Nissan/ Zav
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In allen anderen Nächten essen wir Chamez und Mazza (Paraschat Zaw und Pessach 5786)

Diese Nacht dürfen wir nicht Chamez mit Mazza essen - warum?

In allen anderen Nächten essen wir Chamez und Mazza (Paraschat Zaw und Pessach 5786)

Diese Nacht dürfen wir nicht Chamez mit Mazza essen - warum?
Foto: AI Avigail

In allen anderen Nächten essen wir Chamez und Mazza

Rav Frand zu Paraschat Zaw und Pessach 5786

Bearbeitet und ergänzt von S. Weinmann

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Der folgende Gedanke ist zugleich eine geschmackvolle Erklärung zu Paraschat Zaw wie auch zur Haggada.

Die erste der vier Fragen der Ma Nischtana lautet: „…in allen anderen Nächten essen wir Chamez und Mazza – in dieser Nacht aber nur Mazza.“

Die meisten von uns sprechen diese Worte schon, seit wir etwa vier Jahre alt sind. Als Kinder haben wir vielleicht nicht bemerkt, was aus dieser Formulierung eigentlich folgt.

Üblicherweise übersetzt man den Satz „schebechol haLejlot anu ochlin Chamez u’Mazza“ so:
In allen anderen Nächten können wir entweder Chamez oder Mazza essen.

Doch genau das sagt der Text eigentlich nicht. Wörtlich genommen bedeutet der Satz: In allen Nächten des Jahres essen wir Chamez und Mazza.

Tatsächlich kommt es jedoch nur selten vor, dass man bei einer Mahlzeit sowohl Chamez als auch Mazza zusammen isst. Daher scheint es, als hätte die Frage eigentlich anders formuliert werden sollen.

Man müsste dafür gar nicht weit suchen. Die vierte Frage des Ma Nischtana lautet: „…in allen anderen Nächten essen wir bejn joschwin u’bejn messubin – ob sitzend oder angelehnt –, in dieser Nacht aber lehnen wir uns alle an.“

Wenn der Verfasser der Haggada also in der Lage war, zwei Alternativen mit der Formulierung „bejn joschwin u’bejn messubin“ auszudrücken, hätte er ebenso sagen können:

„schebechol haLejlot anu ochlin bejn Chamez u’bejn Mazza

– also: In allen anderen Nächten essen wir entweder Chamez oder Mazza.

Warum tat er das nicht?

Der Binjan Ariel, der Rabbiner von Amsterdam war, erklärt, dass die erste Frage tatsächlich ganz genau so gemeint ist, wie sie formuliert wurde: „Bei anderen Gelegenheiten essen wir Chamez und Mazza zusammen.“

Wie ist das zu verstehen?

Der Binjan Ariel erklärt dazu etwas Besonderes über das Korban Toda (Dankopfer), das in unserer Parascha – Paraschat Zaw – erwähnt wird. Dieses Opfer ist in mehrfacher Hinsicht einzigartig.

Wer ein Korban Toda bringt, opfert nicht nur ein Tier auf dem Misbeach (Altar), sondern bringt gleichzeitig auch die sogenannten ‘Lachmej Toda’, die „40 Brote des Dankopfers“.

Diese Brote sind bemerkenswert, denn sie bestehen sowohl aus gesäuertem als auch aus ungesäuertem – 30 kleine ungesäuerte Brote und 10gesäuerte – also aus Chamez und Mazza!

Der Binjan Ariel erklärt deshalb, dass die erste Frage der Haggada – basierend auf der Mischna in Traktat Pessachim [116a] – auf diesen Umstand anspielt.

Normalerweise, wenn wir ein Korban Toda darbringen, geschieht dies mit Chamez und Mazza zusammen.

Die Frage bezieht sich also nicht auf das, was wir heute in der Seder-Nacht essen. Sie bezieht sich vielmehr auf das Korban Pessach (Pessach-Opfer), das zur Zeit des Bejt Hamikdasch dargebracht und in dieser Nacht gegessen wurde – ein Opfer, das dem Korban Toda in vieler Hinsicht ähnelt.

Im Unterschied zu einem gewöhnlichen Korban Schelamim (Friedensopfer – zu dieser Gruppe gehört auch das Dankopfer), das zwei Tage und eine Nacht lang, gegessen werden darf, darf das Korban Toda nur am Tag seiner Darbringung und in der folgenden Nacht gegessen werden – es muss also bis zum nächsten Morgen vollständig verzehrt sein.

Ähnliches gilt auch für das Korban Pessach, das nur in der Nacht, bis zum nächsten Morgen, gegessen werden darf.

