Die Kraft und das Verdienst der schweigend ertragenen Beschämung
Er verschied am 24. Elul 5693 / 15. September 1933.
Bearbeitet und ergänzt von S. Weinmann
Ich hörte diese Geschichte von einem Schüler des Gaon Rabbi Awraham Kalmanowitz sZl., des Rosch Jeschiwa der Mirer Jeschiwa in den USA. Rabbi Kalmanowitz war ein Schüler des Chafez Chajim.
Als Rabbi Awraham in seiner Jugend in der Jeschiwa von Radin beim Chafez Chajim sZl. lernte, war es dessen Gepflogenheit, immer wieder dazu aufzurufen, sich der Gruppe der „Mas’hirej Schabbat“ anzuschliessen. Diese Männer gingen durch die Stadt und erinnerten die Ladenbesitzer daran, ihre Geschäfte am Freitag rechtzeitig vor Schabbatbeginn zu schliessen, damit es – G-tt behüte – nicht zu einer Entweihung des Schabbats komme. Der Chafez Chajim selbst schreibt im Mischna Berura (256:2) ausführlich über diese wichtige Aufgabe und über den grossen Lohn derjenigen, die sich dafür einsetzen.
Bisweilen ging der Chafez Chajim sogar selbst auf den Markt, ohne Rücksicht auf seine eigene Ehre zu nehmen. Eines Tages bat er Rabbi Awraham, ihn auf diesem heiligen Gang durch die Strassen und Märkte zu begleiten. Gemeinsam gingen sie von Geschäft zu Geschäft und forderten die Verkäufer auf, ihre Arbeit rechtzeitig zu beenden und ihre Geschäfte vor Schabbatbeginn zu schliessen.
Als sie zu einem der Geschäfte kamen, begann der Ladenbesitzer jedoch, sie lautstark anzuschreien und zu beschimpfen. Schliesslich schlug er ihnen sogar ins Gesicht.
Der Chafez Chajim schwieg und erwiderte kein Wort. Auch Rabbi Awraham schwieg. Beide setzten ihren Weg fort und führten unbeirrt ihre heilige Aufgabe weiter aus.
Einige Wochen später kam ein junger Mann zum Chafez Chajim und weinte bitterlich. Seine Frau hatte grosse Schwierigkeiten bei der Geburt und befand sich in akuter Lebensgefahr.
Der Chafez Chajim fragte ihn: „Seid ihr in jenen drei Dingen – Challa, Niddah und Ner – gewissenhaft, auf die eine Frau bei der Geburt besonders geprüft wird?“ Der Mann antwortete: „Ja.“
[Anmerkung des Herausgebers: In der Mischna, Traktat Schabbat, Kapitel 2, Mischna 6, heisst es: „Wegen drei Sünden sterben Frauen zur Zeit ihrer Geburt: Weil sie nicht vorsichtig sind mit der Niddah, mit der Challa und mit dem Anzünden der Schabbatlichter.“
Erklärung der Mischna: Die Weisen des Talmuds erklären, dass in Momenten großer Gefahr die spirituellen „Akte“ eines Menschen geöffnet und geprüft werden. Deshalb ist eine Frau gerade zur Zeit der Geburt einer besonderen Gefahr ausgesetzt. Demzufolge werden diese drei Mizwot, die in besonderer Weise der Frau anvertraut sind, geprüft:
Challa (חלה) – die Absonderung des Teiganteils des Kohens;
Niddah (נדה) – die Einhaltung der Gesetze der ehelichen Reinheit;
Hadlakat haNer (הדלקת הנר) – das Anzünden der Schabbat- und Feiertagslichter.
Die Anfangsbuchstaben dieser drei Mizwot bilden das Wort חנ”ה – Chanah, eine traditionelle Merkhilfe für diese drei besonderen Mizwot.]
Daraufhin liess der Chafez Chajim Rabbi Awraham aus dem Bejt haMidrasch rufen. Als dieser den Raum betrat, fragte ihn der Chafez Chajim:
„Erinnerst du dich an die Beschämung, die du damals von jenem Ladenbesitzer ertragen musstest? Bist du bereit, das Verdienst dieser Beschämung der Frau zu übertragen, die jetzt dringend auf das Erbarmen des Himmels angewiesen ist?“
Rabbi Awraham erklärte sich sofort bereit.
