Elul/ Paraschat Ki Teze
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Amalek und die schwerwiegendste der drei Hauptsünden (Paraschat Ki Teze 5786)

Der Kampf gegen die zerstörerische Kraft des Amalek

Amalek und die schwerwiegendste der drei Hauptsünden (Paraschat Ki Teze 5786)

Der Kampf gegen die zerstörerische Kraft des Amalek
Foto: AI Avigail

Amalek und die schwerwiegendste der drei Hauptsünden

Rav Frand zu Paraschat Ki Teze 5786

mit Ergänzungen von S. Weinmann

Weitere Artikel zum Wochenabschnitt finden Sie hier

Am Ende der Parascha heißt es:

„Gedenke dessen, was Amalek dir auf dem Weg angetan hat, als ihr aus Ägypten ausgezogen seid.“
(Dewarim 25,17)

Dieser Abschnitt wird auch am Schabbat vor Purim gelesen, an dem wir die Mizwa von „Sachor et ascher assa lecha Amalek“ – „Gedenke, was Amalek dir angetan hat“ – besonders erfüllen. Doch grundsätzlich kann man diese Verpflichtung auch durch die Lesung in Paraschat Ki Teze erfüllen, sofern der Ba’al Kore (Vorleser) die Absicht hat, die Zuhörer durch seine Lesung ihrer Pflicht zu entheben, und der Zuhörer dies ebenfalls beabsichtigt.

Raschi weist hier auf den Zusammenhang zwischen dem Abschnitt über Amalek und dem unmittelbar vorangehenden Verbot hin, ungenaue oder verfälschte Gewichte und Maße zu besitzen. Im Geschäftsverkehr ist es verboten, Waagen oder Maße so zu manipulieren, dass man seine Kunden betrügt.

Raschi erklärt dies im Namen des Midrasch Tanchuma: Wer betrügerische Gewichte und Maße besitzt, muss mit dem Angriff des Feindes rechnen. Geschäftlicher Betrug führt dazu, dass Amalek und seinesgleichen über einen Menschen herfallen.

Das scheint zunächst überraschend. Die Tora kennt so viele schwerwiegende Verbote. Jemand, der seine Waage manipuliert, um einen Kunden um einige Gramm Ware zu betrügen, scheint doch nicht gerade das schlimmste Vergehen zu begehen. Natürlich ist dies unehrlich und stellt eine Form des Diebstahls dar – und Diebstahl ist zweifellos eine schwere Sünde. Aber warum ist gerade dieses Vergehen der Anlass dafür, dass Amalek gegen uns auftritt?

Wenn es hier grundsätzlich um Diebstahl geht, hätte die Tora doch einfach sagen können: „Lo tignow“ – Du sollst nicht stehlen. Dies wäre sogar ein noch offensichtlicherer Fall von Diebstahl. Warum aber soll ausgerechnet das Besitzen ungenauer und betrügerischer Gewichte dazu führen, dass der Ribono schel Olam (Herr der Welt) Amalek gegen uns schickt?

 

Der Neziw: Warum gerade falsche Gewichte?

Der Neziw, Rabbi Naftali Zwi Jehuda Berlin, stellt am Ende der Parascha bei den Worten „Sachor et ascher assa lecha Amalek“ genau diese Frage.

Er weist zudem darauf hin, dass es in der Wüste überhaupt keine Gewichte und Maße gab, da dort kein gewöhnlicher Handel stattfand. Umso stärker stellt sich die Frage: Warum verbindet die Tora gerade dieses Verbot mit Amalek?

Der Neziw verschärft die Frage noch durch eine Aussage des Talmud: Das Vergehen des Besitzens falscher Gewichte und Maße ist auf gewisse Weise schwerwiegender als Giluj Arajot, verbotener Beziehungen (siehe Talmud Traktat Baba Batra 88b).

Das ist eine erschreckende Aussage! Giluj Arajot gehört zu den drei schwersten Sünden, den Schalosch Awerot Chamu­rot, bei denen ein Mensch sich – unter bestimmten Umständen – sogar töten lassen muss, anstatt sie zu übertreten!

Warum aber sind gerade diese drei Sünden – Götzendienst, Eingehen von verbotenen Beziehungen und Mord – die schwerwiegendsten?

Es kann jedenfalls nicht allein daran liegen, dass auf ihnen die Todesstrafe steht, denn es gibt auch andere Vergehen, die mit der Todesstrafe geahndet werden.

 

Die drei Wurzeln aller Sünden

Der Neziw erklärt, dass es im Grunde nur drei Ursachen gibt, aus denen ein Mensch sündigt. Alle Verfehlungen lassen sich auf eine dieser drei geistigen Schwächen zurückführen:

1. Mangel an Emuna – fehlender Glaube

Der Mensch sündigt, weil ihm das Bewusstsein fehlt, dass der Ribono schel Olam alles sieht und sich um sein Handeln kümmert. Er verhält sich so, als würde G-tt sein Tun nicht sehen oder sich nicht darum kümmern.