Ausserdem gilt: So wie das Korban Toda mit Brot gebracht und gegessen werden muss, so muss auch das Korban Pessach mit Brot gegessen werden – wie es heisst: „Es (das Pessach-Opfer) soll mit Mazza und Maror gegessen werden.“[Schemot 12,8]

Der Verfasser der Haggada fragt also:

Warum bringen wir in dieser Nacht ein solches Dankopfer, das nur mit ungesäuertem Brot gegessen wird und nicht auch mit gesäuertem Brot?

So versteht der Binjan Ariel die erste Frage der Ma Nischtana.

Was ist die Symbolik dieses Unterschiedes?

Rabbi Buchspan aus Miami möchte die Symbolik erklären, die darin liegt, dass das gewöhnliche Korban Toda sowohl Chamez als auch Mazza enthält, während das Korban Pessach nur Mazza enthält.

Er zitiert hierzu eine interessante Einsicht von Rabbiner Samson Raphael Hirsch zu Sefer Wajikra im Abschnitt über das Korban Toda.

Rav Hirsch erklärt, dass Mazza die Natur in ihrer ursprünglichsten Form darstellt – bevor der Mensch eingreift und sie weiterentwickelt.

Was ist Mazza? Mehl und Wasser. Mehr Grundelemente gibt es kaum. Der menschliche Anteil ist minimal: Man mischt Mehl und Wasser, backt es – und fertig.

Chamez hingegen ist ein Beispiel dafür, wie der Mensch die natürlichen Elemente verändert und weiterentwickelt.

Wenn man Mehl und Wasser nimmt und Hefe sowie andere Zutaten hinzufügt, entsteht nicht mehr eine dünne Mazza, die manchmal kaum besser schmeckt als ein Stück Karton, sondern eine duftende, schmackhafte Challa – ein Produkt menschlicher Kreativität und Gestaltungskraft.

Rabbi Buchspan erklärt, dass die vier Personen, die nach Chasal (unsere Weisen) ein Korban Todah bringen müssen –

  • jemand, der eine Wüste durchquert hat,
  • jemand, der eine Seereise überstanden hat,
  • jemand, der schwer krank war und geheilt wurde,
  • und jemand, der aus der Gefangenschaft befreit wurde

(Talmud Bawli – Traktat Berachot 54b) –

mit ihrem Opfer zwei Dinge anerkennen:

Erstens: Die Hand G’ttes hat sie gerettet, oft ohne oder mit nur minimalem menschlichen Eingreifen. Das wird durch die Mazza symbolisiert.

Doch zugleich gibt es in solchen Situationen auch immer menschliche Beteiligung.

Wenn ein Mensch krank ist und operiert werden muss, dann ist es nicht der Arzt, der letztlich heilt – sondern der Ribbono schel Olam (Herr der Welt). Aber dennoch braucht es Hischtadlut, menschliches Bemühen.

  • Man muss den richtigen Arzt finden.
  • Man muss zum Arzt gehen.
  • Man muss Entscheidungen treffen und die Behandlung durchführen lassen.

Die Heilung eines Menschen beinhaltet also sowohl göttliches Eingreifen als auch menschliche Bemühung.

Ebenso ist es bei jemandem, der eine Wüste durchquert oder über das Meer reist. Er muss selbst handeln, um in Sicherheit zu gelangen. Er kann nicht einfach darauf warten, dass der Ribbono schel Olam ihn auf wundersame Weise rettet.

Wenn ein Schiff sinkt, muss man ins Rettungsboot steigen. Man kann nicht sagen: „Wenn G’tt mich retten will, wird Er ein Wunder tun.“

Darum bringen diese vier Menschen ein Opfer, das beide Aspekte enthält: die Mazza, als Zeichen des göttlichen Eingreifens, und das Chamez, als Symbol menschlicher Beteiligung.

Das Korban Pessach jedoch ist anders.

Hier handelt es sich um ein Wunder, das der Ribbono schel Olam ganz allein vollbracht hat.

Den Juden wurde damals gesagt:

„Ihr sollt bis zum Morgen nicht aus der Tür eures Hauses hinausgehen.“ [Schemot 12,22]

Der Todesengel ging durch die Strassen von Mizrajim. Was sollten die Juden tun?

Nichts.

Sie sollten vollkommen passiv bleiben. Alles würde vom Ribbono schel Olam selbst vollbracht werden.

Deshalb wurde das Korban Pessach – das in gewisser Weise ein Dankopfer ist, bei dem normalerweise auch menschliche Beteiligung symbolisiert wird – nur mit Mazza gegessen.

Denn die Erlösung aus Mizrajim geschah ohne menschliches Zutun – allein durch das Handeln des Allmächtigen.

Oder mit den Worten der Tora:

„Der Ewige wird für euch kämpfen – ihr aber schweiget.“ [Schemot 14,14]

Darum essen wir in dieser Nacht nur Mazza.

