Schewat/ Paraschat Mischpatim
Schewat/ Paraschat Mischpatim

Ethische Normen und rituelle Vorschriften als gleichwertige g“ttliche Gesetzgebung (Paraschat Mischpatim 5786)

Ethik und Ritual – zwei Bereiche, ein g“ttlicher Wille!

Ethik und Ritual – zwei Bereiche, ein g“ttlicher Wille!
Foto: AI Avigail

Ethische Normen und rituelle Vorschriften als gleichwertige gttliche Gesetzgebung

 Rav Frand zu Paraschat Mischpatim 5786

Bearbeitet und ergänzt von S. Weinmann

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Der eröffnende Passuk der Parascha lautet:

„Und dies sind die Rechtsordnungen (וְאֵלֶּה הַמִּשְׁפָּטִים), die du ihnen vorlegen sollst. [Schemot 21,1]

Raschi kommentiert hierzu: Überall dort, wo das Wort Ejleh („diese“) ohne das vorangestellte Präfix Waw erscheint, deutet es auf eine Abgrenzung vom Vorhergehenden hin – diese, aber nicht jene. Wo jedoch We’Ejleh („und diese“) steht, fügt es dem Vorhergehenden etwas hinzu – nicht nur jene, sondern auch diese.

Raschi erklärt, dass das hier verwendete Waw lehren soll: Nicht nur die zuvor in Paraschat Jitro erwähnten Mizwot – die Zehn Gebote – stammen vom Sinai, sondern auch die zivilrechtlichen Gesetze in Paraschat Mischpatim sind sinaitischen Ursprungs.

Doch stellt sich die Frage: Ist das nicht selbstverständlich? Warum muss uns die Tora dies ausdrücklich lehren? Weshalb braucht es einen zusätzlichen Buchstaben, um diese scheinbare Selbstverständlichkeit – diesen Chiddusch – zu vermitteln? Hätte man wirklich denken können, die Gesetze von Mischpatim seien nicht vom Sinai?

Es gibt verschiedene Antworten auf diese Frage. Ich möchte eine besonders schöne und tiefgehende Erklärung teilen, die Rav Jizchak Hutner, sel. A., in seinem Werk ‘Pachad Jitzchak’ zu Schawuot (Ma’amar 41) formuliert.

Chasal lehren uns hier, dass wir nicht annehmen dürfen, die Gebote zwischen Mensch und G’tt seien „religiöser“ oder „heiliger“ als jene zwischen Mensch und Mensch. Der überwiegende Teil der Paraschat Mischpatim befasst sich mit den Mizwot bejn Adam leChawero – mit gesellschaftlichen und

zwischenmenschlichen Verpflichtungen. Es sind scheinbar „alltägliche“ Gebote:
Mein Ochse verletzt deinen Ochsen. Ich bitte dich, auf mein Portemonnaie aufzupassen.
Wenn du meinen Stift findest, bringe ihn mir bitte.

Grundlegende Regeln des menschlichen Zusammenlebens.

Man könnte meinen, „Religion“ bestehe ausschließlich aus dem Verhältnis zwischen Mensch und G’tt. Fragt man den sprichwörtlichen „Mann auf der Strasse“, was religiöses Gesetz sei, wird er vermutlich antworten: Gebet, Glaube, Theologie. Aber ein verlorener Geldbeutel?
Das sei Höflichkeit, Anstand – vielleicht gutes Bürgertum. Aber Religion? Nein. Religion gehöre in die Kirche oder in die Synagoge. Religion habe mit G’tt zu tun.

Die Tora widerspricht dem entschieden.

So wie jene – die Zehn Gebote – vom Sinai stammen, so stammen auch diese – die zivilen, alltäglichen Gesetze – vom Sinai.

Die Konsequenzen, wenn mein Ochse deinen Ochsen schädigt, sind ebenso Ausdruck des Wortes G’ttes und der Tora vom Himmel wie: „Ich bin der Ewige, dein G’tt.“

Dieselbe Genauigkeit und Hingabe, mit der ein Mensch darauf achtet, wie er Mazza bäckt, muss er auch darauf verwenden, wie er über einen Mitmenschen spricht und wie er ihn behandelt.

