Tewet/ Paraschat Wajechi
Tewet/ Paraschat Wajechi

Mit Träumen überleben (Paraschat Wajigasch 5786)

Das jüdische Volk lebt von Träumen

Mit Träumen überleben (Paraschat Wajigasch 5786)

Das jüdische Volk lebt von Träumen

Mit Träumen überleben

Rabbi Berel Wein zu Paraschat Wajigasch 5786

mit Ergänzungen von S. Weinmann

Die Brüder und Josef stehen sich endlich in einer direkten Begegnung gegenüber – ohne Vortäuschung und ohne Ausflüchte. In dem Moment, in dem Josef sich seinen Brüdern offenbart, zerfällt der Schleier aus Geheimhaltung, Rollenspiel, Misstrauen und Feindseligkeit. Die Träume, die scheinbar der Auslöser dieses angespannten Familiendramas waren, treten nun in ihrer reinen und einfachen Bedeutung hervor.

Die Getreidebündel stehen für die Brüder, und auch die Konstellation der Sterne am Himmel kann wörtlich verstanden werden, als die Brüder sich vor Josef verneigen. Bemerkenswert ist, dass die Brüder nie die Frage stellten, warum Josef eines solchen Respekts und einer solchen Autorität über sie würdig war. Sie scheinen nie nach den Verdiensten oder Eigenschaften gesucht zu haben, die Josef zu ihrem Herrscher gemacht hatten. Viele Kommentatoren sind der Ansicht, dass Josef ihnen nie die Geschichte seines Lebens bei Potifar und im Gefängnis erzählte oder erklärte, wie er zu solchem Ansehen und solcher Macht gelangt war. Für die Brüder – und vielleicht auch für Josef selbst – war es ausreichend, dass seine Träume Bedeutung hatten und sich erfüllt hatten. Die übrige Geschichte wurde beinahe nebensächlich. Die Träume wurden zum zentralen Thema, und als sie sich als wahr und gültig erwiesen, war dies alles, was zählte.

Die Brüder und ihre Nachkommen würden fortan keine Träume und keine Träumer mehr verhöhnen. Im Gegenteil: Sie erkannten nun, dass Träumer oft praktischer sind als die sogenannten Pragmatiker dieser Welt. Das jüdische Leben würde – zumindest in entscheidenden Teilen – nur aufgrund von Träumen überleben und Erfolg haben, nicht aufgrund von nüchternen Daten allein.

Als Josef sich seinen Brüdern offenbarte, waren sie naturgemäss über diese Wendung des Schicksals zutiefst erschüttert. Bis zu diesem Moment hatten sie geglaubt, im Rahmen des Rechtes gehandelt zu haben, und ihre Taten gegenüber Josef nicht nur als gerechtfertigt, sondern sogar als notwendig betrachtet. Sie sahen in ihm eine existenzielle Bedrohung für ihr eigenes Überleben und für den Aufbau der Nation des jüdischen Volkes.

In einem einzigen Augenblick zerbrach dieses Selbstbild. Der Grund dafür war ihre Weigerung gewesen, Josefs Träumen Glauben zu schenken.

Daraus ergibt sich eine zeitlose Wahrheit: Das jüdische Volk lebt von Träumen.

Die Rückkehr unseres Volkes in das Land Israel in unserer Zeit ist vielleicht der grösste dieser Träume. In Tehillim (Psalm 126,1) lernen wir, dass die Rückkehr nach Zion selbst als Traum beschrieben wird – denn auf rein pragmatischer Grundlage hätte sie niemals stattfinden können. Dasselbe gilt für den gewaltigen Aufschwung des Tora-Studiums und des Tora-Wissens in der jüdischen Welt unserer Zeit. Nur Träumer konnten sich vorstellen, dass es möglich sein würde, die anhaltenden Strömungen von Ignoranz und Feindseligkeit gegenüber dem authentischen Judentum und seinen Werten zumindest teilweise aufzuhalten.

Der grosse Ponewischer Raw brachte diese Haltung prägnant auf den Punkt, als er mir sagte:
„Ich schlafe wenig, aber ich träume die ganze Zeit.“

Jehi Sichro Baruch – Möge sein Andenken zum Segen sein.

Quellen und Persönlichkeiten:

Rav Josef Schlomo Kahaneman, Poniwescher Raw (1886 - 1969); Poniwesch, Litauen; Benej Berak, Israel. Einer der grössten Erbauer von Tora- uns Waisen-Institutionen nach der Schoa.

______________________________________________________________________________

Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich

______________________________________________________________________________

Copyright © 2025 by Verein Lema'an Achai / Jüfo-Zentrum.

Zusätzliche Artikel und Online-Schiurim finden Sie auf: www.juefo.ch und www.juefo.com  

 Weiterverteilung ist erlaubt, jedoch nur unter korrekter Angabe der Urheber und des Copyrights von Autor und Verein Lema’an Achai / Jüfo-Zentrum.

Das Jüdische Informationszentrum („Jüfo“) in Zürich steht Ihnen für Fragen zu diesen Artikeln und zu Ihrem Judentum gerne zur Verfügung: info@juefo.com

 

Wir benötigen Ihre Hilfe

Der Verein Lema’an Achai ist eine non-profitable Organisation. Unsere Einnahmen rekrutieren sich ausschliesslich von Sponsoren. Deshalb sind wir um jede Spende dankbar.

Accessibility