Jetzt liegt die Verantwortung bei euch
Rav Frand zu Paraschat Bo 5786
mit Ergänzungen von S. Weinmann
Weitere Artikel zum Wochenabschnitt finden Sie hier
Die erste Mizwa, die Klal Jisrael als Nation erhält, lautet:
„Dieser Monat (Nissan) soll für euch der erste der Monate sein …“ (Schemot 12,2). Raschi zur Stelle erklärt es nach der Deutung unserer Weisen [Mechilta, Midrasch Schemot Rabba] Der Allmächtige zeigte Mosche den Mond bei seiner Erneuerung und sprach zu ihm: Immer, wenn der Mond sich erneuert, sei für euch der Anfang des Monats (Rosch Chodesch) :
Das jüdische Gericht, das Bejt Din, ist verpflichtet, die Monate des Jahres auf Grundlage der Sichtung des Neumondes festzulegen und zu proklamieren. Auf Basis dieser Festlegung bestimmt das Bejt Din auch die Daten der jüdischen Feiertage (Jamim Towim).
Unmittelbar nach diesem Vers wendet sich die Tora den Mizwot rund um das Korban Pessach (Pessachopfer), einschliessend die mit diesem Opfer verbundenen Gebote, Mazza und Maror, zu. All dies findet sich in Paraschat Bo.
Wenn Sie und ich wählen müssten, welche Mizwa Klal Jisrael als „auserwähltes Volk“ zuerst erhalten sollte, hätten wir wohl kaum vorgeschlagen, dass es ausgerechnet das Gebot der Festlegung der Monate sein sollte. Zwar handelt es sich um ein positives Gebot, das vom Bejt Din im Namen des gesamten Volkes erfüllt wird, doch wir würden es kaum als eine „grundlegende“ Mizwa betrachten.
Hätten wir hingegen eine positive Mizwa als feierliche Eröffnung für Klal Jisrael auswählen wollen, wäre das Korban Pessach eine ausgezeichnete Wahl gewesen. Zusammen mit der Brit Mila (Beschneidung) sind dies die einzigen beiden positiven Mizwot, deren Nichterfüllung mit der Strafe des Karet (Ausrottung, die Seele verliert ihren Anteil an Olam HaBa - der kommenden Welt) geahndet wird. In der Rangordnung der positiven Mizwot steht das Pessachopfer ganz oben – wenn nicht sogar an der Spitze. (Bei Verboten gibt es dutzende Vergehen, die mit Karet geahndet werden)
Und dennoch ist es nicht die erste Mizwa, die Klal Jisrael erhielt. Warum wählte Haschem ausgerechnet die Einrichtung des Kalendersystems als erste Mizwa, die das jüdische Volk als Nation erhielt?
Der Kli Jakar gibt darauf eine sehr praktische Antwort: Um das Fest Pessach korrekt begehen zu können, muss zunächst der Neumond des Monats Nissan festgelegt werden, denn nur so lässt sich der Termin von Pessach bestimmen.
Kürzlich hielt ich ein Sefer (Buch) mit dem Titel Chikrej Lev in den Händen, verfasst von Rabbi Arjeh Leib (Laibel) Heiman, dem Rav der „Gra-Schul“ im Jerusalemer Stadtteil Bajit Wagan. In der Einleitung schreibt er, dass er ursprünglich aus Baltimore stammt und an der Talmudical Academy (T.A.) gelernt hat. Er widmet einen ganzen Abschnitt den Rabbinern und Pädagogen aus Baltimore, die ihn geprägt haben.
Darin analysiert er eindrucksvoll, warum die Pflicht des Bejt Din, Rosch Chodesch zu verkünden, tatsächlich die erste Mizwa ist.
Sein zentraler Gedanke lautet: Mit dieser Mizwa geschah etwas Grundlegendes für Klal Jisrael. Ihnen wurde Macht über den Mond verliehen. Bereits im Sefer Bereschit (1,18) wird der Mond als eine herrschende Kraft beschrieben: „… zu herrschen über den Tag und über die Nacht.“ Die Sonne herrscht am Tag, der Mond in der Nacht. Der Mond ist eine gewaltige Kraft innerhalb der Schöpfung.
