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Charosset – Haschem verlässt uns nicht (Pessach 5786)

Die Botschaft des Charosset - Das doppelte Symbol

Charosset – Haschem verlässt uns nicht (Pessach 5786)

Die Botschaft des Charosset - Das doppelte Symbol
Foto: AI Avigail

Charosset – Haschem verlässt uns nicht

Rav Frand zur Seder-Nacht 5786

Bearbeitet und ergänzt von S. Weinmann

Ich möchte hier eine schöne Bemerkung zur Haggada weitergeben, die ich im Sefer Jerech LaMo’adim von Rav Jerucham Olshin, einem der Roschej Jeschiwa in Lakewood, gefunden habe.

Die meisten Menschen, die den Sederabend leiten, beginnen mit der bekannten Frage, warum gerade der erste Abschnitt „Ha Lachma Anja“ auf Aramäisch formuliert ist. Danach wendet man sich den vier Fragen der „Ma Nischtana“ zu und spricht über die „Arba Banim“ – die vier Söhne: den Chacham (Weisen), den Rascha (Frevler) und die anderen. Anschließend verliert sich die Diskussion oft ein wenig. Deshalb möchte ich heute einen besonders schönen Gedanken über den Charosset vorstellen – ein Element des Sederabends, das meist weniger Beachtung findet.

Die Mischna im Traktat Pessachim [114a] berichtet, dass Rabbi Eliezer ben Rabbi Zadok der Ansicht ist, Charosset sei eine eigenständige Mizwa. Die Chachamim widersprechen und erklären, Charosset habe lediglich eine praktische Funktion: Es diene dazu, die schädliche Wirkung des sogenannten Kappa im Maror – eines möglicherweise gefährlichen Bestandteils des Bitterkrauts – zu neutralisieren [vgl. Pessachim 115b].

Rabbi Elieser ben Rabbi Zadok jedoch betont ausdrücklich: Charosset ist nicht nur ein Hilfsmittel – es ist selbst eine Mizwa. Die Gemara [ibid. 116a]. fragt: Worin besteht diese Mizwa?

Rabbi Levi sagt: Charosset ist eine Erinnerung an den Apfelbaum (Secher la-Tapuach).
Rabbi Jochanan sagt: Charosset ist eine Erinnerung an den Mörtel (Secher le-Tit).

Abaje erklärt dazu, dass Charosset beide Bedeutungen enthalten muss:

Es soll Apfel enthalten, um an die Apfelbäume zu erinnern, und zugleich dickflüssig wie Mörtel sein, um an den Lehm zu erinnern. Charosset ist also ein doppeltes Symbol – für den Tapuach (Apfel) und für den Tit (Mörtel).

Der Hinweis auf den Tit erinnert an die harte Sklaverei in Ägypten. Der Maharal schreibt, dass kaum eine Arbeit schwerer ist als das Arbeiten mit Mörtel – Lehm kneten, Ziegel formen und sogar noch das Stroh selbst beschaffen zu müssen. Charosset erinnert also an den bitteren Schibud Mizrajim (Knechtschaft in Ägypten).

Doch wofür steht der Apfel?

Unsere Weisen lehren im Talmud (Traktat Sota 11b): „Durch das Verdienst der frommen Frauen jener Generation wurden die Kinder Israels aus Ägypten erlöst.“

Diese Frauen bewahrten inmitten der bitteren Knechtschaft ihren Glauben und ihre Hoffnung. Sie stärkten ihre Männer, die unter der Last der Zwangsarbeit fast zusammenbrachen, und sorgten dafür, dass das Leben des jüdischen Volkes weiterging.

Was taten diese Frauen? Der Talmud beschreibt diesen wunderbaren Vorgang so:

Als die Frauen Wasser schöpfen gingen, führte der Ewige es so, dass ein halber Eimer voll Wasser war und die andere Hälfte Fische. Als sie dies nach Hause brachten, stellten sie zwei Töpfe auf das Feuer. In einem wärmten sie das Wasser in dem anderen kochten sie die Fische. Sie brachten ihren Männern, die auf den Feldern arbeiteten, das warme Wasser zum Waschen und den frisch gekochten Fisch, um ihnen neue Kraft zu geben. Auf diese Weise stärkten sie ihre Männer trotz der harten Sklaverei und der grausamen Dekrete, und es kamen weiterhin Kinder zur Welt.

