Schewat/ Paraschat Beschalach
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„Der Name als Ausdruck der Identität“ (Paraschat Schemot 5786)

Die Namen der Stämme werden in der Tora immer wieder wiederholt – warum?

Die Namen der Stämme werden in der Tora immer wieder wiederholt – warum?
Foto: AI Avigail

„Der Name als Ausdruck der Identität“

Rabbi Berel Wein zu Paraschat Schemot 5786

mit Ergänzungen von S. Weinmann

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Die Tora betont in der dieswöchigen Parascha die Namen der Familie Jaʿakows, ebenso wie sie es – in noch ausführlicherer Weise – bereits in der vorangegangenen Parascha - Wajechi - getan hat.

Es mag viele unterschiedliche Gründe für diese auffällige Betonung der Namen der Stämme Israels geben. Doch ungeachtet der jeweiligen Erklärung misst die Tora dieser Tatsache offenbar grosse Bedeutung bei. Tatsächlich werden die Namen der Stämme im gesamten Tora-Text immer wieder wiederholt. Man könnte fragen: Was liegt schon in einem Namen? Doch die Tora prägt uns die Namen unserer Vorfahren bewusst ein, um uns ein tiefes Gefühl von Kontinuität und Tradition zu vermitteln.

Das jüdische Volk steht nun vor Jahrhunderten des Exils und schließlich der Knechtschaft in Ägypten. Es ist sowohl physisch als auch geistig ernsthaft von Auslöschung bedroht. Unsere Weisen lehren, dass die Hoffnung auf Erlösung und Befreiung niemals erlosch, weil die Juden ihre ursprünglichen Namen nicht aufgaben und sich nicht vollständig ägyptisierten – weder im Namen noch in ihrer Sprache und der äusseren Erscheinung. Die Namen ihrer Vorfahren erinnerten sie an ihre Vergangenheit und an das Versprechen G-ttes, sie aus Knechtschaft und Leiden zu erlösen.

Diese Erfahrung des ägyptischen Exils verankerte im jüdischen Bewusstsein die zentrale Bedeutung der Bewahrung der eigenen Namen. Gerade deren Fortbestand und Gebrauch verhinderten, dass das jüdische Volk als einzigartiges und ewiges Volk nicht unterging. Deshalb steht zu Beginn des Buches Schemot – des Buches von Knechtschaft und Erlösung – die Aufzählung der Namen der Söhne Ja’akows: ein bleibendes Zeugnis dafür, wer das jüdische Volk in seinem Wesen ist.

Im Laufe der Jahrhunderte rang das jüdische Volk immer wieder darum, seine Identität und sein Gefühl der Zugehörigkeit durch seine Namen zu bewahren. In der aschkenasischen Tradition entwickelte sich der Brauch, Kinder nach verstorbenen Vorfahren zu benennen. Daraus entstand ein tiefes emotionales Band innerhalb der Familien, das schließlich dazu führte, dass Kinder mehrere Namen erhielten, um mehr als einen Vorfahren zu ehren. In der sephardischen Tradition hingegen werden Namen zu Ehren lebender Großeltern und Verwandter vergeben. Doch auch dort steht der Gedanke von Kontinuität und Sinnstiftung im Mittelpunkt.

In neuerer Zeit erhielten viele Juden zusätzlich weltliche Namen, die im allgemeinen gesellschaftlichen Umfeld verwendet wurden. In den letzten Jahrzehnten jedoch ist die ausschließliche Vergabe jüdischer oder hebräischer Namen wieder vermehrt in den Vordergrund gerückt. Offenbar liegt in einem Namen weit mehr, als man auf den ersten Blick vermuten würde. Selbst in der nichtjüdischen Welt erfreuen sich biblische Namen bis heute grosser Beliebtheit. Die Menschen sehnen sich nach einer Verbindung zu ihrer Vergangenheit, und traditionelle, biblische Familiennamen vermitteln ein Gefühl von Beständigkeit und Fortdauer, das modische, „trendige“ Namen kaum zu geben vermögen.

Namen können somit zu einem Anker für das eigene Selbstwertgefühl und den Lebenssinn werden. Das beharrliche Festhalten der Tora an der Nennung der Namen der Söhne Ja’akows – der späteren Stämme Israels – unterstreicht diese grundlegende Wahrheit von Familie und Identität. Vielleicht ist dies auch gemeint, wenn der Midrasch lehrt, dass einer der Gründe für die Erlösung Israels aus der ägyptischen Knechtschaft darin bestand, „dass sie ihre Namen nicht änderten“ – dass sie ihre hebräischen Namen nicht gegen ägyptische eintauschten. 

Schabbat Schalom.

Jehi Sichro Baruch – Möge sein Andenken zum Segen sein.

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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich

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