Persönliche Mizwot nicht auf Kosten des Nächsten
Perspektiven zu Paraschat Wajechi 5786
Ch. B., DJZ, Nr. 51/52, 4. Tewet 5778 / 22. Dezember 2017
mit Ergänzungen von S. Weinmann
In Paraschat Wajechi wird berichtet, dass die Brüder nach dem Tod von Ja’akow Awinu plötzlich von Furcht ergriffen wurden: Josef könnte sich nun an ihnen rächen. Zunächst sandten sie Boten zu ihm, danach traten sie selbst vor ihn, fielen ihm zu Füssen und erklärten, ihr Vater Ja’akow habe ihnen vor seinem Tod aufgetragen, Josef möge ihnen ihre Schuld vergeben. Josef brach in Tränen aus, tröstete sie und versicherte ihnen, dass er keinerlei Hass gegen sie hege.
Chasal (unsere Weisen) im Midrasch (Midrasch Rabba 100:8; Midrasch Tanchuma 17) greifen zu dieser Begebenheit den Passuk auf (Bereschit 50:15): „Und die Brüder sahen, dass ihr Vater gestorben war …“ und fragen, was die Brüder nach dem Tod Ja’akows plötzlich gesehen hätten, dass dies Angst in ihnen auslöste.
Als Antwort erzählt der Midrasch, dass Josef auf dem Rückweg von Ja’akows Beerdigung bei Schechem – Dotan liegt in der Nähe von Schechem – an der Grube vorbeiging, in die ihn seine Brüder einst geworfen hatten. Er stellte sich neben die Grube und sprach laut die Beracha: „Sche’assa li Ness baMakom haSeh“ – „Der mir an diesem Ort ein Wunder getan hat“. Wie bekannt, war die Grube voller Schlangen und Skorpione, und Josef wurde dort durch ein Wunder gerettet. Als die Brüder dies sahen, erkannten sie, dass Josef dieses Geschehen nicht vergessen hatte, und fürchteten daher, er könnte doch noch Hass gegen sie empfinden und sich an ihnen rächen wollen.
Doch diese Reaktion wirft eine grundlegende Frage auf: Worin bestand eigentlich der Einwand gegen Josef? Er handelte doch halachisch korrekt. Wer an einem Ort vorbeikommt, an dem ihm ein Wunder widerfahren ist, ist verpflichtet, eine Beracha zu sprechen, um Haschem dafür zu danken. Weshalb also deuteten die Brüder diese Handlung als Ausdruck von Groll?
Der Midrasch Sechel Tow (Wajechi zu 50:15) berichtet, dass Josef, als er in die Grube blickte, dabei seufzte. Gerade dieser Seufzer veranlasste die Brüder zu glauben, dass Josef haZaddik noch immer Groll gegen sie hege.
Raw Schalom Zwi Schapira sZ’l bemerkt in seinem Werk „Hama’or schebeTora“, dass uns diese Begebenheit lehrt, wie ausserordentlich vorsichtig man mit der Ehre des Nächsten umgehen muss. Obwohl Josef haZaddik zweifellos das Richtige tat und die Mizwa erfüllen musste, hätte er dennoch bedenken müssen, wie er sie ausführt, ohne bei seinen Brüdern Verdacht oder Schmerz zu erwecken. Vielleicht hätte er sich abwenden oder die Beracha leise sprechen sollen; auch das Seufzen hätte er unterdrücken müssen.
In diesem Zusammenhang – so schreibt Rav Schapira – wird von Rabbi Jisrael Salanter sz’l berichtet, dass er einst sagte, er habe eine einzige Frage zum Werk „Scha’arej Teschuwa“ von Rabbejnu Jona (3:207 und 4:19). Dort wird der Fall eines Menschen beschrieben, der gesündigt hat, indem er schlecht über seinen Freund gesprochen hat. Um Sühne zu erlangen, muss er seinen Freund um Vergebung bitten und ihm offenbaren, was er über ihn gesagt habe, und ihn dann um Verzeihung bitten.
Rabbi Jisrael Salanter fragte dazu: Wie kann man einem Sünder erlauben, seinen Freund zu kränken und zu beschämen, nur um selbst Sühne zu erlangen? Darf ein Mensch sich selbst reinigen, wenn dies auf Kosten des Schmerzes eines anderen geschieht?