Nur wenige Minuten später kam die freudige Nachricht: Die Frau hatte einen gesunden Sohn geboren und war ausser Lebensgefahr.
Alle konnten mit eigenen Augen sehen, wie das Verdienst der ertragenen Beschämung sie buchstäblich vom Tod zum Leben geführt hatte.
Rabbi Awraham wandte sich daraufhin an den Chafez Chajim:
„Rabbejnu, ich habe zwei Fragen und bitte um Erlaubnis, sie stellen zu dürfen.“
Nachdem der Chafez Chajim ihm die Erlaubnis gegeben hatte, fragte er:
„Erstens: Warum hat der Rebbe mich gebeten, das Verdienst meiner Beschämung dieser Frau zu übertragen? Auch der Rebbe wurde doch von diesem Menschen beschimpft und gedemütigt. Warum hat der Rebbe nicht das Verdienst seiner eigenen Beschämung gegeben?
Und zweitens: Wenn die Kraft einer ertragenen Beschämung tatsächlich so gross ist, warum musste ich dieses Verdienst überhaupt einem anderen geben? Warum durfte ich es nicht für mich selbst behalten?“
Der Chafez Chajim beantwortete seine Fragen der Reihe nach:
„Du fragst, warum ich nicht das Verdienst meiner eigenen Beschämung gegeben habe. Sieh, ich bin bereits ein alter Mann und habe im Laufe meines Lebens viele Prüfungen und Erfahrungen durchgemacht. Wenn man mich beschämt, erschüttert mich das daher nicht mehr in derselben Weise wie dich, und ich nehme es mir nicht mehr so sehr zu Herzen.
Du aber bist noch jung. Jede Kränkung dringt bei dir tief ins Herz ein. Sie beschäftigt dich so sehr, dass du vielleicht noch mehrere Tage und Nächte deswegen nicht ruhen und schlafen kannst. Deshalb ist dein Verdienst grösser als meines.“
Dann beantwortete der Chafez Chajim auch die zweite Frage:
„Du fragst, warum ich dich gebeten habe, dieses Verdienst der Frau in ihrer Not zu geben. Wozu sind all diese geistigen Verdienste da, wenn nicht dazu, anderen Menschen Gutes zu tun?“
Diese Geschichte vermittelt uns eine gewaltige Stärkung für Zeiten, in denen ein Mensch schweigend beschämt oder gedemütigt wird und die Verletzung ihn tief in seiner Seele trifft. Eine solche Beschämung ist gewiss schmerzhaft und schwer zu ertragen. Doch gerade dann soll der Mensch wissen, dass sein Leiden nicht vergeblich ist.
Je grösser die Beschämung und je tiefer die Kränkung, desto grösser kann auch das Verdienst sein, das daraus erwächst – und desto stärker kann ihre Kraft sein, strenge Urteile des Himmels für ihn selbst oder für andere zu mildern.
(Be’er haParascha, Paraschat Wa’era 5781)
Quellen und Persönlichkeiten:
Chafez Chajim – Rabbi Jisrael Me’ir HaKohen Kagan (1838–1933)
Rabbi Jisrael Me’ir HaKohen Kagan (1838–1933), weltweit bekannt unter dem Namen seines berühmtesten Werkes als „Chafez Chajim“, war einer der bedeutendsten Tora-Gelehrten und geistigen Führer des orthodoxen Judentums im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Er lebte und wirkte hauptsächlich in Radin (heute Radun, Belarus) und wurde zu einer der herausragenden rabbinischen Autoritäten seiner Generation. Seine Bedeutung erstreckte sich sowohl auf die Halacha als auch auf Haschkafah und Mussar, insbesondere auf die ethische Verantwortung des Menschen gegenüber seinem Mitmenschen.
Der Chafez Chajim war für seine außergewöhnliche Bescheidenheit, seine Frömmigkeit und seine große persönliche Integrität bekannt. Trotz seines weltweiten Ansehens führte er ein ausgesprochen einfaches und zurückgezogenes Leben. Seine gesamte Kraft widmete er dem Torastudium, der Verbreitung jüdischen Wissens und der Stärkung des religiösen Lebens.