Rav Hutner untermauert diesen Gedanken mit einer weiteren Stelle am Ende unserer Parascha. Dort heisst es:

„Und zu Mosche sprach Er: Steige hinauf zu Haschem – du, Aharon, Nadaw und Awihu sowie siebzig der Ältesten Israels – und verbeugt euch aus der Ferne.“ [Schemot 24,1]

Der Schlussabschnitt von Mischpatim beschreibt den Bund, den der Ewige mit Klal Jisrael am Tag vor der Gesetzgebung (am 5. Siwan) schloss.

Mosche stand früh auf und baute einen Misbeach (Altar) am Fusse des Berges… Er sandte die Jünglinge (Raschi: die Erstgeborenen) der Kinder Israels, und sie brachten Ola-Opfer (Ganzopfer) dar und schlachteten Stiere als Schelamim-Opfer (Friedensopfer) für Haschem. [Schemot 24,4-5]

Es folgt eine vollständige, feierliche Bundeszeremonie. „Mosche nahm die Hälfte des Blutes und legte es in Becken; die andere Hälfte des Blutes sprengte er auf den Altar.“ [Schemot 24,6]

Dann heisst es: „Er nahm das Buch des Bundes und las es vor den Ohren des Volkes, und sie sprachen: Alles, was Haschem gesprochen hat, Na’aseh weNischma - werden wir tun und wir werden hören.“ [Schemot 24,7]

Diese berühmten Worte – Na’aseh weNischma – erscheinen hier in Paraschat Mischpatim! Beachtenswert ist, dass diese Zeremonie chronologisch vor der vor der Offenbarung der Asseret HaDibrot (Zehn Geboten) stattfand, auch wenn diese zuvor in Paraschat Jitro niedergeschrieben sind.

Darauf folgt der formelle Vollzug des Bundes: „Mosche nahm das Blut (die andere Hälfte des Blutes) und sprengte es über das Volk und sprach: Siehe, dies ist das Blut des Bundes, den Haschem mit euch geschlossen hat über all diese Worte.“ [Schemot 24,8]

Raschi kommentiert zu Vers 6: „Wer teilte das Blut in zwei gleiche Hälften? Ein Engel kam und teilte es.“

Warum konnte Mosche Rabbejnu dies nicht selbst tun? Hätte er nicht einfach zwei Gefässe mit ungefähr gleichen Mengen füllen können? Wen kümmert es, ob es ein Tropfen mehr oder weniger ist?

Nein. Ein Engel musste es tun. Warum? Weil die Teilung absolut exakt sein musste. Der Mensch ist zu vollkommener Präzision nicht fähig, wie Chasal sich ausdrücken: „I efschar lezamzem“. Nur Engel können vollkommen genau messen.

Warum war diese Genauigkeit so entscheidend?

Die eine Hälfte des Blutes wurde auf den Misbeach (Altar) gesprengt – sie symbolisierte die Gebote zwischen Mensch und G’tt. Die andere Hälfte wurde über das Volk gesprengt – sie symbolisierte die Gebote zwischen Mensch und Mensch.

Diese beiden Hälften mussten gleich sein, denn beide Bereiche der Tora sind gleichwertig.
So wie jene vom Sinai stammen, so stammen auch diese vom Sinai.

Rav Hutner weist auf eine feinsinnige, aber inhaltlich weitreichende Besonderheit in der Schreibweise des Wortes Luchot hin – der Gesetzestafeln, auf denen die Asseret HaDibrot eingraviert waren.

Wir sprechen gemeinhin von den „Schenej Luchot“, den zwei Tafeln. Doch auffallenderweise wird das Wort in der Tora bei allen sechs Vorkommen [Schemot 24,12; Dewarim 9,9 [zweimal]; 9,10; 9,15; 10,1] ohne das zweite Waw geschrieben: Luchat.

Die Ktiv-Form (Schreibform) lässt das Wort grammatikalisch wie eine Einzahl erscheinen – als spräche die Tora nicht von zwei Tafeln, sondern von einer einzigen Tafel.

Die Botschaft ist klar und tiefgreifend: Bekannterweise standen auf der rechten Tafel die rituellen und auf der linken Tafel die zwischenmenschlichen Gebote.  In ihrem Wesen bilden die Luchot eine untrennbare Einheit. Die Gebote bejn Adam laMakom und die Gebote bejn Adam leChawero sind keine zwei getrennten religiösen Systeme, sondern verschmelzen zu einem einzigen, g-ttlich verordneten Pflichtenkatalog.