Der Ramban schreibt in seinem Kommentar zu Bereschit [1:18], dass die Gezeiten (das regelmässige Steigen und Fallen des Meeresspiegels geschieht durch die Anziehungskraft des Mondes) und die Wasser der Welt (Wassermenge von Quellen, Flüssen und Gewässer) vom Mond abhängig sind. Der Mond übt seine Herrschaft über wesentliche Aspekte der Natur aus. Als Klal Jisrael die Macht erhielt, Rosch Chodesch festzulegen, erhielten sie damit auch Autorität über eines der mächtigsten Phänomene der Welt – den Mond. Und nicht nur das: Ihnen wurde zugleich die Macht über den Kalender übertragen.
Chasal lehren uns, dass bis zu diesem Zeitpunkt der Ribbono schel Olam (Herr der Welt) selbst die Termine von Rosch Chodesch und den Feiertagen festlegte. So sagen sie, dass Jizchak an Pessach geboren wurde, Awraham Mazze ass und Ja’akow sowie Ejsaw das Essen für ihren Vater an Pessach brachten. Wer bestimmte damals den Zeitpunkt der Feiertage? Der Midrasch antwortet: Der Allmächtige selbst. Nun jedoch übertrug Er diese Macht auf Klal Jisrael.
Dies ist eine geradezu unglaubliche Autorität. Wenn das Bejt Din festlegt, an welchem Tag Rosch Haschana ist, bestimmt es damit automatisch auch den Tag von Jom Kippur, zehn Tage später. Selbst wenn sich das Bejt Din – ob absichtlich oder unabsichtlich – irrt, bleibt seine Entscheidung verbindlich. Fällt Rosch Haschana nach ihrem Beschluss auf einen Montag, dann ist Jom Kippur am Mittwoch. Selbst wenn im Himmel bekannt ist, dass dies eigentlich anders hätte sein sollen, gilt: Was das Bejt Din festlegt, ist Realität. Wer am Mittwoch isst, begeht eine Übertretung mit der schwerwiegenden Strafe Karet; wer am Dienstag fastet, irrt. Das ist eine Macht von unfassbarem Ausmass.
Die Gemara (Rosch Haschana 8b) sagt: „Dies lehrt, dass das himmlische Gericht nicht richtet, bevor das irdische Gericht den Neumond (von Tischri) geheiligt hat.“
Rosch Haschana ist ein Tag von ungeheurer Bedeutung. Alle Geschöpfe ziehen vor Ihm vorbei, und der Ribbono schel Olam richtet die gesamte Welt: Wer wird leben, wer sterben, wer reich und wer arm sein wird? Und wer bestimmt, wann dieser Tag stattfindet? Der Talmud erklärt, dass der Allmächtige zu Seinen Engeln sagt: „Ich setze mich nicht zum Gericht, bevor das irdische Gericht den Neumond festgelegt hat.“
Gerade deshalb musste diese Mizwa die erste sein. Ein Sklave ist machtlos. Um einen Menschen – oder ein Volk – aus der Sklaverei zu erheben, muss man ihm Macht verleihen. Der Ibn Esra schreibt, dass es für den Menschen nichts Schwereres gibt, als einem anderen Menschen zu dienen. Ein Volk, das den Grossteil von 210 Jahren versklavt war, kann nur durch einen tiefgreifenden psychologischen Wandel zu einem freien Volk werden. Der wirksamste Weg dorthin ist, ihm Macht zu geben – echte Macht. Ihm zu sagen: „Jetzt liegt die Verantwortung bei euch.“
Das war das Heilmittel gegen die Sklavenmentalität. Deshalb musste Kiddusch HaChodesch die erste Mizwa sein.
Doch Macht birgt eine große Gefahr. Der britische Historiker Lord Acton sagte treffend:
„Macht korrumpiert (verdirbt), und absolute Macht korrumpiert absolut.“
Was ist also das Gegenmittel? Die Antwort liegt in der Geschichte des Mondes.
Chasal berichten [Talmud Traktat Chulin 60b], dass der Mond zum Ribbono schel Olam sagte: „Zwei Könige können nicht dieselbe Krone tragen.“ Eine Machtteilung zwischen Sonne und Mond sei nicht möglich. Der Allmächtige akzeptierte dieses Argument und befahl dem Mond, sich zu verkleinern.