Bereits in jungen Jahren widmete er sich intensiv dem Tora-Studium. Nach dem Tod seines Vaters zog seine Mutter mit der Familie nach Radin, wo er seine Studien fortsetzte. Schon früh wurde seine außergewöhnliche Begabung erkannt. Er entwickelte sich zu einem großen Kenner der halachischen Literatur und war zugleich stark von der Überzeugung geprägt, dass das Torastudium nur dann seine volle Bedeutung erhält, wenn es zu einem besseren und verantwortungsvolleren Leben führt.
Im Jahr 1873, im Alter von fünfunddreißig Jahren, veröffentlichte er anonym sein erstes großes Werk, den „Chafez Chajim“. Das Buch widmet sich den Gesetzen von Lashon Hara, übler Nachrede, Verleumdung und schädlichem Klatsch. Der Titel „Chafez Chajim“ – „der das Leben begehrt“ – ist den Worten aus Tehillim (Psalm 34,13–14) entnommen:
„Wer ist der Mann, der das Leben begehrt, der Tage liebt, um Gutes zu sehen? Behüte deine Zunge vor Bösem und deine Lippen vor trügerischer Rede.“
Mit diesem Werk leistete der Chafez Chajim Pionierarbeit. Er systematisierte die zahlreichen halachischen Vorschriften über den richtigen Umgang mit Sprache und machte sie für den praktischen Alltag verständlich und anwendbar. Er legte größten Wert darauf, dass diese Gesetze nicht lediglich theoretisch studiert, sondern tatsächlich im täglichen Leben eingehalten werden.
Der Chafez Chajim beschäftigte sich nicht nur mit den Gesetzen des Lashon Hara, sondern wollte auch das Bewusstsein für die moralischen und geistigen Gefahren einer unbeherrschten Sprache stärken. Zu diesem Zweck verfasste er einige Jahre später sein zweites bedeutendes Werk „Schmirat haLaschon“ („Die Bewahrung der Zunge“), das 1876 erschien. Während der „Chafez Chajim“ vor allem die halachischen Vorschriften behandelt, beschäftigt sich „Schmirat haLaschon“ stärker mit den ethischen und moralischen Grundlagen dieser Gesetze und erklärt, weshalb die Beherrschung der Sprache für die geistige Entwicklung des Menschen von so großer Bedeutung ist.
Zu seinen weiteren bedeutenden Werken gehören „Machaneh Jisrael“, „Ahawat Chessed“ und weitere Schriften zu Halacha, Mussar und jüdischer Lebensführung.
Das Buch „Machaneh Jisrael“, entstand aus der Sorge des Chafez Chajim um junge jüdische Männer, die zum Militärdienst eingezogen wurden und dort besonderen Schwierigkeiten bei der Einhaltung der Mizwot ausgesetzt waren. Das Hauptziel war, jüdischen Soldaten praktische Hilfestellung für ein religiöses Leben im Militär zu geben. Der Chafez Chajim wollte ihnen zeigen, dass auch unter schwierigen Bedingungen ein Leben nach der Halacha möglich und notwendig ist.
Behandelt werden unter anderem:
- Schabbat und Feiertage unter den Bedingungen des Militärdienstes
- Kaschrut und die Versorgung mit koscherem Essen
- Tefillin und Tefilla
- Tahara und persönliche religiöse Pflichten
- der Umgang mit nichtjüdischen Kameraden und der militärischen Umgebung
- die Frage, welche Mizwot unter Zwang bzw. unter besonderen Umständen eingehalten werden können oder müssen
- vor allem aber die geistige Stärkung des Soldaten, damit er trotz der schwierigen Umgebung seine jüdische Identität bewahrt.
Der Name Machaneh Jisrael – „Das Lager Israels“ ist dabei sehr passend: Der Chafez Chajim betrachtet den jüdischen Soldaten als jemanden, der sich in einem fremden „Lager“ befindet, aber auch dort Teil von Klal Jisrael bleibt. Das Werk hatte eine sehr praktische Bedeutung. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts wurden viele jüdische junge Männer in den russischen Militärdienst eingezogen. Für einen religiösen Juden konnte der Dienst erhebliche halachische Probleme mit sich bringen. Der Chafez Chajim wollte deshalb nicht nur moralisch ermahnen, sondern konkrete halachische Orientierung geben.