Wenn die Stunde der Geburt kam, gingen die Frauen hinaus auf die Felder und brachten ihre Kinder unter den Apfelbäumen zur Welt, fern von den Ägyptern – und die Geburt geschah ohne Schmerzen. Darauf bezieht sich der Vers in Schir HaSchirim (8,5): „תחת התפוח עוררתיך – Tachas haTapuach orrartichaUnter dem Apfelbaum habe Ich dich erweckt.“

Der Ewige sandte daraufhin Engel aus dem Himmel, die wie Hebammen dienten und sich um die Neugeborenen kümmerten, bis sie heranwuchsen und schliesslich von selbst den Weg zu ihrem Elternhaus fanden

Dies ist die Bedeutung des Ausdrucks „Secher le-Tapuach“ – eine Erinnerung an jene wunderbaren Geschehnisse, durch die – selbst inmitten der fürchterlichen Knechtschaft – das Leben des jüdischen Volkes weiterging und sich immer wieder erneuerte.Formularende

Rabbi Jerucham Olshin stellt jedoch eine Frage: Wie kann ein und dieselbe Sache zwei völlig gegensätzliche Dinge symbolisieren?

Einerseits muss Charosset dick wie Mörtel sein – ein Zeichen der Sklaverei. Andererseits erinnert es an den Apfelbaum, der für offenbare Wunder steht: schmerzlose Geburten und Engel, die sich um die Kinder kümmern.

Wie kann Charosset gleichzeitig Secher le-Tit und Secher le-Tapuach sein?

Der Duft der Gewürze bei Josef

Rav Jerucham beantwortet diese Frage mit einem Gedanken, den wir bereits an anderer Stelle erwähnt haben.

Als Josef von seinen Brüdern verkauft wurde, berichtet die Tora, dass er von den Ischmaeliten nach Ägypten gebracht wurde. Die Tora erwähnt ausdrücklich, dass diese Karawane Gewürze transportierte.

Warum ist dieses Detail wichtig?

Raschi erklärt im Namen von Chasal [Midrasch Bereschit Rabba 84:17 und Mechilta Beschalach]: Normalerweise transportierten solche Händler übelriechende Öle. Doch Haschem wollte nicht, dass Josef während der Reise den unangenehmen Geruch ertragen muss. Deshalb sorgte die          g-ttliche Vorsehung dafür, dass diese Karawane wohlriechende Gewürze transportierte.

Doch Rav Mordechai Pogromansky stellt eine scharfe Frage: Glauben wir wirklich, Josef habe Trost darin gefunden, dass die Karawane angenehm roch, während er als Sklave nach Ägypten verschleppt wurde?

Stellen wir uns vor, ein Mensch wird von einem Richter zu zwanzig Jahren Gefängnis verurteilt. Der Richter fügt hinzu: „Fürchten Sie sich nicht – wir bringen Sie in einem Cadillac dorthin.“

Wird ihn das wirklich trösten?

Wenn ein Mensch seine Freiheit verliert, macht es dann einen wirklichen Unterschied, ob er in einem luxuriösen Wagen oder in einem Gefangenentransporter dorthin gebracht wird?

Warum also hebt Raschi diesen Punkt hervor?

Rav Pogromansky erklärt: Der Duft war nicht der eigentliche Punkt.

Josef hätte sich verlassen fühlen können. Doch wenn ein Mensch selbst mitten im Leid die Hand des Allmächtigen erkennt, nimmt das Gefühl der Verlassenheit ab.

Menschen verzweifeln, wenn sie glauben, dass niemand mehr über sie wacht. Wenn man jedoch – selbst in dunklen Momenten – ein Zeichen erkennt, dass Haschem noch da ist, dann wächst die Hoffnung.

Als Josef sah, dass eine arabische Karawane plötzlich Gewürze statt Öl transportierte, verstand er: Der Ribono schel Olam (Herr der Welt) hat mich nicht verlassen.

Dasselbe geschah in Ägypten

Rav Jerucham sagt, genau dasselbe geschah während der Sklaverei in Ägypten.

Die Versklavung war furchtbar. Kinder wurden getötet. Die Unterdrückung dauerte einige Generationen lang. Die Menschen konnten leicht das Gefühl haben: „Kejli, Kejli, lama asawtani“ – Mein G-tt, warum hast Du mich verlassen? [Tehillim/Psalm 22.2]

Doch Haschem zeigte ihnen mitten in der Sklaverei, dass Er sie nicht vergessen hatte.

Er wirkte offenbare Wunder:

  • Der Brunnen war voller Fische.
  • Die Frauen brachten ihre Kinder ohne Geburtswehen zur Welt.
  • Engel kamen, um sich um die Neugeborenen zu kümmern.

All diese Wunder ereigneten sich mitten im Leiden.

Tit und Tapuach

Darum ist Charosset kein Widerspruch.

Es erinnert an beides gleichzeitig:

  • an den Tit – die schwere Sklaverei
  • an den Tapuach – die Zeichen, dass Haschem noch bei ihnen war

Selbst während der grössten Dunkelheit zeigte Haschem, dass Er Sein Volk nicht verlassen hat.

Auch in unserer Zeit

Auch wir erleben dies in unserer Zeit– in den letzten zweieinhalb Jahren.

