„Statistische“ Grausamkeit
Rav Frand zu Paraschat Beha’alotecha 5786 – Beitrag 1
Bearbeitet und ergänzt von S. Weinmann
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Im Wochenabschnitt Beha’alotcha finden wir das positive Gebot der Tora, in Zeiten öffentlicher Not zu Haschem zu rufen und Trompetensignale zu blasen. Der Rambam (Maimonides),zählt dieses Gebot in den Gesetzen über Fasttage [Hilchot Ta’anijot 1: 1- 4] auf und leitet es aus dem Vers ab:
„Wenn ihr in eurem Land gegen einen Feind in den Krieg zieht, der euch bedrängt, dann sollt ihr Trompetensignale blasen …“ (Bamidbar 10,9)
Der Rambam erklärt, dass jede Notlage, die eine Gemeinschaft trifft – sei es eine Seuche, eine Hungersnot, eine Heuschreckenplage oder irgendein anderes öffentliches Leid – die Verpflichtung mit sich bringt, zu Haschem zu rufen und die Trompeten zu blasen.
Warum?
Weil dies ein wesentlicher Bestandteil der Teschuwa (Rückkehr) ist. Wenn das jüdische Volk die Trompeten hört, soll es erkennen, dass die Schwierigkeiten, die es treffen, nicht „Zufälle“ sind. Die Leiden fordern uns zur Selbstprüfung auf. Sie sollen uns dazu bewegen, unser Verhalten zu überdenken, unsere Wege zu verbessern und zu Haschem zurückzukehren. Durch diese innere Umkehr kann die Ursache des Leidens beseitigt werden, und die Not wird enden.
Der Rambam fügt jedoch einen bemerkenswerten Gedanken hinzu. Wenn die Menschen auf solche Ereignisse reagieren, indem sie sagen:
„So ist eben der Lauf der Welt.“
„Das war einfach Pech.“
„Das sind statistische Zufälle.“
„Das gehört nun einmal zu den Realitäten des Lebens.“
und deshalb weder beten noch über ihr Verhalten nachdenken, dann bezeichnet der Rambam eine solche Haltung als „Derech Achsarijut“ – einen Weg der Grausamkeit.
Diese Formulierung überrascht.
Hätte der Rambam von einem Irrtum gesprochen, oder es
den „Weg der Ketzer“
oder „den Weg der Narren“
genannt, wäre das verständlich gewesen, aber es „den Weg der Grausamen“ zu nennen, ist verwirrend. Warum nennt er eine solche Einstellung „Grausamkeit“?
Vor einigen Jahren hörte ich von Rav Nosson Scherman eine aufschlussreiche Deutung, die erklärt, warum der Rambam eine solche Haltung als „Grausamkeit“ bezeichnet.
Rav Nosson Scherman erklärt dies anhand eines eindrucksvollen Beispiels.
Stellen wir uns eine Strassenkreuzung vor, an der sich ständig schwere Unfälle ereignen. Immer wieder werden Menschen verletzt oder sogar getötet. Die Anwohner wenden sich an die Behörden und bitten:
„Stellt ein Stoppschild auf! Installiert eine Ampel! Tut irgendetwas! Hier geschieht eine Tragödie nach der anderen!“
Doch der zuständige Beamte antwortet:
„Unsere Statistiken zeigen, dass keine zusätzlichen Massnahmen erforderlich sind.“
Ein solcher Beamter handelt grausam.
Nicht weil er die Unfälle verursacht hat, sondern weil er die Möglichkeit hätte, etwas dagegen zu unternehmen, es aber unterlässt. Er sieht das Leid und bleibt untätig, obwohl er helfen könnte.
Genau das, sagt Rav Scherman, meint der Rambam.
Wenn eine Gemeinschaft von Schwierigkeiten heimgesucht wird, besitzt sie ein Mittel, darauf zu reagieren: Gebet, Selbstprüfung und Teschuwa. Die Tora lehrt, dass diese Reaktion eine Veränderung bewirken kann. Wenn die Menschen jedoch jede Verantwortung von sich weisen und alles lediglich auf Zufall oder auf die „Natur der Dinge“ schieben, dann verhalten sie sich grausam – gegenüber sich selbst und gegenüber ihrer Gemeinschaft.
Wie oft erleben wir, dass in einer Gemeinschaft Probleme auftreten, und die Reaktion lautet:
„So ist das eben.“
„Daran kann man nichts ändern.“
„Das war schon immer so.“
Die Tora akzeptiert eine solche Haltung nicht.
Die Tora fordert uns auf, ein „Stoppschild“ aufzustellen: innezuhalten, nachzudenken, zu beten und unser Handeln zu überprüfen. Sie verlangt von uns nicht Gleichgültigkeit, sondern Verantwortung.
Eine Gemeinschaft, die auf Warnsignale nicht reagiert, gleicht jenem Beamten, der sich weigert, an einer gefährlichen Kreuzung ein Stoppschild aufzustellen. Beide sehen das Problem. Beide könnten handeln. Und beide entscheiden sich, nichts zu tun.
Die Botschaft des Rambam ist daher zeitlos: Nicht jede Schwierigkeit verstehen wir, und nicht jedes Leid können wir erklären. Aber die Tora verlangt von uns, dass wir auf Herausforderungen reagieren. Gleichgültigkeit ist keine jüdische Antwort.
Oder mit den Worten des Rambam: Wer alles nur als „Statistik“ betrachtet, läuft Gefahr, den Weg der Grausamkeit zu beschreiten. Denn Grausamkeit beginnt oft nicht mit bösen Taten, sondern mit der Weigerung, auf einen Weckruf zu hören.
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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich
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