Die tiefe Botschaft für den Sederabend

Die Symbolik dieses Unterschiedes ist tief – und sie berührt eine der grundlegenden Fragen jüdischer Glaubenshaltung: das Verhältnis zwischen g-ttlichem Handeln und menschlicher Beteiligung.

Die Haggada stellt deshalb die Frage:

„Warum essen wir heute Abend nur Mazza?“

Die Antwort lautet:

Weil diese Nacht uns daran erinnert, dass es Zeiten im Leben gibt,

  • in denen wir handeln müssen
  • und Zeiten, in denen wir nur vertrauen können

Das Korban Toda vereint Mazza und Chamez, weil das gewöhnliche Leben immer eine Mischung aus beiden Elementen ist:

G’ttliches Eingreifen und menschliches Bemühen. Der Mensch muss handeln, planen, arbeiten und sich bemühen – und zugleich erkennen, dass letztlich alles von der Hand des Ribbono schel Olam abhängt.

Doch die Nacht von Pessach ist anders.

In dieser Nacht erinnern wir uns daran, dass es Momente in der Geschichte gab, in denen die Erlösung nicht durch menschliche Kraft kam, nicht durch Strategie, nicht durch Politik, nicht durch menschliche Macht – sondern allein durch den Willen des Allmächtigen.

Darum essen wir in dieser Nacht nur Mazza.

Die Mazza ist schlicht, einfach, beinahe roh. Sie erinnert uns daran, dass der Mensch nicht immer der Gestalter seiner Erlösung ist. Manchmal besteht die grösste Aufgabe des Menschen gerade darin, nicht zu handeln, sondern zu vertrauen.

So wie es damals in Mizrajim war.

  • Die Juden standen hinter verschlossenen Türen.
  • Der Todesengel zog durch die Straßen.
  • Und ihnen wurde gesagt: „Ihr sollt bis zum Morgen nicht aus euren Häusern hinausgehen.“

Keine Flucht,

keine Verteidigung,

kein Plan.

Nur Vertrauen.

Gerade deshalb beginnt die Ma Nischtana mit dieser Frage:

„In allen anderen Nächten essen wir Chamez und Mazza – in dieser Nacht aber nur Mazza.“

Denn diese Nacht lehrt uns eine der tiefsten Wahrheiten des jüdischen Glaubens:

Im Alltag braucht der Mensch Hischtadlut, eigenes Bemühen. Aber die Erlösung – die wirkliche, endgültige Erlösung – kommt von Haschem allein.

So wie damals in Mizrajim.

Möge der Ribbono schel Olam uns noch dieses Jahr die grosse Erlösung sehen lassen, so wie Er einst unsere Väter aus Mizrajim erlöst hat, dass wir wieder in Jeruschalajim das Pessach-Opfer essen dürfen, al Mazzot uMerorim, mit Mazza und Maror, in Freude und Dankbarkeit vor Haschem.

Quellen und Persönlichkeiten:

Rabbi Schaul ben Aryeh Leib Lowenstam (1717 – 1790); Rzeszów (Reische, Polen), Lokachi (Lakacz) und Dubno (Ukraine), Amsterdam (Holland). Rabbi Schaul war ein bekannter niederländischer Rabbiner und Talmudist. 35 Jahre lang amtierte er in Amsterdam. Sein bekanntestes Werk ist „Binjan Ariel“, Erklärungen zur Tora und zum Talmud.

Rabbiner Samson Raphael Hirsch (1808-1888): Frankfurt am Main, Führer der Deutsch-Jüdischen Orthodoxie. Verfasser von unzähligen Werken zur jüdischen Weltanschauung, zum Chumasch und Tehilim (Psalm), etc. Rabbiner Hirsch war der intellektuelle Gründer der Haschkafa (Philosophie) „Torah im Derech Erez” (Torah mit weltlicher Beschäftigung verbunden) des Orthodoxen Judentums, manchmal Neo-Orthodoxie (moderne Orthodoxie) genannt. Seine Philosophie hatte einen grossen Einfluss auf die Entwicklung des Orthodoxen Judentums in Deutschland im 19. Jahrhundert. Sein weit reichender Blick rettete das deutsche Judentum vor der totalen Assimilation, das infolge des Umhergreifens der Reform vor dem Untergang stand.

Rabbi Avrohom Buchspan ist ein in Miami, Florida, tätiger Rabbiner und Pädagoge. Er ist Dozent und stellvertretender Direktor des Post-High-School-Programms an der Doresh Yeshiva in North Miami Beach. Rabbi Buchspan wurde in Los Angeles geboren und erhielt seine Semicha (Rabbinerordination) von Rabbi Yaakov Weinberg. Er besitzt zudem einen Master in talmudischem Recht. Er ist bekannt für seine Torah-Lehren, in denen er sich unter anderem mit symbolischen Aspekten des Pessach-Festes befasst und Perspektiven von Rabbiner Samson Raphael Hirsch zitiert.

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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich

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