Dieselbe Frage stellt sich auch bei Josef haZaddik. Darf er die Mizwa erfüllen und die Beracha über das ihm widerfahrene Wunder sprechen, wenn dies zur Folge hat, dass seine Brüder an ihre Sünde erinnert und dadurch beschämt werden?
Raw Schapira sZ’l führt weiter aus, dass Josef zu einem späteren Zeitpunkt tatsächlich grössere Vorsicht walten liess. Nach dem Tod Ja’akows lebten die Schewatim (Stämme) noch etwa sechzig Jahre gemeinsam in Frieden und Eintracht in Erez Mizrajim. Die Vergangenheit schien vergessen, und Josef bewies durch sein Verhalten, dass er keinerlei Hass in seinem Herzen trug.
Dennoch berichtet der Passuk, dass Josef seine Brüder vor seinem Tod in doppelter Weise beschwor, ihnen zugleich die Erlösung aus Mizrajim prophezeite und sie bat, seine sterblichen Überreste mitzunehmen, wie es heisst (Schemot 13:19): „Wajikach Mosche et Azmot Josef, ki haschbe’a hischbi’a et Benej Jisrael… - „Und Mosche nahm die Gebeine Josefs, denn er hatte die Kinder Jisrael beschworen (beschworen) …“
Chasal erklären (Midrasch Schemot Rabba 20:19), dass diese beiden Schwüre Folgendes bedeuteten: Josef schwor seinen Brüdern, dass er ihnen den Verkauf vollständig vergeben habe und keinerlei Hass gegen sie hege. Die Brüder wiederum schworen ihm, dass auch sie keinen Groll mehr gegen ihn empfänden, obwohl er sie kränkte, als sie nach Ägypten kamen, um Essen zu kaufen.
Doch stellt sich die Frage: Waren solche Schwüre nach sechzig Jahren gemeinsamen, friedlichen Lebens überhaupt noch notwendig? Warum brachte Josef dieses Thema gerade vor seinem Tod erneut zur Sprache?
Der Midrasch [ibid.] erklärt, dass Josef im Begriff war, seine Brüder zu bitten, seine sterblichen Überreste nach Erez Jisrael zu bringen und ihn in Schechem zu begraben. Damit wollte er ihnen andeuten: „Aus Schechem habt ihr mich genommen, und nach Schechem müsst ihr mich zurückbringen.“ Denn wie ein Dieb das Diebesgut seinem rechtmässigen Besitzer zurückerstatten muss, so sollten sie ihn an jenen Ort zurückbringen, von dem sie ihn einst weggenommen hatten.
Josef haZaddik war sich jedoch bewusst, dass eine solche Bitte den Eindruck erwecken könnte, er hege noch immer Ressentiments. Deshalb schickte er den Schwur voraus – um klarzustellen, dass keinerlei Hass in seinem Herzen war und dass er einzig und allein seine Pflicht – auf dieser Art und Weise - erfüllen muss, da er sich selbst nicht weiter helfen könne.
Midrasch Rabba (der grosse Midrasch): Grosse Sammlung von Erklärungen und Aggadot zum TENACH der Tanna’im (Mischnagelehrten) und Amora’im (Talmudgelehrten).
Midrasch Tanchuma: Sammlung von Erklärungen und Aggadot zum Chumasch. Wird nach dem Amora (Talmudgelehrten) Rabbi Tanchuma Bar Abba benannt, da er am häufigsten in diesem Midrasch zitiert wird. Er war ein jüdischer Amora der 5. Generation, einer der bedeutendsten Aggadisten seiner Zeit.
Midrasch Sechel Tov. Der Midraschist ein früher, auf die Tora bezogener Midrasch-Kommentar, der von Rabbi Menachem ben Rabbi Schlomo verfasst wurde. Er lebte im 11./12. Jahrhundert, in der Zeit der frühen Rischonim, zu der auch Raschi gehört. Er schrieb sein Werk im Jahre 1139.
Er zeichnet sich durch eine knappe und textnahe Auslegung der Tora aus, verbindet den Peschat (den einfachen Wortsinn) mit midraschischen Elementen und greift häufig auf Talmud, Midrasch Rabba sowie auf die Lehren früherer Geonim zurück. Charakteristisch sind seine klare Sprache und das Bestreben, den biblischen Text logisch, sprachlich präzise und ohne ausufernde homiletische Abschweifungen zu erklären. Zwischendurch bringt er auch verschiedene Halachot.
