Tammus / Paraschat Korach
Tammus / Paraschat Korach

“Fake News”– keine Erfindung unserer Zeit (Paraschat Korach 5786)

Streit – worum geht es wirklich?

“Fake News”– keine Erfindung unserer Zeit (Paraschat Korach 5786)

Streit – worum geht es wirklich?
Foto: AI Avigail

“Fake News”– keine Erfindung unserer Zeit

Rav Frand zu Paraschat Korach 5786

Bearbeitet und ergänzt von S. Weinmann

Weitere Artikel zum Wochenabschnitt finden Sie hier

Anmerkung des Herausgebers

Zum besseren Verständnis des folgenden Beitrags einige kurze Erläuterungen:

Nachdem das jüdische Volk in Erez Israel eingezogen war, galten verschiedene Mizwot (Gebote), die mit der Ernte und den Herden verbunden sind.

Pe’a, Leket und Schichecha sind Gaben für die Armen:

  • Pe’a: Eine Ecke des Feldes muss für Bedürftige stehen bleiben.
  • Leket: Ein oder zwei bei der Ernte liegengebliebene Ähren gehören den Armen.
  • Schichecha: Eine auf dem Feld vergessene Garbe muss den Armen überlassen werden.

Teruma und Ma’asser sind Abgaben von der Ernte:

  • Teruma: Ein Teil der Ernte (etwa zwei Prozent) wird dem Kohen (Priester) gegeben.
  • Ma’asser: Der Zehnte wird dem Levi gegeben.
  • Terumat Ma’asser: Der Levi muss von dem Ma’asser, den er erhalten hat, wiederum ein Zehntel an den Kohen abgeben.

Außerdem gibt es Abgaben von Tieren:

  • Bechor: Das männliche erstgeborene Tier wird dem Kohen übergeben. Der Kohen bringt es als Opfer dar, und das Fleisch wird von ihm und seiner Familie verzehrt.

Sero’a, Lechajajim und Kejwa sind Teile eines geschlachteten Rindes, Schafes oder einer Ziege, die dem Kohen zustehen:

  • Sero’a – der rechte Vorderarm,
  • Lechajajim – die Kinnbacken einschließlich der Zunge,
  • Kejwa – der Magen.

Wer ein Schelamim (Friedensopfer) darbringt, gibt dem Kohen zwei Teile des Opfertieres:

  • Chase – das Bruststück,
  • Schok – den rechten Schenkel.

Der übrige Teil des Opfers darf vom Besitzer und seiner Familie in Jerusalem gegessen werden.

Noch eine Anmerkung zu Techelet:

In der Parascha über die Zizit (am Ende von Paraschat Schelach) wird gelehrt, dass ein viereckiges Kleidungsstück mit Zizit versehen werden muss. Von den vier langen Fäden der Zizit (die nachher miteinander verknüpft werden) muss ein Faden (nach anderer Auffassung zwei Fäden) aus Techelet, einer himmelblauen Wolle, bestehen. Die Farbe des Kleidungsstückes selbst spielt dabei keine Rolle.

Diese Begriffe werden im folgenden Beitrag erwähnt.

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Im Laufe der Jahre haben wir diese Talmudstelle immer wieder behandelt und dabei stets versucht, neue Einsichten zu gewinnen. On ben Pelet aus dem Stamm Re’uwen wird zunächst als einer der führenden Anhänger der Rebellion Korachs genannt. Später jedoch verschwindet er aus der Erzählung. Eine berühmte Gemara (Sanhedrin 109b) berichtet, dass seine Frau ihn vor dem Untergang bewahrte.

Wie rettete sie ihn? Sie argumentierte, dass es für ihn letztlich keinen Unterschied mache, ob Mosche oder Korach der Anführer sei. In beiden Fällen würde er lediglich ein Anhänger bleiben, ohne eigene Macht. „Du hast aus diesem Streit nichts zu gewinnen. Du wirst immer nur ein Gefolgsmann bleiben und niemals der Anführer.“

On ben Pelet gab zu, dass seine Frau recht hatte, meinte jedoch, dass es inzwischen zu spät sei. Er hatte bereits zugesagt, sich der Rebellion anzuschliessen und auch geschworen, sollte man ihn rufen, dass er sofort kommen würde. Korach und seine Anhänger waren schon unterwegs, um ihn abzuholen und gemeinsam gegen Mosche vorzugehen.

Die Gemara erzählt, dass Ons Frau daraufhin einen genialen Plan entwickelte: Sie gab ihren Mann einige Gläser Wein, er wurde betrunken, sodass er einschlief. Anschliessend setzte sie sich vor das Zelt, nahm ihre Kopfbedeckung ab, liess ihr Haar ungeordnet herabhängen und verscheuchte dadurch die „sehr frommen“ Aufwiegler, die ihren Mann holen wollten. Sie wollten keine Frau mit unbedecktem Haar ansehen und kehrten um. So wurde On ben Pelet gerettet.

Zu diesem Vorfall zitiert die Gemara den Vers: „Durch die Weisheit der Frauen wird das Haus erbaut …“ [Mischlej/Sprüche 14,1].