Am 7. Oktober 2023, während des jüdischen Feiertags Simchat Tora, wurde der Staat Israel Ziel eines gezielten und systematischen Terrorangriffs. Über 3.000 Hamas-Terroristen durchbrachen die Grenzen Israels – zu Land, aus der Luft und vom Meer – und griffen brutal die Zivilbevölkerung im Süden des Landes an.

Dieser Angriff war nicht spontan. Er war sorgfältig geplant und zielte darauf ab, möglichst viele Juden zu töten. Über 1.200 unschuldige Menschen wurden mit grausamen Methoden ermordet, darunter Säuglinge, Kinder und ältere Menschen. Viele weitere wurden schwer verwundet. und viele Geiseln wurden nach Gaza verschleppt. Hunderte Soldaten sind seitdem gefallen und verwundet worden.

Die tragischen Ereignisse dieses Tages und ihre Folgen bis heute sind uns allen schmerzlich bekannt. Und jetzt der Krieg gegen den Iran und der Hisbollah.

Sie hinterlassen tiefe Wunden – in Erez Jisrael und im gesamten jüdischen Volk.

Doch zugleich haben wir auch unzählige offene Wunder erlebt und erleben sie täglich.

Unzählige Raketen wurden in grosser Zahl auf Erez Jisrael abgefeuert und verursachten verhältnismässig wenig Tote und wenig Schaden. Die israelische Luftwaffe bombardiert seit Wochen weit entfernte Ziele und – G-tt sei Dank – sind bis heute alle Flugzeuge heil und ganz zurückgekehrt.

Strategisch hat sich die Lage im Nahen Osten dramatisch verändert.

Mitten im Tit erleben wir aber „Tachas ha-Tapuach orrarticha“.

Haschem hat Wunder getan und tut es täglich – und dies stärkt uns enorm in dieser ungewöhnlichen Zeit.

Die Botschaft des Charosset

Dasselbe gilt auch im persönlichen Leben.

Auch wenn ein Mensch durch schwierige Zeiten geht, gibt es oft kleine Zeichen – Hinweise auf die Hand Haschems, die zeigen, dass Er sich weiterhin um uns kümmert.

Darum sagt Rabbi Elieser bar Rabbi Zadok, dass Charosset eine Mizwa ist.

Denn Charosset erinnert uns an beides:

An die Härte der Sklaverei – und an die Hand Haschems, die selbst im dunkelsten Moment gegenwärtig ist.


Quellen und Persönlichkeiten:

Raschi, Akronym für Rabbi Schlomo ben Jizchak, Rabbi Schlomo Jizchaki oder Rabban Schel Jisrael (der Grosslehrer Jisraels), meist jedoch nur Raschi genannt (1040-1105); Troyes (Frankreich) und Worms (Deutschland). Er war ein französischer Rabbiner und massgeblicher Kommentator des Tenach und Talmuds; „Vater aller TENACH- und Talmudkommentare“. Er ist einer der bedeutendsten jüdischen Gelehrten des Mittelalters. Sein Bibelkommentar wird bis heute studiert und in den meisten jüdischen Bibelausgaben abgedruckt; sein Kommentar zum babylonischen Talmud gilt ebenfalls als einer der wichtigsten und ist allen gedruckten Ausgaben beigefügt.

Rabbi Mordechai Pogremansky (1903 – 1950), prominente Persönlichkeit (Iluj – Genie) der litauischen Jeschiwot, wie Kelm, Tels, und Kovno. War ein grosser Zaddik. Leitete einige Jeschiwot, wie Tomchej Temimim (Lubawitsch) in Riga (Lettland) und Heide (Belgien). Überlebte den Holocaust im Ghetto Kowno. Nach dem Krieg gründete er eine Jeschiwa in Frankreich. Er litt u.a. an Tuberkulose; heiratete 1949 und verschied 1950 in der Schweiz an einer schweren Krankheit. Wurde zur Beerdigung nach Israel gebracht und in Benej Berak beigesetzt. Der Chason Isch weinte fürchterlich bei seiner Lewajo (Begräbnis).

Rabbi Yerucham Olshin ist ein orthodoxer Rabbiner und Rosch Jeschiwa und Mitglied des Mo’ezes Gedolej HaTorah (Rates der Tora-Gelehrten) of America. Er ist einer der vier Roschej Jeschiwa (Dekane) von Beth Medrash Govoha, eine der weltgrössten Jeschiwot, in Lakewood, New Jersey. Rabbi Olshins Werke über die jüdischen Feiertage wurden unter dem Titel Yareach LeMoadim veröffentlicht. Olshin ist Schüler von Rabbiner Eliyahu Moshe Shisgal (Schwiegersohn von Rabbi Mosche Feinstein), von Rabbi Abba Berman und Rabbi Shneur Kotler. Er ist ein Schwiegersohn von Rabbi Dov Schwartzman, der ein Schwiegersohn des Gründers der Jeschiwa, Rabbi Aharon Kotler, war.

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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich

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