Der Mond protestierte daraufhin: „Weil ich ein richtiges Argument vorgebracht habe, soll ich bestraft werden?“ Haschem antwortete: „Du hast recht. Deshalb wirst du belohnt. Grosse Menschen werden deinen Namen tragen“ So wie du „Maor haKatan - das kleine Licht“ genannt wirst, so wird Ja’akow Awinu „Ja’akow haKatan“ genannt werden [Bereschit 27:15], ebenso Dawid HaMelech „Dawid haKatan“ [Schemuel I, 17:14].. Und wenn du nachts erscheinst, wirst du von Milliarden Sternen begleitet werden.“
Rabbi Heiman erklärt dazu: Der Mond hätte sich nur minimal verkleinern müssen. Stattdessen verzichtete er vollständig auf sein eigenes Licht und wurde zum Spiegel der Sonne. Er erfüllte den g-ttlichen Auftrag nicht nur formal, sondern mit innerer Einsicht und Demut – mit allen Verschönerungen des Gebotes.
Das ist die Lehre der Mizwa von Rosch Chodesch:
Ihr habt Macht erhalten – enorme Macht. Ihr bestimmt den Kalender, die Feiertage, Rosch Haschana und Jom Kippur. Aber vergesst nie die Lektion des Mondes: Macht verlangt Demut. Denn Macht, die nicht gezügelt wird, kann verderben.
Rabbi Awraham ben Meir - Ibn Esra (1092 - 1167): Tudela, Toledo, (Spanien). Rabbiner, Gelehrter, Bibelerklärer und Verfasser von zahlreichen Werken zu den verschiedensten Themen; sein bekanntestes Werk ist der klassische Kommentar auf die ganze Torah. Speziell in der zweiten Lebenshälfte führte Ibn Esra bis zu seinem Tode ein rastloses Wanderleben. Seine Reisen führten ihn nach Marokko, Algerien und Tunesien. Dann nach Salerno, Rom, Lucca, Mantua und Verona (Italien). Danach nach Narbonne, Béziers, Rouen und Dreux (Frankreich), und schlussendlich nach London (GB). Fast überall verfasste er Werke, deshalb sind seine Aufenthaltsorte bekannt. Es ist umstritten, wo seine Grabstätte ist.
Rabbi Schlomo Efrajim ben Aharon Luntschitz (1550 – 1619): Luntschitz (Polen), Lvov (Lemberg, Galizien, heute Ukraine), Prag (Tschechien). Talmud-Gelehrter, Rabbiner und geistiger Führer der Juden von Prag. Autor von vielen Werken, wie Olelot Efrajim, Siftej Da’at, Amudej Schesch, Ir Giborim und des klassischen Tora-Kommentars "Kli Jakar".
Rav Aryeh Leib Heiman (1931-2011). Lakewood, Boston (USA), Jerusalem (Israel). Er lernte zehn Jahre in Beth Medrasch Govoha in Lakewood, NJ, bei Rabbi Aharon Kotler sZ"l. Später zog er nach Boston, wo er eine Jeschiwa eröffnete, und liess sich anschliessend in Jerusalem nieder. Er diente vierzig Jahre als Rav der Gra Schul in Bayit Vegan. Rav Leib war bekannt für sein umfangreiches Tora-Wissen, sein unerschütterliches Suchen der Wahrheit (Bikusch haEmet), sein ungeheures Ahawat Jisrael und sein ständiger Wunsch, vor Ehre zu fliehen. Er ist der Autor vom Werk Chikrej Lev zur Tora. Nach seinem Ableben übergab seine Rebbezin seinen Schülern viel geschriebenes Material ihres Mannes, dass noch nicht veröffentlicht wurde. Daraus entstand dann ein weiteres umfangreiches Werk zur Tora: Chaje Lewaw.
Rav Heiman uns seine Rebbezin Chaya Heiman hatten keine biologischen Kinder, sondern zogen fünf Adoptivkinder wie ihre eigenen auf.
______________________________________________________________________________
Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich
______________________________________________________________________________
Copyright © 2026 by Verein Lema'an Achai / Jüfo-Zentrum.
Zusätzliche Artikel und Online-Schiurim finden Sie auf: www.juefo.ch und www.juefo.com
Weiterverteilung ist erlaubt, jedoch nur unter korrekter Angabe der Urheber und des Copyrights von Autor und Verein Lema’an Achai / Jüfo-Zentrum.
Das Jüdische Informationszentrum („Jüfo“) in Zürich steht Ihnen für Fragen zu diesen Artikeln und zu Ihrem Judentum gerne zur Verfügung: info@juefo.com


