Mit „Ahawat Chessed“ beschäftigte er sich ausführlich mit den Gesetzen und der geistigen Bedeutung von Chessed, der tätigen Nächstenliebe und Wohltätigkeit. In seinen Werken verband er stets die genaue halachische Analyse mit einer eindringlichen moralischen Botschaft.
Sein bekanntestes halachisches Werk und zugleich sein Lebenswerk ist der „Mischna Berura“. Dieser umfangreiche Kommentar zum Teil Orach Chajim des Schulchan Aruch entstand über einen Zeitraum von etwa fünfundzwanzig Jahren, von 1884 bis 1907. Der Chafez Chajim wurde dabei von seinem Sohn und seinen Schwiegersöhnen unterstützt.
Der „Mischna Berura“ kommentiert den Orach Chajim des Schulchan Aruch nahezu Satz für Satz und sammelt und erläutert die Ansichten zahlreicher früherer und späterer halachischer Autoritäten. Das Werk zeichnet sich durch seine außergewöhnliche Systematik, seine klare Sprache und die sorgfältige Darstellung der unterschiedlichen halachischen Meinungen aus. Es wurde zu einem der wichtigsten halachischen Nachschlagewerke des aschkenasischen Judentums und besitzt bis heute einen herausragenden Stellenwert im praktischen jüdischen Leben.
Der Schulchan Aruch selbst wurde von Rabbi Josef Karo (1488–1575) in Safed verfasst. Die für aschkenasische Juden besonders wichtigen Ergänzungen stammen von Rabbi Mosche Isserles (1520–1572), dem Rem’a, aus Krakau. Der „Mischna Berura“ stellt eine umfassende Kommentierung des Abschnitts Orach Chajim dar und wurde für Generationen von Tora-Gelehrten und praktizierenden Juden zu einem zentralen halachischen Werk.
Der Chafez Chajim beschränkte seine Tätigkeit jedoch nicht auf das Verfassen von Büchern. Er erkannte früh die großen Herausforderungen, denen das jüdische Volk in der modernen Welt gegenüberstand. Er setzte sich deshalb intensiv für die Stärkung des Tora- und Jeschiwa-Studiums, für die Erziehung der Jugend und für die Bewahrung des traditionellen jüdischen Lebens ein.
Eine besondere Bedeutung hatte für ihn die Frage, wie jüdische Männer, die ihren Lebensunterhalt verdienen mussten, dennoch regelmäßig und systematisch Tora lernen konnten. Er unterstützte deshalb die Einrichtung von Kollelim und förderte Strukturen, die es ermöglichten, auch außerhalb einer Jeschiwa ein intensives Tora-Studium aufrechtzuerhalten.
Der Chafez Chajim war außerdem einer der führenden rabbinischen Köpfe, die die Bedeutung der Weltorganisation Agudat Jisrael erkannten. Bei der Gründung der Organisation im Jahr 1912 gehörte er zu den wichtigsten geistigen Führern. Gemeinsam mit anderen großen rabbinischen Persönlichkeiten seiner Zeit setzte er sich für die Einheit des orthodoxen Judentums und für die Stärkung des religiösen jüdischen Lebens ein.
Sein Einfluss beruhte jedoch nicht allein auf seinen Büchern oder seiner öffentlichen Tätigkeit. Menschen aus vielen Ländern suchten seinen Rat. Rabbiner, Rosche Jeschiwa, Geschäftsleute und einfache Juden wandten sich an ihn mit halachischen und persönlichen Fragen. Seine Antworten waren häufig von großer Klarheit, aber zugleich von außergewöhnlicher menschlicher Sensibilität geprägt.
Besonders eindrucksvoll war seine Haltung gegenüber dem Menschsein und der zwischenmenschlichen Verantwortung. Für ihn waren die Gesetze zwischen Mensch und Mitmensch keine Nebensache, sondern ein zentraler Bestandteil des jüdischen Lebens. Die sorgfältige Einhaltung der Gebote zwischen dem Menschen und Haschem konnte für ihn nicht von der Verpflichtung getrennt werden, die Würde und Gefühle des anderen Menschen zu achten.