Was äusserlich auf zwei Tafeln verteilt ist, ist innerlich ein einziger Bund. Wer die eine Seite der Tora achtet, ohne die andere mit derselben Genauigkeit zu erfüllen, hat die Einheit der Luchot verfehlt. Beide Bereiche stammen aus derselben g-ttlichen Quelle, beide sind gleich verbindlich, und beide bilden gemeinsam das Fundament der jüdischen Halacha.

Menschen sind oft äusserst genau bei rituellen Geboten: Paragrafen, Unterparagrafen, Kommentare und Superkommentare – jede Nuance wird beachtet und viele bemühen sich, die Halacha buchstabengetreu zu erfüllen, ohne auch nur um eine Haaresbreite davon abzuweichen.

Leider gilt diese Akribie nicht immer in gleichem Masse für zwischenmenschliche Gebote. Doch in Wahrheit besitzen alle dieselbe Bedeutung und denselben Rang. (Es gibt sie leider auch in verkehrter Form!) Alle Mizwot besitzen denselben Stellenwert und dieselbe halachische Verbindlichkeit.

In seiner typischen, tiefgründigen Sprache weist Rav Hutner darauf hin, dass der Mischna Berura, das grundlegende Werk zur Halacha des täglichen Lebens, vom Chafez Chajim verfasst wurde – demselben Autor, der auch die Werke Schemirat HaLaschon und Sefer Chafez Chajim über die Gesetze der erlaubten und verbotenen Sprache (Laschon Hara) schrieb.

Dies ist kein Zufall. Dass sowohl die detaillierte Halacha des täglichen Rituals (Orach Chajim) als auch die Gesetze des richtigen Sprechens und des zwischenmenschlichen Verhaltens aus derselben Feder stammen, ist eine richtungweisende Aussage. Die gleiche Präzision, mit der wir Mazza backen, Zizit binden oder Tefillin schreiben, muss auch gelten für unsere Worte und unser Verhalten gegenüber anderen Menschen. 

Der Chafez Chajim widmete diesem Bereich sogar ein eigenes Werk – Ahawat Chessed (Das Lieben der Güte) – in dem er die Gesetze der Wohltätigkeit und der zwischenmenschlichen Verantwortung mit derselben halachischen Präzision ausarbeitet.

Rav Hutner fasst dies prägnant zusammen:

Der Mischna Berura und die Werke über die Gebote zwischen Mensch und Mensch „stammen aus derselben Feder und aus demselben Herzen“. Es ist dieselbe Tora, derselbe Autor, dieselbe Verpflichtung – ohne Trennung und ohne Abstufung.

Zum Schluss weist er auf eine historische Besonderheit hin: In der jeschiwischen Welt gilt Rav Jisrael Salanter als jener, der die zwischenmenschlichen Gebote wieder ins Zentrum halachischer Aufmerksamkeit rückte. Er legte auf diesen Bereich ausserordentliches Gewicht.

Eine bekannte Begebenheit bringt dies prägnant zum Ausdruck:

Als Rav Jisrael Salanter bereits zu alt war, um selbst Mazza zu backen, fragten ihn seine Schüler, die dies für ihn übernahmen: „Welche Hiddurim – besondere fromme Anforderungen – sollen wir beim Mazza-Backen beachten?“

Er antwortete:

„Achtet darauf, die Frau, die zwischen den Backvorgängen den Raum reinigt, nicht anzuschreien oder anzutreiben. Sie ist eine Witwe, und ihr dürft nicht gegen das Verbot „Witwen und Waisen sollt ihr nicht bedrücken [Schemot 22,21]“ verstossen.

Diese kurze Antwort bringt die gesamte geistige Haltung Rav Jisrael Salanters auf den Punkt.

Rav Hutner bemerkt schließlich, dass der Jahrzeit von Rav Jisrael Salanter stets in die Woche von Paraschat Mischpatim fällt – denn dies war der Kern seiner Tora: die Gesetze von Mischpatim.

