Schewat/ Paraschat Jitro
Schewat/ Paraschat Jitro

Die besondere Wirkung von G’ttes Strenge auf Mosche (Paraschat Jitro 5786)

G’tt begegnet dem Menschen nicht in jeder Lebensphase auf dieselbe Weise!

G’tt begegnet dem Menschen nicht in jeder Lebensphase auf dieselbe Weise!
Foto: AI Avigail

Die besondere Wirkung von G’ttes Strenge auf Mosche

Rav Frand zu Paraschat Jitro 5786 - Beitrag 1

mit Ergänzungen von S. Weinmann

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Eine Lehre aus Paraschat Jitro

Einleitung: Jitros Entscheidung und ihr Auslöser

Jitro, der Priester von Midjan und Schwiegervater Mosches, wurde tief beeindruckt von dem, was er über Mosche und das Volk Israel hörte: „Und Jitro, der Priester von Midjan, Mosches Schwiegervater, hörte alles, was Elokim (G-tt) für Mosche und für Sein Volk Jisrael getan hatte …“ (Schemot 18,1). Diese Ereignisse hinterliessen bei Jitro einen so nachhaltigen Eindruck, dass sie ihn schliesslich zum Übertritt zum Judentum bewegten.

Die Unterscheidung zwischen Mosche und dem Volk Israel

Raschi bemerkt, dass der Passuk bewusst unterscheidet zwischen dem, was Mosche widerfuhr, und dem, was dem Volk Israel geschah. Daraus lehrt Raschi, dass Mosche sinnbildlich dem gesamten Volk Israel gleichgestellt war – seine geistige Bedeutung und Verantwortung entsprachen derjenigen des ganzen Volkes.

Die Bedeutung des Namens „Elokim“ – Ba’al HaTurim

Auch der Ba’al HaTurim setzt sich mit dieser Formulierung auseinander. Besonders auffällig ist für ihn, dass der Passuk den g-ttlichen Namen „Elokim“ verwendet. Dieser Name steht in der Regel für g-ttliche Strenge, Gericht und Richtspruch. Der Ba’al HaTurim erklärt, dass Jitro insbesondere von der Beinahe-Todesstrafe Mosches erschüttert war, die ihm drohte, weil er auf dem Weg die Brit Mila seines Sohnes aufgeschoben hatte (vgl. Schemot 4,24–26). Gerade diese strenge g-ttliche Behandlung Mosches hinterliess bei Jitro einen so tiefen Eindruck, dass sie letztlich den Ausschlag für seinen Übertritt zum Judentum gab.

Rav Nissan Alperts Erklärung: Warum diese Strenge?

Rav Nissan Alpert erklärt, weshalb G’tt Mosche derart streng behandelte. Der Grund liegt darin, dass Mosche sich grundlegend von anderen Menschen unterschied. G’tt behandelt jeden Menschen individuell, entsprechend seinen Fähigkeiten, seiner Stellung und seinem geistigen Potenzial. Während ein gewöhnlicher Mensch für das Aufschieben der Beschneidung seines Sohnes nicht mit einer Todesstrafe rechnen müsste, galt für Mosche – aufgrund seiner einzigartigen Rolle – ein wesentlich strengerer Massstab.

Die Konsequenz individueller g-ttlicher Führung

Gerade diese besondere Behandlung Mosches beeindruckte Jitro zutiefst. Sie machte ihm deutlich, dass die Beziehung zwischen Mensch und G’tt nicht statisch ist, sondern sich im Laufe des Lebens verändert. Mit zunehmendem Alter, mit wachsender Erfahrung und geistiger Reife steigen auch die Erwartungen an den Menschen. Es ist unmöglich, über zehn, zwanzig oder dreissig Jahre hinweg auf derselben geistigen Stufe stehen zu bleiben. Diese Erkenntnis führte Jitro zu einer inneren Wende.

Jitros persönlicher Wandel

Jitro erkannte: „Ich bin nicht mehr derselbe Mensch wie zuvor. Nach allem, was ich über die Spaltung des Schilfmeeres, den Krieg gegen Amalek und die Strenge G’ttes gegenüber Mosche gehört habe, kann ich nicht unverändert bleiben. Ich muss geistig wachsen und mich weiterentwickeln.“ Für Jitro bedeutete dies zwangsläufig, zum Judentum überzutreten. Er war innerlich ein neuer Mensch geworden und konnte seinen bisherigen Weg als Götzenpriester nicht fortsetzen.

Eine zeitlose Lehre

Diese Begebenheit vermittelt eine grundlegende Lehre: Ein Dreissigjähriger ist nicht mehr derselbe Mensch wie mit zwanzig, ein Fünfzigjähriger nicht derselbe wie mit dreissig. Wir wachsen, reifen und verändern uns. G’tt begegnet dem Menschen nicht in jeder Lebensphase auf dieselbe Weise. Unsere Beziehung zu Ihm entwickelt sich fortwährend – sie hängt sowohl von den sich wandelnden g’ttlichen Erwartungen als auch von den von uns selbst zu erbringenden geistigen Fortschritten ab.

Quellen und Persönlichkeiten:

Raschi, Akronym für Rabbi Schlomo ben Jizchak, Rabbi Schlomo Jizchaki oder Rabban Schel Jisrael (der Grosslehrer Jisraels), meist jedoch nur Raschi genannt (1040-1105); Troyes (Frankreich) und Worms (Deutschland). Er war ein französischer Rabbiner und massgeblicher Kommentator des Tenach und Talmuds; „Vater aller TENACH- und Talmudkommentare“. Er ist einer der bedeutendsten jüdischen Gelehrten des Mittelalters. Sein Bibelkommentar wird bis heute studiert und in den meisten jüdischen Bibelausgaben abgedruckt; sein Kommentar zum babylonischen Talmud gilt ebenfalls als einer der wichtigsten und ist allen gedruckten Ausgaben beigefügt.

"Tur" / "Ba’al HaTurim" - Rabbi Ja‘akov ben Ascher (1269 – 1343): Köln (Deutschland), Toledo (Spanien). Er war eine halachische Autorität des Mittelalters. Er verfasste berühmte Werke wie die "Arba’a Turim"("vier Reihen", da sein Werk vier Gesetzesabteilungen umfasst), oft nur mit dem Kürzel "Tur" genannt, eine der ersten kompletten jüdischen Gesetzessammlungen, die Basis unseres Schulchan Aruch’s (Gesetzbuch) von Rabbi Josef Karo. Seine Tora-Erklärung wird deshalb "Ba’al HaTurim" (Meister der Turim) genannt.

Rav Nissan Alpert [Limudej Nissan] (gest. 1986): Schüler und Nachbar von Rabbi Mosche Feinstein; gestorben kurz nach Rabbi Mosche. Autor des Bibelkommentars Limudej Nissan. Rav der Agudah Long Island in Far Rockaway und Lehrer an der Jeschiwah "Rabbi Jitzchak Elchanan"(RIETS); New York City.

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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich

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