2. Ta’awa – Verlangen und Begierde

Der Mensch wird von seinen Leidenschaften überwältigt. Sein Jezer Hara wird stärker als seine Vernunft und Selbstbeherrschung. Das kann sich auf verbotene Beziehungen, verbotene Speisen oder andere Formen der Begierde beziehen.

3. Middot Ra’ot – schlechte Charaktereigenschaften

Dazu gehören Zorn, Hochmut, Eifersucht und ähnliche negative Eigenschaften. Der Mensch verliert seine Selbstbeherrschung und lässt sich von seinen schlechten Charakterzügen beherrschen.

Nach dem Neziw verkörpern die drei schwersten Sünden jeweils eine dieser drei grundlegenden Schwächen.

Awoda Sara – Götzendienst – ist der vollkommenste Ausdruck eines Mangels an Emuna. Der Götzendienst stellt die Verneinung des Glaubens an den einen G-tt schlechthin dar.

Giluj Arajot – verbotene Beziehungen – verkörpert die Ta’awa, die ungezügelte Begierde. Hier steht die menschliche Leidenschaft im Mittelpunkt.

Schefichat Damim – Mord – entspringt den Middot Ra’ot, den schlechten Charaktereigenschaften. Ein Mensch wird von seinem Zorn oder seiner Feindschaft überwältigt und verliert die Kontrolle über sich.

Deshalb sind gerade diese drei Kategorien die drei Hauptsünden.

Natürlich können bei einem einzigen Vergehen auch mehrere dieser Ursachen zusammentreffen. Wenn beispielsweise jemand sein Geschäft am Schabbat geöffnet hält, kann dies einerseits auf einen Mangel an Emuna hindeuten: Er glaubt nicht ausreichend daran, dass der Schöpfer auch ohne seiner Arbeit am Schabbat für seinen Lebensunterhalt sorgen wird. Andererseits kann darin auch eine Ta’awa nach Geld liegen.

 

Welche der drei ist die schlimmste?

Der Neziw stellt nun die entscheidende Frage: Welche dieser drei grundlegenden Verfehlungen ist die schwerwiegendste?

Seiner Auffassung nach ist es Awoda Sara – der Götzendienst, also der Mangel an Emuna.

Bei verbotenen Beziehungen können wir zumindest nachvollziehen, wie ein Mensch seiner Leidenschaft erliegt. Sein Jezer Hara überwältigt ihn.

Auch Zorn, Eifersucht und andere schlechte Charaktereigenschaften sind schrecklich. Wenn ein Mensch vor Wut die Kontrolle verliert und einen anderen töten will, ist das furchtbar. Dennoch wissen wir aus eigener Erfahrung, was es bedeutet, wütend zu werden und die Selbstbeherrschung zu verlieren. Wir können die menschliche Schwäche nachvollziehen, auch wenn wir sie keineswegs entschuldigen.

Doch Awoda Sara ist noch schwerwiegender.

Hier gibt es keine Leidenschaft, die den Menschen überwältigt. Was steht dahinter? Einfach der Umstand, dass der Mensch nicht an den Allmächtigen glaubt.

Das ist der tiefste und schwerwiegendste Mangel.

 

Was hat das mit falschen Gewichten zu tun?

Jetzt verstehen wir auch die besondere Schwere des Verbots, falsche Gewichte und Maße zu besitzen.

Das Wesentliche an diesem Vergehen ist nicht die Geldgier.

Wer einen zusätzlichen Betrag verdienen möchte, indem er ein Auto oder wertvollen Schmuck stiehlt, kann durchaus von Ta’awa, von Gier und Begierde, getrieben sein. Sein Jetzer Hara überwältigt ihn.

Aber wer seine Waage manipuliert, um seinen Kunden um wenige Gramm zu betrügen, wird dadurch kaum reich werden. Natürlich können sich kleine Beträge mit der Zeit zu einer beträchtlichen Summe addieren. Aber ein Mensch, der von Geldgier besessen ist, wird normalerweise nicht durch solche kleinen Manipulationen zufriedengestellt.

Die eigentliche Ursache dieses Vergehens liegt vielmehr in einem Mangel an Emuna.

Ein Mensch, der seine Gewichte manipuliert, glaubt nicht wirklich daran, dass der Ribono schel Olam für seinen Lebensunterhalt sorgt. Deshalb meint er, er müsse bei jedem Geschäft noch ein klein wenig mehr herausholen. Er kann sich nicht darauf verlassen, dass sein Einkommen von G-tt kommt, und versucht deshalb, seinen Gewinn mit allen möglichen Tricks zu vergrößern.

Das ist ein Mangel an Emuna.

 

Deshalb folgt Amalek

Nun verstehen wir, warum die Tora vor „Sachor et ascher assa lecha Amalek“ nicht einfach das allgemeine Verbot „Lo Tignow – Du sollst nicht stehlen“ stellt.

„Lo Tignow“ kann Ausdruck von Geldgier und Ta’awa sein. Auch das ist eine schwere Sünde.

Das Verfälschen von Gewichten und Maßen aber entspringt einer noch tieferen geistigen Schwäche: dem mangelnden Vertrauen darauf, dass der Ribono schel Olam für den Lebensunterhalt des Menschen sorgt.

