Aw / Paraschat Wa’etchanan
Aw / Paraschat Wa’etchanan

Sie gehören untrennbar zusammen (Paraschat Wa’etchanan 5786)

Die Trennung von „Schamor“ und „Sachor“ führt in den Niedergang.

Sie gehören untrennbar zusammen (Paraschat Wa’etchanan 5786)

Die Trennung von „Schamor“ und „Sachor“ führt in den Niedergang.
Foto: AI Avigail

Sie gehören untrennbar zusammen

Rabbi Berel Wein zu Paraschat Wa’etchanan 5786

mit Ergänzungen von S. Weinmann

Weitere Artikel zum Wochenabschnitt finden Sie hier

Die Wiederholung der Asseret HaDibrot – der Zehn Gebote – gehört zu den Höhepunkten der dieswöchigen Parascha.

Warum sieht sich Mosche veranlasst, die Zehn Gebote zu wiederholen?

Einige Kommentatoren erklären, dass die Wiederholung dazu dient, auf die feinen Unterschiede zwischen dem Text der Zehn Gebote in Paraschat Wa’etchanan und jenem in Paraschat Jitro aufmerksam zu machen. Beide Fassungen wurden am Sinai offenbart und – bildlich gesprochen – gleichzeitig ausgesprochen, auch wenn sich dies in schriftlicher Form nicht wiedergeben lässt. Mosche wiederholt deshalb die Zehn Gebote, um uns auf diese Unterschiede hinzuweisen, deren tiefere Bedeutung erst durch die Mündliche Tora erschlossen wird.

Die Wiederholung des Textes unterstreicht einen Grundsatz des Judentums, der für alle Generationen gilt: Die Schriftliche Tora kann weder richtig verstanden noch vollständig angewendet werden, wenn sie nicht im Licht der Überlieferung und der Lehren der Mündlichen Tora gelesen wird, die sie erklärt und ergänzt.

Die Tora präsentiert uns bewusst zwei leicht unterschiedliche Fassungen. Dadurch macht sie deutlich, dass beide Texte nur mithilfe der am Sinai überlieferten Mündlichen Tora richtig verstanden und miteinander in Einklang gebracht werden können.

Gerade die scheinbaren Widersprüche oder „Unstimmigkeiten“ im Text sind der Schlüssel zum Verständnis der Tora. Sie weisen den Weg zur Mündlichen Tora und machen ihre Unentbehrlichkeit deutlich.

Dieses Verständnis der Tora ist den meisten Bibelkritikern und vielen wissenschaftlichen Untersuchungen des Bibeltextes verborgen geblieben. Erst die Mündliche Tora unterscheidet die jüdische Bibelauslegung grundlegend von der christlichen Bibelauslegung und von den Methoden jener, die die Mündliche Tora weder kennen noch anerkennen.

Der auffälligste Unterschied zwischen den beiden Fassungen mit weitreichenden halachischen Konsequenzen betrifft das Schabbatgebot.

In Paraschat Jitro heisst es:

„Sachor“ – „Gedenke des Schabbats, um ihn zu heiligen.“

In Paraschat Wa’etchanan dagegen lautet das Gebot:

„Schamor“ – „Hüte den Schabbat, um ihn zu heiligen.“

„Sachor“ betont die positive und freudige Seite des Schabbats. Sie kommt durch den Kiddusch über den Wein, festliche Mahlzeiten, Ruhe, Erholung, das Zusammensein mit der Familie und Gastfreundschaft zum Ausdruck.

„Schamor“ hingegen weist auf die verpflichtende Seite des Schabbats hin. Es umfasst die Verbote der neununddreißig Hauptkategorien der Melachot (verbotenen Arbeiten) und setzt den Tätigkeiten des Menschen an diesem heiligen Tag klare Grenzen.

Im Laufe der jüdischen Geschichte gab es immer wieder Einzelne und ganze Gruppen, die die Schönheit des Sachor bewahren wollten, gleichzeitig aber die Einschränkungen des Schamor ablehnten.

Alle diese Versuche erwiesen sich als Irrweg und führten letztlich zu schwerwiegenden Folgen.

In unserer Zeit zeigte sich dies besonders deutlich im konservativen Judentum. Dort wurde das Autofahren am Schabbat erlaubt – ursprünglich mit der Begründung, dass es ausschliesslich der Fahrt zur Synagoge dienen solle.

Für viele Gemeindemitglieder war jedoch nicht nachvollziehbar, warum die Fahrt zur Synagoge erlaubt sein sollte, die Fahrt zum Golfplatz jedoch nicht. So begann ein schleichender Prozess, der vielerorts zu einer zunehmenden Vernachlässigung der Tora, zu wachsender Assimilation, zu Mischehen und schliesslich zum weitgehenden Verlust grundlegender jüdischer Werte führte.