Die Mussar-Lehrer stellen hierzu folgende Frage:

Korach hatte eine ganze Liste von Beschwerden gegen Mosche Rabbejnu. Er beschuldigte ihn der Vetternwirtschaft. Mosche habe alle wichtigen Ämter an seine Verwandten vergeben. Er habe die Leviten erniedrigt, indem er sie von Kopf bis Fuss rasieren liess. Anschliessend habe er sie wie einen Lulaw hin und her geschwenkt.

Dann erzählte Korach die Geschichte einer armen Witwe mit zwei Töchtern. Mosche habe sie gezwungen, Leket, Schichecha und Pe’a (Gaben für die Armen von dem Ertrag der Felder) von ihrer Ernte abzugeben, wodurch ihr Ertrag geschmälert worden sei. Danach habe er sie verpflichtet, Terumot und Ma’assrot (weitere Abgaben an Kohanim und Leviten) zu entrichten. Die Kohanim hätten ihre Bechorim (erstgeborenen Tiere) genommen, anschliessend auch den Seroa, die Lechajajim und die Kejwa (jene Teile eines geschlachteten Tieres, die den Kohanim zustehen). Schliesslich seien die Witwe und ihre beiden Töchter verarmt und verhungert.

On ben Pelet muss diesen Vorwürfen Glauben geschenkt haben, denn er gehörte zu den führenden Gegnern Mosches. Die Mussar-Lehrer fragen daher: Wie konnte seine Frau ihn allein dadurch überzeugen, die Rebellion aufzugeben? Selbst wenn er nie Anführer geworden wäre – wie beantwortet das die Vorwürfe gegen Mosche? Wie entkräftet das die Behauptungen über Vetternwirtschaft, die Demütigung der Leviten oder das Schicksal der armen Witwe?

Die Antwort lautet: Die vorgebrachten Beschwerden sind fast nie der wahre Kern der Sache.

Wenn Menschen in einer Machloket (Streit) geraten, dann geht es selten um die lange Liste von Argumenten wie „Das ist nicht richtig!“ oder „Das ist nicht fair!“. Menschen geraten in Streitigkeiten wegen persönlicher Interessen. Sie wollen Geld, Ehre (Kawod) oder Macht. Das ist der Treibstoff, der jeden Streit nährt.

Als Ons Frau ihm erklärte, dass er durch seine Beteiligung am Konflikt zwischen Korach und Mosche weder Geld noch Ehre noch Macht gewinnen würde, verloren sämtliche Anschuldigungen gegen Mosche ihre Bedeutung.

Wen interessiert dann noch die theoretische Frage, ob ein vollständig aus Techelet bestehendes Kleidungsstück Zizit benötigt oder ob ein Haus voller heiliger Bücher eine Mesusa braucht, wie es Korach, entgegen der Meinung von Mosche, verneinte ? Das sind akademische Diskussionen.

Und was ist mit der armen Witwe und ihren Töchtern? Diese Geschichte hat niemals stattgefunden. In der Wüste wurde nichts angebaut. Es gab weder Leket noch Schichecha noch Pe’a. Es gab auch keinen Seroa, keine Lechajajim und keinen Kejwa. Die ganze Geschichte war erfunden – „Fake News“.

Das Phänomen erfundener Geschichten und gezielter Desinformation ist keineswegs neu. Schon Korach bediente sich solcher Methoden.

Die Geschichte wurde einfach erdichtet. Es gab sie nie. Und sobald On ben Pelet erkannte, dass er persönlich nichts von diesem Streit hatte, wurden all diese Behauptungen bedeutungslos.

Genau das meint die Gemara mit dem Vers: „Durch die Weisheit der Frauen wird das Haus erbaut…“

Die besondere Weisheit der Frau On ben Pelet bestand darin, den entscheidenden Punkt zu erkennen: Ihr Mann hatte nichts zu gewinnen. Sie begann keine theologische Debatte über ein vollständig aus Techelet bestehendes Gewand. Stattdessen sagte sie sinngemäss:

„Ich weiss, worum es hier wirklich geht – um Ehre.“

Und deshalb erklärte sie ihrem Mann: „Du wirst nicht das geringste Mehr an Ehre erhalten, egal ob Mosche oder Korach die Führung übernimmt.“

Das war ihre Chochma (Weisheit): Sie erkannte den wahren Grund hinter dem Streit. Und so ist es bei den meisten Streitigkeiten – wahrscheinlich in über neunzig Prozent der Fälle. Ganz gleich, wie edel die ursprünglichen Motive erscheinen mögen: Am Ende drehen sie sich um Ehre und Macht.

Einer der stärksten Triebe der menschlichen Natur ist der Wunsch zu gewinnen.

Vergiss die hochtrabenden Parolen wie „Ehre der Tora!“ oder „Ehre des Himmels!“ Am Ende lautet die eigentliche Motivation oft: „Ich muss gewinnen.“

Letztlich dreht es sich um das eigene Ego.

Das war die Weisheit der Frau von On ben Pelet.

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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich

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