Elul/ Paraschat Ki Teze
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„Lernst du?“ – „Ich lerne immer, wenn ich Zeit habe“ (Paraschat Ki Tawo 5786)

Was ist das Geheimnis für Erfolg beim Lebensunterhalt?

„Lernst du?“ – „Ich lerne immer, wenn ich Zeit habe“ (Paraschat Ki Tawo 5786)

Was ist das Geheimnis für Erfolg beim Lebensunterhalt?
Foto: AI Avigail

„Lernst du?“ – „Ich lerne immer, wenn ich Zeit habe“

Rav Frand zu Paraschat  Ki Tawo 5786

Bearbeitet und ergänzt von S. Weinmann

Weitere Artikel zum Wochenabschnitt finden Sie hier

Der Wochenabschnitt Ki Tawo enthält die erschütternden Worte der Tochecha, die 98 Verwünschungen, die in eindringlicher Ausführlichkeit beschrieben werden. Darin warnt uns der Allmächtige vor den Folgen, die uns – G-tt behüte – erwarten, wenn wir Seine Tora nicht einhalten.

Doch bevor die Tochecha beginnt, verkündet die Tora zunächst eine Reihe von Segnungen:

„Und es wird geschehen: Wenn du auf die Stimme des Ewigen, deines G-ttes, hörst und darauf achtest, alle Seine Gebote zu erfüllen … dann werden all diese Segnungen über dich kommen und dich erreichen.“  (Dewarim 28,1–14)

Unmittelbar danach folgt die Kehrseite: Was geschieht, wenn wir nicht auf die Gebote des Ewigen hören? Die Flüche spiegeln die Segnungen wider. Statt „Gesegnet seist du in der Stadt und gesegnet seist du auf dem Feld. Gesegnet seist du bei deinem Kommen und gesegnet seist du bei deinem Gehen“ (Dewarim 28,3 und 6) heißt es nun:

„Verflucht seist du in der Stadt und verflucht seist du auf dem Feld. Verflucht seist du bei deinem Kommen und verflucht seist du bei deinem Gehen.“   (Dewarim 28,16 und 19)

Was bedeutet „bei deinem Gehen“?

Der Targum Jonathan übersetzt diese Verse auf bemerkenswerte Weise. „Verflucht seist du bei deinem Kommen“ bedeutet demnach: Du wirst verflucht sein, wenn du in das Theater und den Zirkus kommst – weil du deine Zeit mit belangloser Unterhaltung verschwendest, anstatt sie zum Tora-Studium zu nutzen.
Und „verflucht seist du bei deinem Gehen“ bezieht sich darauf, wenn du hinausgehst, um deinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Hier stellt sich eine naheliegende Frage: Was ist denn falsch daran, seinen Lebensunterhalt zu verdienen?

Ein Jude muss arbeiten. Er muss seine Familie ernähren und für ihren Lebensunterhalt sorgen. Die Tora selbst sagt:
„Und du wirst deine Ernte einbringen.“ (Dewarim 11,14)
Wir können verstehen, warum die Tora vor unangemessener oder ausschweifender Unterhaltung warnt. Aber warum soll sogar das Arbeiten für den Lebensunterhalt mit einem Fluch verbunden sein?

Arbeiten ist kein „Bitul Tora“

Rabbi Avraham Pam sel. A. erklärte, dass es selbstverständlich nichts Falsches daran gibt, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Wer eine Familie zu versorgen hat, ist dazu verpflichtet. Die notwendige Arbeit stellt deshalb nicht automatisch Bitul Tora, eine Vernachlässigung des Torastudiums, dar.

Doch es kommt darauf an, welche Einstellung ein Mensch zu seiner Arbeit und zu seiner freien Zeit hat.
Niemand arbeitet sechzehn Stunden am Tag. Was tut er mit der Zeit, in der er nicht arbeitet?
Wenn er seine freie Zeit zum Torastudium, für seine Familie und für die Unterstützung im Haushalt verwendet, zeigt dies, dass er nur deshalb arbeitet, weil er dazu gezwungen ist. Seine Arbeit ist dann tatsächlich ein Ones – eine äußere Notwendigkeit.

