Die Hand des Zugbegleiters ergreifen
Rav Frand zum Monat Elul 5786
Bearbeitet und ergänzt von S. Weinmann
Die folgende Geschichte hörte ich von Rabbi Ephraim Wachsman. Ich möchte nicht, dass mir dasselbe widerfährt wie ihm, und deshalb erzähle ich sie bereits jetzt.
Rabbi Wachsman betete einmal an Jom Kippur in einer bestimmten Jeschiwa als Vorbeter tätig. Vor Ne’ila, dem abschließenden Gebet von Jom Kippur, wurde er gebeten, zur Gemeinde zu sprechen und sie auf die letzten Gebete des heiligen Tages einzustimmen. Er erzählte ihnen folgende Geschichte:
Ein Mann musste mit dem Zug von einer Stadt in eine andere reisen. Er erkundigte sich nach dem Fahrpreis und erfuhr, dass es verschiedene Preiskategorien gab. Eine gewöhnliche Fahrkarte für die 2. Klasse kostete einen bestimmten Betrag; eine Fahrkarte für die 1. Klasse war deutlich teurer.
Doch es gab eine besondere Regelung: Wenn er vier Stunden vor der Abfahrt am Bahnhof eintraf, konnte er eine Fahrkarte für die 1. Klasse zum Preis einer gewöhnlichen Fahrkarte kaufen.
Der Mann war jedoch nicht besonders begeistert von der Vorstellung, vier Stunden am Bahnhof auf seinen Zug zu warten. Also verzichtete er auf die Möglichkeit, in der 1. Klasse zu reisen.
Daraufhin erklärte man ihm: Wenn er zwei Stunden vor der Abfahrt komme, könne er sich noch seinen gewünschten Sitzplatz in der 2. Klasse aussuchen. Danach würden die Plätze nach dem Prinzip „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“ vergeben.
Doch auch diesmal dachte er: „Warum soll ich zwei Stunden früher zum Bahnhof gehen, meine Zeit verschwenden und dort herumsitzen? Dann bekomme ich eben nicht meinen Wunschplatz.“
Schließlich sagte man ihm: Wenn er eine halbe Stunde vor der Abfahrt komme, seien bereits alle Sitzplätze verkauft. Es gebe dann nur noch Stehplätze.
„Aber“, dachte der Mann, „die Fahrt ist ja nicht lang. Was macht es schon, wenn ich stehen muss? Ich komme einfach eine halbe Stunde vorher und kaufe eine Fahrkarte für einen Stehplatz.“
Doch wie es manchmal kommt: Er kam nicht vier Stunden früher. Er kam nicht zwei Stunden früher. Er kam nicht einmal eine halbe Stunde früher.
Er kam in letzter Minute.
Als er zum Bahnsteig hinunterlief, sah er, dass sich der Zug bereits in Bewegung gesetzt hatte. Er begann, dem Zug hinterherzulaufen. Er rannte immer schneller, während auch der Zug an Geschwindigkeit gewann.
Da bemerkte er am letzten Wagen den Zugbegleiter, der ihm die Hand entgegenstreckte.
Wenn es ihm nur gelingen würde, diese Hand zu ergreifen, könnte der Zugbegleiter ihn noch in den Zug hineinziehen.
Der Mann rannte und rannte und versuchte verzweifelt, die ausgestreckte Hand zu erreichen.
An dieser Stelle zitierte Rabbiner Wachman einen Satz aus unseren Gebeten:
„Du streckst Deine Hand den Sündern entgegen“ – „Ata noten Jad laPosch’im.“
Rabbiner Wachsman erklärte:
Ne’ila verkörpert genau diese Vorstellung: „Ata noten Jad laPosch’im“ – Du streckst Deine Hand den Sündern entgegen, wie wir es im Gebet der Tefilat Ne’ila rezitieren.
Wer bis zu Ne’ila wartet, um Teschuwa zu tun, gleicht jenem Fahrgast, der den bereits abfahrenden Zug verfolgt und verzweifelt versucht, die Hand des Zugbegleiters zu ergreifen.
Dann zeigte Rabbiner Wachsman, wie sich die verschiedenen Zeiten des Jahres mit den einzelnen Phasen der Zugfahrt vergleichen lassen:
Rosch Chodesch Elul gleicht den vier Stunden vor der Abfahrt. Zu diesem Zeitpunkt kann man gewissermaßen noch in der 1. Klasse zum Preis der 2. Klasse fahren.
Rosch Haschana gleicht den zwei Stunden vor der Abfahrt. Noch kann man sich seinen gewünschten Platz in der 2. Klasse aussuchen.
Die ‘Asseret Jemej Teschuwa’, die ‘Zehn Tage der Umkehr’, gleichen der Phase, in der die Plätze nach dem Prinzip „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“ vergeben werden.
Die ersten Gebete an Jom Kippur gleichen schließlich den Stehplätzen – die Möglichkeiten werden immer begrenzter.
Doch bei Ne’ila sind wir bereits bei:
„Ata noten Jad laPosch’im“ – „Du streckst Deine Hand den Sündern entgegen.“
Dann wandte sich Rabbiner Wachsman an die Schüler der Jeschiwa und sagte:
„Meine Freunde, jetzt ist der Augenblick für ‚Du streckst Deine Hand den Sündern entgegen‘.“
Anschließend betete er Ne’ila am Amud (Vorbeter-Pult). Die Atmosphäre im gesamten Raum war von einer außergewöhnlichen geistigen Spannung und tiefen Ergriffenheit erfüllt.
Nach Neïla kam ein junger Schüler zu ihm und sagte:
„Rebbe, warum haben Sie uns diese Geschichte nicht schon an Rosch Chodesch Elul erzählt?!“
Ich möchte nicht, dass mir später jemand denselben Vorwurf macht und fragt, warum ich diese Geschichte nicht schon früher erzählt hätte – deshalb erzähle ich sie bereits jetzt.
Quellen und Persönlichkeiten:
Rabbi Ephraim Wachsman
Rabbi Ephraim Wachsman ist ein bedeutender amerikanischer orthodoxer Rabbiner und international bekannter Magid und Redner. Bekannt ist er insbesondere für seine eindringlichen Vorträge über Teschuwa, Emuna, Awodat Haschem und die Hohen Feiertage. Er ist als Rosch Jeschiwa der Jeschiwa Ohr Jitzchok tätig und hat über Jahrzehnte hinweg zahlreiche Gemeinden und Jeschiwot mit seinen Vorträgen inspiriert.
Besonders bekannt sind seine Ansprachen zur Vorbereitung auf Rosch Haschana und Jom Kippur. Dabei verwendet er häufig anschauliche Gleichnisse und eindringliche Geschichten, die den Zuhörer zur geistigen Erneuerung, zur Besinnung und zur Teschuwa bewegen sollen. Seine Gleichnisse und Geschichten haben weite Verbreitung gefunden und sind zu wertvollen Denkanstößen für viele Menschen geworden.
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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich
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