Rituelle Gebote und ethische Gebote – sie stehen im selben Schulchan Aruch. Sie waren auf denselben Tafeln geschrieben. Und sie verlangen dieselbe Sorgfalt, dieselbe Ehrfurcht und dieselbe Genauigkeit.

Quellen und Persönlichkeiten:

  • Raschi, Akronym für Rabbi Schlomo ben Jizchak, Rabbi Schlomo Jizchaki oder Rabban Schel Jisrael (der Grosslehrer Jisraels), meist jedoch nur Raschi genannt (1040-1105); Troyes (Frankreich) und Worms (Deutschland). Er war ein französischer Rabbiner und massgeblicher Kommentator des Tenach und Talmuds; „Vater aller TENACH- und Talmudkommentare“. Er ist einer der bedeutendsten jüdischen Gelehrten des Mittelalters. Sein Bibelkommentar wird bis heute studiert und in den meisten jüdischen Bibelausgaben abgedruckt; sein Kommentar zum babylonischen Talmud gilt ebenfalls als einer der wichtigsten und ist allen gedruckten Ausgaben beigefügt.
  • Rabbi Jisrael (Lipkin) Salanter (1810 – 1883), war jüdischer Gelehrter, Rabbiner und Gründer der Mussarbewegung (Schulung des Charakters). Er forderte eine intensivere Verknüpfung von Halacha und Ethik in Theorie und Alltagspraxis des Judentums. Sein wichtigstes Anliegen war die sittliche Läuterung, Selbsterkenntnis und Selbstvervollkommnung. Rosch Jeschiwa in Wilna und Kovno; Litauen.
  • Chafez Chajim: (1838-1933): Rabbi Jisrael Me’ir HaKohen (Kagan in Russisch) von Radin. Autor grundlegender Werke zu jüdischem Recht und jüdischen Werten (Halachah, Haschkafah und Mussar), wie die Werke ‚Mischna Berura‘, ‚Chafez Chajim‘, ‚Schmirat Halaschon‘, Machaneh Israel ‘Ahawat Chessed’ etc. Einer der prominentesten Führer des orthodoxen Judentums vor dem 2. Weltkrieg.  
    Er war ein Pionier mit seinen Werken. Im Jahr 1873, im Alter von fünfunddreissig Jahren veröffentlichte er anonym sein erstes Werk, ‘Chafez Chajim’, in dem er klare religiöse Vorschriften gegen üble Nachrede, Verleumdung und Klatsch (hebr. Laschon Hara) formuliert. Der Titel kann mit ‘der das Leben will’ übersetzt werden und stammt aus Tehilim/Psalm 34,13–14: „Wer ist der Mann, der Leben begehrt (haChafez Chajim), der sich Tage wünscht, an denen er Gutes schaut? Behüte deine Zunge vor Bösem und deine Lippen, dass sie nicht betrügen“.
    Der Chafez Chajim legte grossen Wert auf die Einhaltung dieser Gesetze und verfasste auch ein Morgengebet dazu. In einem zweiten Buch, ‘Schmirat haLaschon’, veröffentlichte er 1876 eine Fortsetzung mit ethisch-moralischen Erklärungen der Wichtigkeit dieser Gesetze.
    Sein bekanntestes, heute weit verbreitetes und im aschkenasischen Judentum als massgeblich anerkanntes Werk ist sein sechsbändiger Kommentar zum Schulchan Aruch, Teil ‘Orach Chajim’: ‘Mischna Berura’ (deutsch ‘Klare Lehre’ 1884–1907), an dem er, unterstützt von seinem Sohn und seinen Schwiegersöhnen, rund fünfundzwanzig Jahre gearbeitet hat. Der Mischna Berura kommentiert den Teil Orach Chajim des Schulchan Aruch Satz für Satz. (Der Schulchan Aruch wurde von Rabbi Josef Karo (Zefat/Safed 1488-1575), verfasst, mit den Anmerkungen von Rabbi Mosche Isserles, (Krakau 1520-1572); bekannt mit dem Akronym ‘Rem’a’
  • Rav Jizchok Hutner (1906 - 1980): Rosch Jeschiwa der Jeschiwah Mesifta Rabbi Chajim Berlin in New York. Er war Rabbiner und Rosch Jeschiwa. Er schrieb verschiedene Werke, wie das philosophische Werk ‘Pachad Jizchak’, etc.

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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich

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