Nissan/ Emor
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Unseren Kindern lehren, dass wir anders sind (Paraschat Emor 5786)

„Wir sind anders.“

Unseren Kindern lehren, dass wir anders sind (Paraschat Emor 5786)

„Wir sind anders.“
Foto: AI Avigail

Unseren Kindern lehren, dass wir anders sind

Rav Frand zu Paraschat Emor 5786 – Beitrag 1

Bearbeitet und ergänzt von S. Weinmann

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Der Eröffnungs-Passuk von Paraschat Emor enthält eine bekannte Lehre. Die Tora sagt:

„…Emor el haKohanim, Benej Aharon, we’amarta alejhem: LeNefesch lo jitama be’Amaw“ – Sprich zu den Kohanim, den Söhnen Aharos, und sage ihnen; er soll sich nicht an einem Toten unter seinem Volke (geistig) verunreinigen“ [Wajikra 21,1].

Raschi kommentiert – basierend auf der Gemara (Traktat Jewamot 114a) – dass die doppelte Formulierung – „sprich… und sage ihnen“ – uns lehrt:

Die Erwachsenen sind verpflichtet, die Kinder (noch vor der Bar-Mizwa) zu erziehen und sie davor zu bewahren, Verbote zu übertreten.

Dies ist einer von den vier Stellen in der schriftlichen Tora, an denen Eltern ausdrücklich verpflichtet werden, darauf zu achten, dass ihre Kinder keine Verbote übertreten. Ähnliche Warnungen finden wir bei verbotene Speisen, wie Scherazim (Insekten) oder Blut zu essen.

Auch bei den verbotenen Melachot (Werk, Arbeit) am Schabbat steht [Schemot 20:10]: „…du sollst keinerlei Werk verrichten, weder du noch dein Sohn und deine Tochter…“, wie Raschi zur Stelle erklärt, kommt dies die Eltern zur Schabbatruhe der Kinder zu verpflichten.

Daraus ergibt sich ein klares Prinzip:

Es ist nicht nur verboten, selbst Unkoscheres zu essen – es ist auch verboten, seinem Kind etwas Unkoscheres zu geben. Ebenso darf ein Kohen seinem kleinen Sohn nicht erlauben, sich durch Kontakt mit einem Toten zu verunreinigen (Tum’at Met) – selbst dann, wenn das Kind noch unter dem Alter des Chinuch (der religiösen Erziehung) ist.


Erziehung bedeutet mehr als Verbote

Rav Chaim Dov Keller (Rosch Jeschiwa in Tels – Chicago) fragt in seinem Sefer Chidekel:
Warum braucht es ein eigenes Verbot für einen jungen Kohen, sich zu verunreinigen? Reicht nicht das allgemeine Prinzip, Kinder vor Verboten zu schützen?

Er antwortet mit einer tiefen Einsicht:
Erziehung bedeutet nicht nur, einem Kind zu sagen: „Das darfst du nicht tun.“

Es bedeutet vielmehr, ihm beizubringen:
„Du bist anders.“
Du bist jemand Besonderes. Du trägst eine reine, geistige Essenz in dir – und die musst du bewahren.“

Ein Beispiel:
Vielleicht ist es für andere Kinder harmlos, auf einem Friedhof zu spielen.
Aber du bist ein Kohenfür dich gilt das nicht. Nicht, weil es „gefährlich ist oder „unschön“, sondern weil du eine besondere geistige Identität besitzt. Weil du anders bist“.

Das ist der Kern von Chinuch:
Kinder sollen nicht nur Regeln kennen – sie sollen ihre eigene geistige Würde erkennen.


„Aber alle machen das…“

Diese Herausforderung begegnet Eltern täglich.

Kinder sagen fast immer:
„Aber alle machen das!“

Und die ehrliche Antwort lautet:
„Vielleicht machen es viele – aber wir sind nicht wie ‘alle’.
Wir haben andere Massstäbe. Höhere Massstäbe.“

Gerade heute, wo selbst innerhalb religiöser Gemeinschaften unterschiedliche Standards herrschen, ist diese Botschaft nicht einfach. Doch sie ist zentral.

Jüdische Erziehung bedeutet auch, ein Bewusstsein von Identität zu vermitteln.


Ein anschauliches Beispiel

Meine Tochter erzählte mir kürzlich von einer Familie in Brooklyn, deren Eltern im Umgang mit ihren Kindern in mancher Hinsicht sehr offen sind.

Ihre Tochter war die erste in ihrer Klasse, die das Autofahren lernte und einen Führerschein erhielt.
Wir alle wissen, welch großer Schritt es für Eltern ist, ihrem jugendlichen Sohn oder ihrer Tochter das Fahren zu erlauben.

Doch gerade deshalb ist das Folgende bemerkenswert:

Während diese Eltern ihrer Tochter erlaubten, früher als alle anderen in ihrer Altersgruppe zu fahren, zogen sie an anderer Stelle eine klare Grenze – sie erlaubten ihr kein Smartphone.

Die Tochter protestierte:
„Jeder in meiner Klasse hat ein Smartphone!“

Ich möchte hier keine grundsätzliche Diskussion darüber führen, ob Teenager ein Smartphone haben sollten oder nicht.
Doch es lässt sich kaum bestreiten, dass mit solchen Geräten erhebliche Risiken verbunden sind.

Diese Familie blieb dennoch standhaft:
„Es tut uns leid – aber du nicht.“

Natürlich reagierte die Tochter mit Widerstand, mit Frustration, vielleicht sogar mit Wut.

Doch es ist gut möglich, dass sie eines Tages zurückblicken und sagen wird:
„Meine Eltern hatten recht. Ich verstehe heute, warum sie so entschieden haben. Sie wollten mich bewusst anders erziehen.“


Die Botschaft der Tora

Die Tora lehrt uns durch die Gesetze der Kohanim:
Chinuch bedeutet nicht nur, Kinder vor schweren Vergehen zu schützen.

Es bedeutet auch, ihnen zu vermitteln:
Ihr seid nicht wie die meisten anderen.

Und deshalb müssen Eltern manchmal sagen:
„So machen wir das nicht. Das ist nicht unser Weg.“


Schlussgedanke

In einer Welt, die uns ständig dazu drängt, uns anzupassen, aufzugehen, gleich zu werden – liegt eine der grössten Aufgaben der Erziehung darin, unseren Kindern zu vermitteln:

Wir sind anders.

Nicht aus Überheblichkeit.
Nicht aus Abgrenzung um ihrer selbst willen.
Sondern aus Berufung.

Chinuch bedeutet:

  • Grenzen setzen
  • Werte vermitteln
  • Identität formen

Aber vor allem:
unseren Kindern zu zeigen, wer sie sind.

Und manchmal beginnt das mit einem ganz einfachen Satz:

 „Wir sind anders.“

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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich

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