Tischri/ Rosch Haschana
Tischri/ Rosch Haschana

Lehrreiche Geschichte zur Elul-Zeit

Elul ist unsere Chance zur Teschuwa – aus freiem Willen, bevor wir dazu gezwungen werden!

Lehrreiche Geschichte zur Elul-Zeit

Elul ist unsere Chance zur Teschuwa – aus freiem Willen, bevor wir dazu gezwungen werden!
Foto: AI Avigail

Lehrreiche Geschichte zur Elul-Zeit

Ergänzungen: S. Weinmann

Die Händler, die zu Ba’alej Teschuwa wurden

Zwei jüdische Händler waren einst aus geschäftlichen Gründen tief ins Innere Russlands gereist. Dort liessen sie sich für einige Jahre nieder. Ihre Geschäfte florierten, und materiell schien es ihnen an nichts zu fehlen.

Doch während sie äusserlich immer erfolgreicher wurden, entfernten sie sich innerlich zunehmend von ihrem jüdischen Leben. Die Beachtung der Mizwot liessen sie nach und nach immer mehr ausser Acht. Sie mischten sich unter die Nichtjuden und übernahmen vieles von deren Lebensweise.

Nach einigen Jahren beschlossen sie, wieder in die Gegend ihrer Heimat zurückzukehren, in eines der Dörfer, in denen jüdische Familien lebten.

Züge gab es damals noch nicht, und so machten sie sich mit Pferd und Wagen auf den langen Weg.

Eine verhängnisvolle Nacht

Als die Dunkelheit hereinbrach, erreichten sie ein Dorf im Bezirk Kursk. Da sie nicht mehr weiterreisen konnten, hielten sie vor dem Haus eines Nichtjuden und fragten, ob sie dort übernachten dürften.

Der Hausherr empfing sie freundlich und hiess sie willkommen.
Die beiden Reisenden baten zunächst um etwas Warmes zu trinken. Der Hausherr stellte sofort seinen Samowar auf und brachte ihnen heissen Tee.

Nach dem Tee meldete sich der Hunger. „Könntest du uns vielleicht auch etwas zu essen geben?“, fragten sie. „Wir sind sehr hungrig. Bereite uns bitte eine anständige Mahlzeit zu – Fleisch und etwas Gekochtes. Selbstverständlich werden wir dich dafür bezahlen.“ 

Der Hausherr sah sie aufmerksam an.
„Ihr seid doch Juden, nicht wahr?“, fragte er.
Die beiden nickten.

„Dann wisst ihr doch, dass das Fleisch und die gekochten Speisen bei mir trejfe sind – nicht koscher.“
Die beiden lächelten.

„Das macht nichts“, antworteten sie. „Es ist schon in Ordnung.“
„Gut“, sagte der Hausherr. „Dann müsst ihr ein wenig warten, bis ich den Herd angezündet und das Fleisch zubereitet habe.“

Die beiden setzten sich und warteten.
Doch plötzlich veränderte sich alles.

Die Drohung

Nach einiger Zeit öffnete sich die Tür.
Der Hausherr trat ein.

In seiner Hand hielt er eine Axt.
Sein Gesicht war verzerrt von Wut, und mit erschreckender Stimme rief er:

„Bereitet euch auf euren Tod vor! Ich werde euch beide bald ermorden!“
Die beiden Juden erstarrten vor Schreck.

„Was haben wir denn getan?“, stammelten sie. „Was ist unsere Sünde?“
Doch der Mann blieb unerbittlich.

„Es wird euch nichts nützen. Ich bin ein Räuber. Das ist mein Geschäft.“
Dann verliess er das Zimmer und verschloss die Tür von aussen.
Die beiden hörten, wie er seine Axt schärfte. Wenig später hörten sie, wie er zu seinem Sohn sagte:
„Bei Tagesanbruch gehen wir hinein und bringen die beiden um.“

Jetzt wussten die Juden, dass sie sich in einer tödlichen Falle befanden.
Es gab keinen Ausweg.

Der Augenblick der Wahrheit

Verzweifelt begannen sie zu weinen.

In ihrer Angst gingen ihre Gedanken zurück zu ihrem bisherigen Leben.