Wenn dagegen das Torastudium oder der Besuch eines Schiur ganz unten auf der persönlichen Prioritätenliste steht, zeigt dies etwas anderes: Dann arbeitet der Mensch nicht nur deshalb, weil er seinen Lebensunterhalt verdienen muss. Vielmehr sucht er jede mögliche Beschäftigung, um nicht lernen zu müssen. Er findet immer eine Ausrede, warum er gerade jetzt keine Zeit zum Lernen hat.
Auf einen solchen Menschen beziehen sich die Worte:
„Verflucht seist du bei deinem Kommen … und verflucht seist du bei deinem Gehen.“
Natürlich muss ein Mensch seinen Lebensunterhalt verdienen. Aber seine innere Einstellung sollte sein:
„Wann immer ich die Möglichkeit habe, möchte ich meine Zeit sinnvoll nutzen – auch und gerade für mein geistiges Wachstum und das Studium der Tora.“

Anmerkung des Herausgebers:

Zum besseren Verständnis sei darauf hingewiesen, dass diese Erklärung tatsächlich dem Sinn des Targum Jonathan entspricht.
Bei den Segenssprüchen – „Gesegnet seist du bei deinem Kommen und gesegnet seist du bei deinem Gehen“ – erklärt der Targum Jonathan:
Gesegnet wirst du sein, wenn du in das Lehrhaus (Bejt Hamidrasch) kommst, und gesegnet wirst du sein, wenn du hinausgehst, um deinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Interessant ist dabei, dass der Targum Jonathan beim „Gehen“ sowohl bei den Segnungen als auch bei den Verwünschungen dieselbe Bedeutung verwendet: Es bezeichnet den Gang zur Arbeit, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Der entscheidende Unterschied liegt beim „Kommen“:
Bei den Verwünschungen bedeutet „bei deinem Kommen“, dass du in das Theater und den Zirkus kommst und dort deine Zeit mit belangloser Unterhaltung verschwendest.
Bei den Segnungen hingegen bedeutet „bei deinem Kommen“, dass du in das Bejt Hamidrasch, das Lehrhaus, kommst, um Tora zu lernen.

Damit wird deutlich: Der Targum Jonathan betrachtet das Arbeiten keineswegs als etwas Negatives. Der Gang zur Arbeit gehört zum normalen und notwendigen Leben des Menschen. Der entscheidende Punkt ist vielmehr, wofür ein Mensch seine freie Zeit verwendet und welchen Stellenwert das Torastudium in seinem Leben einnimmt.

„Lernst du?“ – „Ich lerne immer, wenn ich Zeit habe“

Rabbi Joseph Henkin, sel. A., begegnete einst dem ‘Chason Isch’, Rabbi Awraham Jeschajahu Karelitz, als beide noch in Europa lebten.

Damals kannte er den Chason Isch noch nicht und ahnte selbstverständlich nichts von dessen späterer Größe. Zufällig befanden sich beide im Vorraum des Rabbiners – Rav Joel Sorotzkin – und warteten darauf, von diesem empfangen zu werden. Dabei kamen sie miteinander ins Gespräch.

Rabbi Henkin fragte ihn:
„Wie heißen Sie?“
Der Mann antwortete:
„Avraham Jeschajahu Karelitz.“
„Und was machen Sie?“, fragte Rabbi Henkin.
„Ich habe ein Geschäft“, antwortete er.
Das war richtig: Die Frau des Chason Isch führte ein Geschäft, durch dessen Einnahmen das Ehepaar seinen Lebensunterhalt bestritt.