Seine Werke zeigen deshalb eine bemerkenswerte Verbindung von Halacha und Mussar. Er wollte nicht nur erklären, was nach jüdischem Recht erlaubt oder verboten ist, sondern den Menschen dazu bringen, die geistige Bedeutung seines Handelns zu verstehen und sein Verhalten entsprechend zu verändern.
Der Chafez Chajim wurde dadurch zu einer der einflussreichsten rabbinischen Persönlichkeiten seiner Zeit. Sein Name wurde weit über die Grenzen Osteuropas hinaus bekannt. Zahlreiche jüdische Gemeinden und Tora-Gelehrte betrachteten ihn als eine der grössten geistigen Autoritäten seiner Generation.
Er verschied im hohen Alter von 95 Jahren am 24. Elul 5693 (15. September 1933) in Radin. Sein Einfluss blieb jedoch weit über seinen Tod hinaus bestehen. Seine Bücher gehören bis heute zu den meiststudierten Werken der orthodoxen jüdischen Welt. Besonders der Mischna Berura ist ein grundlegendes halachisches Werk des aschkenasischen Judentums, während Chafez Chajim und Schmirat haLaschon Generationen von Juden für die Bedeutung der Heiligkeit der menschlichen Sprache sensibilisiert haben.
Der Name „Chafez Chajim“ wurde schließlich so eng mit Rabbi Jisrael Me’ir Kagan verbunden, dass er selbst unter diesem Namen weltberühmt wurde. Sein Lebenswerk verkörpert in besonderer Weise die Verbindung von Tora, Halacha, Mussar und persönlicher Verantwortung.
Rabbi Awraham Kalmanowitz
Rabbi Awraham Kalmanowitz sZl. (1891–1964): Bedeutender Tora-Gelehrter, Rabbiner und Rosch Jeschiwa. Er war ein Schüler des Chafez Chajim und gehörte zu den führenden Persönlichkeiten der Mirer-Jeschiwa.
Im Jahr 1926 wurde er zum Ehrenpräsidenten der Mirer-Jeschiwa gewählt und begann, in den Vereinigten Staaten Spenden für die Jeschiwa zu sammeln. In den 1930er-Jahren erwarb er die amerikanische Staatsbürgerschaft und erhielt einen US-amerikanischen Pass.
Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs floh Rabbi Kalmanowitz zusammen mit Tausenden anderen Rabbinern und Jeschiwa-Schülern nach Wilna. Mit dem Segen von Rabbi Chajim Oser Grodzinski nutzte er seinen amerikanischen Pass, um über Schweden in die Vereinigten Staaten zu gelangen. Im April 1940 traf er in New York ein.
Unmittelbar nach seiner Ankunft widmete er sich mit ganzer Kraft der Rettung der Rabbiner, Roschej Jeschiwa und Jeschiwa-Schüler, die noch in Europa festsaßen. Dabei griff er auf seine weitreichenden rabbinischen und politischen Kontakte zurück, die er bereits zuvor aufgebaut hatte.
Im Winter 1940 schloss sich Rabbi Kalmanowitz dem Waad Hazalah, dem jüdischen Rettungskomitee unter der Leitung von Rabbi Eliezer Silver, an und wurde bald zu einer der führenden Persönlichkeiten dieser Organisation. Er war als unermüdlicher Kämpfer für die Rettung bekannt. Unzählige Briefe und Telegramme richtete er an Regierungsvertreter und politische Entscheidungsträger, in denen er eindringlich um Hilfe für die Juden bat, die im nationalsozialistisch besetzten Europa gefangen waren, ebenso wie für jene, die in der Sowjetunion festsaßen.
Mit grossem persönlichem Einsatz wirkte er schliesslich an der Rettung der Mirer-Jeschiwa aus Europa mit und sorgte dafür, dass ihre Schüler während ihres Aufenthalts in Japan und Shanghai unterstützt wurden. Nach dem Krieg gründete er 1946 die amerikanische Mirer-Jeschiwa in Brooklyn und stand ihr bis zu seinem Tod im Jahr 1964 als Rosch Jeschiwa vor.
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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich
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