Und genau darin liegt die Verbindung zu Amalek.

Über Amalek sagt die Tora:

„Welo jare Elokim“ – „Er fürchtete G-tt nicht.“(Dewarim 25,18)

Amalek verkörpert jene Kraft in der Welt, die die Existenz und Herrschaft des Ribono schel Olam leugnet.

Deshalb konnten sie es nicht ertragen, dass ein Volk in die Welt trat, dessen gesamtes Wesen die Gegenwart und Herrschaft Haschems bezeugte. Amalek war gleichsam bereit, sich selbst zu opfern, um gegen dieses Volk vorzugehen – wie unsere Weisen es mit dem Beispiel eines Menschen vergleichen, der als Erster in ein kochend heißes Bad springt.

 

Amalek – Sinnbild für den Mangel an Emuna

Amalek steht für den Mangel an Emuna, für das Leugnen der Gegenwart und Vorsehung des Ribono schel Olam.

Wenn ein Mensch seine Gewichte und Maße manipuliert, weil er nicht darauf vertraut, dass der Ribono schel Olam für seinen Lebensunterhalt sorgt, offenbart sich darin dieselbe geistige Schwäche: ein Mangel an Emuna.

Genau darin liegt die Verbindung zwischen dem Betrug mit Gewichten und der Warnung vor Amalek. Es geht nicht nur um einen kleinen finanziellen Betrug, sondern um eine grundlegende Haltung gegenüber G-tt: Vertraue ich darauf, dass der Ribono schel Olam für meine Parnassa sorgt – oder glaube ich, selbst durch unehrliche Mittel für meinen Lebensunterhalt sorgen zu müssen?

Wer seine Emuna stärkt und darauf vertraut, dass der Ribono schel Olam für seine Parnassa sorgt, schafft damit zugleich einen inneren Schutz gegen die zerstörerische Kraft, für die Amalek steht.

 

Quellen und Persönlichkeiten:

Raschi

Raschi – Akronym für Rabbi Schlomo ben Jizchak (auch: Rabbi Schlomo Jizchaki). Der Name wird häufig auch als Abkürzung für Rabban schel Jisrael („Der Lehrer Israels“) gedeutet. Meist wird er jedoch einfach Raschi genannt. Er lebte von 1040 bis 1105 und wirkte vor allem in Troyes (Frankreich), zeitweise auch in Worms (Deutschland).

Raschi zählt zu den bedeutendsten jüdischen Gelehrten des Mittelalters. Seine grundlegenden Kommentare zum Tenach und zum Babylonischen Talmud haben das jüdische Lernen bis heute nachhaltig geprägt. Nicht ohne Grund wird er oft als der „Vater aller Tenach- und Talmudkommentare“ bezeichnet.

Sein Bibelkommentar wird seit nahezu tausend Jahren ununterbrochen studiert und ist in den meisten traditionellen jüdischen Bibelausgaben abgedruckt. Ebenso gehört sein Kommentar zum Babylonischen Talmud zu den unverzichtbaren Standardwerken und ist fester Bestandteil nahezu jeder gedruckten Talmudausgabe.

Rav Naftali Zwi Jehuda Berlin – der Neziw

Rav Naftali Zwi Jehuda Berlin (1817–1893), bekannt unter dem Akronym Neziw (Naftali Zwi Jehuda Berlin), war einer der bedeutendsten Tora-Gelehrten des 19. Jahrhunderts. Fast vier Jahrzehnte lang war er Rosch Jeschiwa der berühmten Woloschiner Jeschiwa, einer der wichtigsten Tora-Akademien Osteuropas, bis diese 1892 von den russischen Behörden geschlossen wurde.

Der Neziw war nicht nur ein herausragender Talmudgelehrter, sondern auch ein bedeutender Rosch Jeschiwa, Possek und Verfasser. Zu seinen bekanntesten Werken gehören Ha’amek Dawar, ein vielbeachteter Kommentar zur Tora, Ha’amek Sche’ela zu den She’iltot von Rav Achai Gaon, (auch bekannt als Sche’iltot de-Rav Achai oder einfach She’iltot, ist ein rabbinisches halachisches Werk, das im 8. Jahrhundert von Rav Achai Gaon verfasst wurde) sowie Mejschiw Dawar.

Unter seiner Leitung wurde Woloschin zu einem Zentrum des intensiven Tora-Studiums. Zu seinen Schülern und den mit der Jeschiwa verbundenen Gelehrten gehörten zahlreiche spätere bedeutende Rabbiner. Der Neziw prägte damit eine ganze Generation von Tora-Gelehrten und hinterliess einen nachhaltigen Einfluss auf die jüdische Gelehrsamkeit.

Besonders charakteristisch für seine Lehre war die Verbindung von tiefer Tora-Gelehrsamkeit mit einer warmen, lebensnahen Betrachtung des Menschen. Seine Schriften zeigen immer wieder, dass Tora nicht nur Wissen vermittelt, sondern den Menschen in seinen Middot, seinem Charakter und seinem Umgang mit anderen formen soll.

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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich

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