Rabbi Henkin fragte weiter:
„Haben Sie feste Zeiten für das tägliche Torastudium?“
Die Antwort lautete:
„Wenn ich Zeit habe, lerne ich.“

Später wurde Rabbi Henkin zum Rabbiner vorgelassen, auf den er gewartet hatte. Dieser teilte ihm mit, dass er seine Gemeinde für einige Monate verlassen und nach Russland reisen werde.
Während seiner Abwesenheit wolle er die Verantwortung für die Gemeinde einem Mann übergeben, der sich gerade im Vorraum befand: Rabbi Awraham Jeschajahu Karelitz – einem Gelehrten, der in allen Bereichen des Talmud bewandert sei.

Nun verstand Rabbi Henkin, mit wem er gerade gesprochen hatte.
Was der Chason Isch ihm gesagt hatte, war vollkommen wahr:
„Ich lerne immer, wenn ich Zeit habe“
Und er fand eben immer Zeit zum Lernen.
Und genau deshalb wurde er zum ‘Chason Isch’.

Quellen und Persönlichkeiten:

 Jonathan ben Usiel

Jonathan ben Usiel war einer der bedeutendsten Tannaim – der Gelehrten der Mischna-Zeit – und gehörte zu den achtzig Schülern, die bei Hillel Hasaken (dem Älteren) in der Zeit des römisch beherrschten Judäa lernten. Er galt als der bedeutendste unter den Schülern Hillels.

Der Talmud berichtet über ihn:
„Über Jonathan ben Usiel wurde gesagt: Jedes Mal, wenn er sich hinsetzte und sich mit der Tora beschäftigte, wurde jeder Vogel, der über seinem Kopf hinwegflog, durch seine Worte verbrannt.“
(Sukka 28a)

Raschi erklärt zur Stelle, dass dies geschah, weil sich Engel um ihn scharten, um seinen Worten der Tora zuzuhören.

Der Talmud berichtet außerdem, dass Jonathan ben Usiel eine aramäische Übersetzung – einen Targum – der Propheten anfertigte (Megilla 3a). Dieser Targum Jonathan ist bis heute überliefert. Von einer Übersetzung der Tora durch Jonathan ben Usiel berichtet der Talmud hingegen nicht. Daher besteht unter den Gelehrten weitgehend Einigkeit, dass der sogenannte Targum Jonathan zur Tora nicht tatsächlich von Jonathan ben Usiel verfasst wurde, auch wenn er traditionell seinen Namen trägt.
Das Grab von Jonathan ben Usiel befindet sich in Amuka in Obergaliläa und wird bis heute von zahlreichen Menschen besucht. Besonders viele unverheiratete Männer und Frauen kommen dorthin, um für einen guten und passenden Ehepartner zu beten.

Rabbi Awraham Jeschajahu Karelitz – der „Chason Isch“

Rabbi Awraham Jeschaja Karelitz (1878–1953), bekannt als „Chason Isch“ (חזון איש), war einer der bedeutendsten Talmudgelehrten und halachischen Autoritäten des 20. Jahrhunderts. Er wurde in Kossowa im damaligen Gouvernement Grodno, im heutigen Belarus, als Sohn des dortigen Rabbiners Rabbi Schmarijahu Josef Karelitz geboren. Schon früh zeigte sich seine außergewöhnliche Begabung und seine große Hingabe zum Torastudium.

Seinen Beinamen „Chason Isch“ erhielt er nach seinem ersten großen Werk, das er 1911 in Wilna anonym veröffentlichte. „Isch“ (איש) enthält dabei die Anfangsbuchstaben seines Namens Awraham Jeschaja. Seine Schriften zeichnen sich durch außergewöhnliche analytische Tiefe und Klarheit aus und behandeln zahlreiche Bereiche des Talmud und der Halacha.

Der Chason Isch führte ein äußerst bescheidenes und zurückgezogenes Leben und bekleidete nie ein offizielles rabbinisches Amt. Dennoch wurde er schon in Litauen von den bedeutendsten Rabbinern seiner Generation als herausragende halachische Autorität anerkannt. Neben seinen umfassenden Talmudkenntnissen beschäftigte er sich auch mit Astronomie, Mathematik, Anatomie und Botanik, soweit diese Kenntnisse für halachische Fragen von Bedeutung waren.