Leider ging ein Teil verloren. Der Midrasch ist vor allem zu den Büchern Bereschit und Schemot erhalten geblieben. In der rabbinischen Literatur wird er gelegentlich zur ethisch-moralischen Auslegung herangezogen, insbesondere bei Fragen des zwischenmenschlichen Verhaltens.
Er verfasste zudem ein weiteres Werk mit dem Titel ‘Ewen Bochen’ zu Dikduk/hebräische Grammatik, das im Jahr 1143 entstand.
Rabbejnu Jona ben Awraham Gerondi (1200-1263); Girona, Barcelona und Toledo, Spanien. Rabbiner und Rosch Jeschiwa. War einer der bekannten Rischonim. Cousin des Ramban (Nachmanides). Bekannt durch seine Werke: „Scha’arej Teschuwa (Lehre über moralisches Verhalten)“, Erklärungen zu Pirkej Awot und Mischlej, wie Abhandlungen zum Talmud (grosser Teil ging verloren).
Rabbi Jisrael (Lipkin) Salanter (1810 – 1883), war jüdischer Gelehrter, Rabbiner und Gründer der Mussarbewegung (Schulung des Charakters). Er forderte eine intensivere Verknüpfung von Halacha und Ethik in Theorie und Alltagspraxis des Judentums. Sein wichtigstes Anliegen war die sittliche Läuterung, Selbsterkenntnis und Selbstvervollkommnung. Rosch Jeschiwa in Wilna und Kovno; Litauen.
Rabbi Schalom Zwi haKohen Schapira (1921-2001 / 5681–5761) studierte sechs Jahre bei dem Gaon Rabbi Elchanan Wasserman sel. A. in Baranowitsch, und gehörte später zu den herausragenden Schülern der Jeschiwa von Mir. Während der Kriegsjahre ging er mit der Jeschiwa ins Exil nach Japan und anschliessend nach Shanghai. Nach dem Krieg lebte er im Exil in Frankreich, wo er seine Ehefrau fand. Im Jahr 5709 (1949) wanderte er nach Israel ein. Sein grosses, sechsbändiges Werk über Mischne Tora (»Jad haChasaka«) von Rambam (Maimonides) begann er bereits in Shanghai zu verfassen.
Er gehörte zur Generation der Rabbanim, die nach der Schoa das zerstörte jüdische Geistesleben neu aufbauten. Er war bekannt für seine Fleiss im Lernen und seine persönliche Bescheidenheit.
Sein pädagogischer und geistiger Weg war tief geprägt von der Mussar-Bewegung, insbesondere vom Erbe der Schulen von Slobodka und Kelm. Er betonte die moralische Verantwortung des Ben-Tora, die besondere Sensibilität für die Würde des Mitmenschen sowie die Verpflichtung, Gebote mit innerer Lauterkeit und feinem Gespür für den anderen zu erfüllen. Nach seiner Auffassung misst sich Vollkommenheit im Dienst G-ttes nicht allein an halachischer Genauigkeit, sondern ebenso an der Tiefe der Charaktereigenschaften und der Fähigkeit, den Nächsten wahrzunehmen.
Diese Gedanken finden ihren Ausdruck in seinen Schriften und Lehrvorträgen, insbesondere in seinem Werk HaMa’or schebaTora, in dem er Parascha-Erklärungen, Aussprüche der Chasal und praktisch-ethische Einsichten miteinander verband – zeitlos gültig für das Leben des Menschen in jeder Generation.
______________________________________________________________________________
Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich
______________________________________________________________________________
Copyright © 2025 by Verein Lema'an Achai / Jüfo-Zentrum.
Zusätzliche Artikel und Online-Schiurim finden Sie auf: www.juefo.ch und www.juefo.com
Weiterverteilung ist erlaubt, jedoch nur unter korrekter Angabe der Urheber und des Copyrights von Autor und Verein Lema’an Achai / Jüfo-Zentrum.
Das Jüdische Informationszentrum („Jüfo“) in Zürich steht Ihnen für Fragen zu diesen Artikeln und zu Ihrem Judentum gerne zur Verfügung: info@juefo.com