„Warum haben wir nur unsere Heimat verlassen?“, fragten sie sich. „Warum sind wir in diese weit entfernte Gegend gezogen? Warum sind wir hierhergekommen?“

Doch bald merkten sie, dass ihre Gedanken noch viel weiter zurückgehen mussten.
Sie erinnerten sich an die Jahre, in denen sie sich von der Tora entfernt hatten. An die Mizwot, die sie vernachlässigt hatten. An die jüdische Lebensweise, die ihnen einst selbstverständlich gewesen war und die sie immer weiter aufgegeben hatten.

Plötzlich öffnete sich die Tür.
Der Hausherr stand wieder vor ihnen.

„Ihr habt nur noch wenig Zeit zu leben“, sagte er. „Wenn ihr beten oder Widuj – ein Sündenbekenntnis – ablegen wollt, werde ich euch ein besonderes Zimmer zeigen. Aber bleibt dort nicht zu lange. Bald werde ich euch töten.“
Die beiden folgten ihm.

Teschuwa aus tiefstem Herzen

Der Hausherr führte sie in ein kleines Zimmer.

Kaum waren sie eingetreten, geschah etwas, womit sie selbst nicht gerechnet hatten.
Eine tiefe Reue ergriff sie.

All das, was sie über Jahre verdrängt hatten, kam plötzlich mit gewaltiger Kraft zurück. Sie spürten, wie sehr sie sich von ihrem früheren Leben entfernt hatten.
Sie begannen zu dawenen – so gut sie sich noch an die Gebete ihrer Jugend erinnern konnten.

Sie weinten.

Sie schluchzten.
Sie flehten.

Und sie beteten aus der tiefsten Tiefe ihres Herzens.

Es war keine gewöhnliche Tefilla mehr. Es war ein Aufschrei zweier Menschen, die plötzlich erkannten, was sie verloren hatten.

Sie baten HaKadosch Baruch Hu um Vergebung und versprachen, zu Ihm und zu Seiner Tora zurückzukehren.

Die überraschende Wendung

Nach einiger Zeit öffnete sich erneut die Tür.

Die beiden erschraken.

Doch diesmal sahen sie einen völlig anderen Menschen vor sich.

Der Hausherr lächelte.

Sein Gesicht war freundlich und ruhig.
„Ihr seid frei“, sagte er.

Die beiden verstanden die Welt nicht mehr.

„Was bedeutet das?“
„Ich hatte niemals vor, euch zu ermorden“, erklärte der Mann. „G-tt behüte! Ich bin kein Mörder. Hinter allem, was geschehen ist, steckt eine Geschichte.“

Und er begann zu erzählen:

„Vor vielen Jahren kam ein heiliger Jude auf seiner Reise in unser Dorf und nahm in meinem Haus Quartier. Während seines Aufenthalts wurde er schwer krank und starb schliesslich in genau diesem Zimmer.

Bevor er starb, segnete er mich mit einem langen Leben. Danach bat er mich um einen besonderen Gefallen.

‚Wenn künftig Juden durch dein Dorf kommen und bei dir übernachten möchten‘, sagte er, ‚empfange sie freundlich und gastfreundlich.

Wenn sie jedoch unkoscheres Fleisch bei dir essen wollen, dann drohe ihnen ernsthaft. Erschrecke sie sogar mit der Drohung, sie zu töten.

Aber vergiss niemals: Du darfst ihnen unter keinen Umständen etwas antun. Es soll bei der Drohung bleiben.‘

Als der heilige Mann starb, begleiteten seine Angehörigen ihn zur Beerdigung in eine Stadt mit einem jüdischen Friedhof.
Ich aber verschloss dieses Zimmer. Seitdem lasse ich niemanden hinein – ausser Juden, die darin beten möchten.

Nun versteht ihr sicher, warum ich euch so erschreckt habe, nachdem ihr unkoscheres Fleisch essen wolltet.“

Wer war der Zaddik?

Die beiden Juden waren zutiefst erschüttert.

Was zunächst wie eine schreckliche Bedrohung ausgesehen hatte, erwies sich als eine wunderbare Fügung des Himmels.