1933 kam er nach Erez Israel und ließ sich in Benej Berak nieder. Dort wurde sein Haus zu einem Zentrum des Toralernens und zu einem Anlaufpunkt für Rabbiner, Gelehrte und Menschen, die seinen Rat in halachischen und persönlichen Fragen suchten. Er hatte maßgeblichen Anteil am Wiederaufbau der Welt der Tora in Erez Israel nach der Zerstörung der europäischen jüdischen Zentren.

Zu seinen bedeutendsten Schriften gehören die umfangreichen „Chason Isch“-Bände zu verschiedenen Traktaten des Talmud und Bereichen der Halacha sowie „Emuna u-Bitachon“ und seine „Kovetz Igrot“. Seine Werke gehören bis heute zu den grundlegenden Büchern der modernen halachischen Literatur.
Der Chason Isch verschied am 15. Cheschwan 5714 (24. Oktober 1953) in Benej Berak. Sein Einfluss auf die Entwicklung des orthodoxen Judentums und insbesondere auf die Welt der Jeschiwot und der Halacha in Erez Israel war und ist außerordentlich groß.
 

Rabbi Yosef Eliyahu Henkin

Rabbi Yosef Eliyahu Henkin (1881–1973) wurde in Klimowitschi im heutigen Belarus als Sohn eines Rosch Jeschiwa geboren.. Im Alter von 16 Jahren kam er nach Sluzk und gehörte zu den ersten Schülern der dort von Rabbi Isser Zalman Meltzer gegründeten Jeschiwa. Während seiner sechsjährigen Studienzeit entwickelte er sich zu einem seiner herausragendsten Schüler.

Seine rabbinische Ordination erhielt er von bedeutenden Gelehrten seiner Zeit: von Rabbi Isser Zalman Meltzer, dem Ridwas (Rabbi Yaakov David Wilovsky), Rabbi Baruch Ber Leibowitz und Rabbi Jechiel Michel ha-Levi Epstein, dem Verfasser des Aruch ha-Schulchan.

Ende des Jahres 5685 (1925) wurde Rabbi Henkin zum Leiter der Organisation „Ezrat Torah“  berufen, die der Agudat HaRabbanim (Vereinigung der Rabbiner) angeschlossen war. Die Organisation war 1915, mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs, gegründet worden, um bedürftige Talmidei Chachamim (Tora-Gelehrte) und Flüchtlinge finanziell zu unterstützen.

Rav Henkin stand dieser Organisation 48 Jahre lang bis zu seinem Tod vor. Unter seiner Leitung wurden Millionen von Dollar an Zehntausende Tora-Lernende und Institutionen verteilt, vor allem in den Vereinigten Staaten und in Eretz Israel.

Gleichzeitig entwickelte er sich zu einer der bedeutendsten halachischen Autoritäten des amerikanischen Judentums, insbesondere auf dem Gebiet des jüdischen Familienrechts und der Hilchot Gittin.
Rav Henkin war für seine außergewöhnliche Gelehrsamkeit, Bescheidenheit und menschliche Größe bekannt und genoss höchste Wertschätzung bei den führenden Rabbinern seiner Generation. Er verschied am 12. August 1973 in New York. Sein umfangreiches halachisches Vermächtnis wurde unter anderem in den „Kitvei ha-Gaon Rabbi Yosef Eliyahu Henkin“ veröffentlicht.

Rabbi Avraham Ja’akov Pam

Rav Avraham Ja’akov Pam (1913–2001) war ein herausragender Tora-Gelehrter und langjähriger Rosch Jeschiwa der Yeshiva Torah Vodaas in Brooklyn, New York. Er gehörte zu den bedeutenden rabbinischen Persönlichkeiten des amerikanischen orthodoxen Judentums. Bekannt war er für seine tiefgründigen Tora-Lehren, seine Bescheidenheit und seine besondere Fähigkeit, Menschen zu persönlicher Verbesserung zu inspirieren. Als Lehrer und Mussar-Persönlichkeit genoss er höchste Anerkennung.
 
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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich
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