erst nach seinem Tod veröffentlicht wurde. Dazu gehören seine «Sche’elot uTeschuwot Chatam Sofer» — halachische Responsen —, seine Talmuderklärungen, die Torakommentare «Torat Mosche», Predigten, Briefe und Gedichte. In seinem «Sefer Sikkaron» schilderte er die schweren Ereignisse während der Belagerung Pressburgs. Der Name «Chatam» wird als Abkürzung für «Chidduschej Torat Mosche», «neue Einsichten in die Tora von Mosche», verstanden; zugleich spielt die Bezeichnung «Chatam Sofer» auf seinen Familiennamen an.
Rabbi Mosche Sofer verschied am 25. Tischri 5600 / 3. Oktober 1839 in Pressburg. Sein Sohn Rabbi Awraham Schmuel Binjamin Sofer, bekannt als der «Ketaw Sofer», führte sein Wirken als Rabbiner und Rosch Jeschiwa fort.
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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich
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