Doch eine Frage liess ihnen keine Ruhe:

Wer war jener heilige Mann gewesen?

Sie begannen Nachforschungen anzustellen und erfuhren, dass das Dorf, in dem sie sich befanden, Pajane hiess.

Und dann erfuhren sie etwas, das sie tief bewegte:

Der heilige Zaddik war niemand anderer als der alte Lubawitscher Rebbe, Rabbi Schne’ur Salman von Liadi, der Ba’al HaTanja.

Während des Krieges gegen Napoleon war er mit seiner Familie und einigen Schülern vor den herannahenden französischen Truppen geflohen. Im Jahr 5573 (1812) war er in diesem Dorf verstorben.
Seine Angehörige brachten ihn zur Kewura (Begräbnis) in die Stadt Hadicz im Distrikt Poltova.

Am Grab des Zaddiks

Die beiden Juden machten sich unverzüglich auf den Weg nach Hadicz.

Dort suchten sie das Grab des heiligen Zaddiks auf.

Im Ohel verbrachten sie lange Zeit mit intensivem Dawenen und dem Sagen von Tehillim. Sie weinten, seufzten und flehten aus tiefstem Herzen.

Doch diesmal war ihr Weinen ein anderes als jenes in der Nacht zuvor.

Dort hatten sie um ihr Leben gefleht.

Hier flehten sie um etwas viel Grösseres:
um ein neues Leben.

Sie hatten erkannt, dass ihnen eine einzigartige Gelegenheit zur Teschuwa geschenkt worden war.
Und sie nutzten sie.
Sie verliessen den Ort erst, nachdem sie zu aufrichtigen Ba’alej Teschuwa geworden waren – zu Menschen, die ihr früheres Leben hinter sich liessen und sich wieder vollständig der Tora und den Mizwot zuwandten.

Eine Botschaft für Elul

Diese Geschichte trägt eine besonders eindringliche Botschaft für die Tage des Elul:

Manchmal braucht es einen Augenblick, der uns aus unserem gewohnten Leben herausreisst, damit wir erkennen, wo wir wirklich stehen.

Elul ist die Zeit, in der wir nicht darauf warten sollten, dass ein solcher Augenblick von aussen kommt.

Wir haben die Möglichkeit, selbst innezuhalten, unser Leben zu betrachten und uns zu fragen:
Wo stehe ich? Wohin führt mein Weg? Was muss ich verändern?

Die beiden Händler erhielten eine zweite Chance.

Elul ist unsere Chance, sie zu ergreifen – freiwillig, bevor wir dazu gezwungen werden.

Denn Teschuwa bedeutet nicht nur, Fehler zu erkennen.

Teschuwa bedeutet, den Weg zurückzufinden.

Quellen und Persönlichkeiten:

Rabbi Schne’ur Salman von Liadi – Ba’al HaTanja
Rabbi Schne’ur Salman ben Baruch von Liadi (1745–1812); Ljosna, Weissrussland; begraben in Hadicz, Ukraine. Rabbiner, Talmudgelehrter und Begründer der chassidischen Chabad-Lubawitsch-Bewegung.
Er war der Verfasser des Likutej Amarim, bekannt als Tanja, einer systematischen Darstellung der chassidischen Philosophie. Aufgrund dieses grundlegenden Werkes wird er allgemein als Ba’al HaTanja bezeichnet.
Zu seinen bedeutendsten Werken gehört ferner der Schulchan Aruch HaRav, eine eigenständige Bearbeitung des klassischen Schulchan Aruch, in der halachische Entscheidungen ausführlich dargestellt und begründet werden.
Weitere bedeutende Werke sind Tora Or und Likkutej Tora, chassidische Erklärungen zu den wöchentlichen Tora-Abschnitten sowie zu Schir HaSchirim und dem Buch Esther, ferner Sefer HaMa’amrim, auch bekannt als Ma’amarej Admor HaSaken, eine Sammlung chassidischer Erklärungen zu verschiedenen Themen.
Rabbi Schne’ur Salman gilt als eine der herausragenden Gestalten des Chassidismus und als geistiger Begründer der Chabad-Tradition.
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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich
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