Unsere Weisen lehren, dass „Schamor“ und „Sachor“ gleichzeitig ausgesprochen wurden. Tatsächlich verkündete der Allmächtige beide Worte in einem einzigen g-ttlichen Ausspruch – ein Wunder, das die menschliche Sprache weder hervorbringen noch nachahmen kann. Darauf nehmen wir jeden Freitagabend im Lecha-Dodi-Gesang Bezug, wenn wir sprechen:

„Schamor weSachor beDibur echad, hischmi’anu Kel haMejuchad…“

„‚Hüte‘ und ‚Gedenke‘ wurden in einem einzigen Ausspruch verkündet – so liess sie uns der Einzige G-tt hören.“ (vgl. Schewuot 20b)

Für den Menschen ist es unmöglich, zwei verschiedene Worte gleichzeitig auszusprechen und zugleich zu hören. Gerade deshalb unterstreicht diese Überlieferung, dass die positiven Gebote des Schabbats (Sachor) und seine Verbote (Schamor) eine untrennbare Einheit bilden und nur gemeinsam erfüllt werden können.

Die Mündliche Tora erklärt, wie diese scheinbare Unmöglichkeit g-ttliche Wirklichkeit sein kann.

Gerade darin liegt das Geheimnis der Bewahrung des Schabbats – und letztlich auch des Fortbestands des jüdischen Volkes.

Schabbat Schalom!

Rabbi Berel Wein

   Jehi Sichro Baruch – Möge sein Andenken zum Segen sein.

Quellen und Persönlichkeiten:

Rabbi Berel Wein

Rabbi Berel Wein (geb. 1934 in Chicago, Illinois, USA; gest. 16. August 2025 in Jerusalem) war ein orthodoxer Rabbiner, Dozent, Historiker und Schriftsteller. Über mehr als vier Jahrzehnte prägte er die Vermittlung jüdischer Geschichte wie kaum ein anderer. Durch unzählige Vorträge, Schiurim, Bücher, Seminare, Bildungsreisen und zuletzt auch Dokumentarfilme machte er die Geschichte des jüdischen Volkes einem breiten Publikum zugänglich.

Rabbi Wein veröffentlichte zahlreiche Werke in englischer und hebräischer Sprache zur jüdischen Geschichte. Mit weit über tausend aufgezeichneten Schiurim, Zeitungsartikeln und Vorträgen erreichte er Hunderttausende von Menschen in aller Welt und weckte bei vielen ein neues Interesse an der Geschichte und Tradition des jüdischen Volkes.

1977 gründete er die Jeschiwa Schaarei Torah in Suffern (New York) und wirkte dort bis 1997 als Rosch HaJeschiwa. Für seine außergewöhnlichen Verdienste um die Verbreitung der Tora und des Judentums wurde ihm vom Machon HaRav Frank in Jerusalem der Torah Prize Award verliehen.

Rabbi Berel Wein verstand es wie kaum ein anderer, Geschichte und Gegenwart miteinander zu verbinden. Mit großer Klarheit, Wärme und tiefem Glauben vermittelte er, dass die Geschichte des jüdischen Volkes weit mehr ist als eine Erinnerung an Vergangenes – sie ist Orientierung und Wegweisung für Gegenwart und Zukunft.

Unzählige Juden auf der ganzen Welt haben von seinem Wirken profitiert – sei es durch seine Tausenden von Schiurim und Vorträgen in Synagogen, Batej Midraschim, Schulen, Jeschiwot und Seminaren, durch seine zahlreichen Bücher und Artikel oder durch seine umfangreichen Audio- und Videoaufzeichnungen.

1997 übersiedelten Rabbi Wein und seine Ehefrau nach Jerusalem. Dort setzte er seine Lehr- und Schriftstellertätigkeit unvermindert fort und hielt regelmäßig Schiurim in der Jeschiwa Heichal HaTorah unter der Leitung des Gaon Rabbi Zvi Koshelevsky im Jerusalemer Stadtteil Har Nof.

Am 22. Aw 5785 / 16. August 2025 verstarb Rabbi Berel Wein im Alter von 91 Jahren. Seine Beisetzung fand am folgenden Tag in Jerusalem statt.

Sein Vermächtnis lebt in seinen Werken, seinen Schülern und den zahllosen Menschen weiter, die durch seine Lehren ein tieferes Verständnis für die Tora, die jüdische Geschichte und die Aufgabe des jüdischen Volkes gewonnen haben.

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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich

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