Wochenabschnitt Paraschat Jitro: Wenn Wein sich wie Wasser ausgiesst, ist dies ein positives Zeichen für das Haus?
Rav Frand zu Paraschat Jitro 5785
Bearbeitet und ergänzt: S. Weinmann
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In Hilchot Hawdala (Schulchan Aruch, Orach Chajim 296:1) zitiert der Rem’a (Rabbi Mosche Isserles) einen Brauch, ein wenig des Hawdala Weins auf den Boden auszugiessen, bevor die Beracha Borej Peri Hagafen beendet wird. Und warum gerade mitten in der Beracha? Weil vor der Beracha ein Problem von “Kos Pagum” (wörtlich: beschädigter Becher) besteht. Das bedeutet, dass die Beracha auf einen vollen Becher Wein gesprochen werden muss, es darf nichts fehlen. Wiederum nach der Beracha von dem Wein auszugiessen, ist eine Schändung des Weines, auf dem man die Beracha gesprochen hat. Deshalb muss man vor dem Beenden der Beracha ein bisschen von dem Wein auf den Boden schütten.
Die Frage, die sich sofort stellt, ist: Warum überhaupt Wein auf den Boden schütten? Der Rem’a selbst beantwortet die Frage. Der Talmud (Traktat Ejruwin 65a) sagt folgendes: Ein Haus, in dem nicht Wein wie Wasser ausgegossen wird, besitzt kein ‘Ssiman Beracha’ (Zeichen des Segens)! Also tun wir dies als Zeichen der Beracha gleich zum Beginn einer neuen Woche.”
Der “Tas” (Turej Sahaw) kommentiert zu diesem Rem’a “Ejn le’se Perusch!” (Dies ist unerklärlich.) Erstens, sollte es verboten sein auf einen nicht ganz vollen Becher Kiddusch oder Hawdala zu machen, dann gilt dies bis zum Ende der Beracha! Zweitens ist der Begriff eines “Kos Pagum” nur für einen Kos (Becher oder Flasche) anwendbar, aus dem jemand zuvor daraus Wein getrunken hat. Zudem ist es kein angemessener Brauch, mit dem Sagen einer Beracha zu beginnen und dann den Wein auf den Boden auszugiessen; es gibt keine grössere Beschämung für eine Beracha als dies! Also sagt der “Tas”, wie der ‘Rem’a’ diese Talmudstelle auslegt, macht dieser Ausspruch unserer Weisen überhaupt keinen Sinn.
Der ‘Tas’ zieht daher die Praxis vor, die er im Sefer Jesch Nochalin (von Rabbi Awraham Scheftlisch) aufgezeichnet sah, nämlich den Becher vor der Hawdala so zu füllen, dass der Wein über den Rand des Bechers hinausfliesst. In anderen Worten, man füllt den Kos so stark, dass der Wein auf den Boden fliesst. Dies ist die beabsichtigte Ssiman-Beracha-Symbolik des Weins, der wie Wasser fliesst. Der ‘Tas’ schliesst mit den Worten: Und so habe ich es ständig praktiziert.
Der ‘Tas’ fährt fort und legt den Begriff “eines Hauses, in dem Wein nicht wie Wasser gegossen wird” ganz anders aus: Chasal (unsere Weisen) haben sicher nicht empfohlen Wein auszugiessen, wie wenn es Wasser wäre. Dies wäre ‘Ba’al Taschchit’ (das Verbot, etwas Geniessbares zu zerstören). Bei Wasser gibt es kein Ba’al Taschchit, jedoch gilt dieses Verbot bei Wein! Er bringt einen Beweis dazu, von einer anderen Halacha im Schulchan Aruch. Deshalb ist es ist unfassbar, dass wir aufgefordert werden, Wein auszugiessen, wie wenn es Wasser wäre!
Der ‘Tas’ vermerkt vielmehr, dass die Aussage “jedes Haus, in dem Wein nicht wie Wasser ausgegossen wird, keine Beracha enthält” als ein “Bediewed” – eine geschehene Tatsache – gemeint ist. Falls Chasal dies als einen positiven Brauch empfohlen hätten, hätten sie sagen sollen ‘in jedem Haus, wo sie nicht Wein wie Wasser giessen…”! Vielmehr ist die beabsichtigte Lektion, dass “wenn etwas in eurem Haus zerbricht, verliere deine Beherrschung nicht!” In anderen Worten, wenn du eine teure Flasche Wein in deinem Schrank hast, und dein Kind die Flasche zerbricht oder ausgiesst, reagiere nicht dramatisch darauf. Solch ein Vorfall sollte nicht verursachen, dass du deine Beherrschung verlierst.
Die Chachamim haben hier nicht nur über eine Flasche Wein gesprochen. Kinder zerbrechen Dinge, die Frau zerbricht Dinge, du selbst zerbrichst Dinge. Werde nicht aufgeregt über diese Art von Geschehnissen, auch wenn du deswegen einen Verlust erleidest. Missgeschicke geschehen im Leben. Der Wein giesst sich aus, das Glas zerbricht, das Porzellan wird angeschlagen, das Kristall zersplittert. Weine dem nicht nach. Die natürliche Reaktion von Menschen ist es, sich über solche Dinge aufzuregen, deshalb haben die Chachamim, in der Hoffnung, dieser automatischen Reaktion entgegenzuwirken, gesagt: Jedes Haus, in dem Wein nicht wie Wasser ausgegossen wird (unabsichtlich), wird kein ‘Ssiman Beracha’ sehen. Dies ist die richtige Haltung, wie man sie einnehmen sollte, wenn etwas ausgegossen wird, zerbricht oder beschädigt wird. Es ist ein schlechtes Vorzeichen, wenn das Ausgiessen von Wein mehr Trauma in einem Haus auslöst, als das Ausgiessen von Wasser.
Dies ist, was die Gemara im Traktat Sota 3b andeutet: “Raw Chissda sagte: ‘Zorn in einem Haus ist wie ein Karia-Wurm für Sesamsamen.’ (Genauso wie der Wurm den Sesam verzehrt, zerstört der Zorn das Haus!’) Chasal sagen uns: Wenn ein Mensch sich über Dinge aufregt, die in seinem Haus geschehen, wird er finanzielle Verluste erleiden. Der Verlust ist nicht nur der Wert der Sache, die zerbrochen oder beschädigt wurde. Wenn jemand seine Beherrschung zuhause verliert, bestraft ihn der Ribbono schel Olam (Herr der Welt) mit weiteren Missgeschicken.
Was ist die Midda keneged Midda (Mass für Mass) hier? Ich sah die folgende Andeutung im Sefer Besot Jawo Aharon: Wenn jemand etwas in einem Haushalt zerbricht und der Besitzer einen Schaden erleidet, wird der Besitzer, falls er ein gläubiger Mensch ist, realisieren, dass Hakadosch Baruch Hu wollte, dass dies geschehen sollte. Der Allmächtige wollte, dass er einen Verlust erleiden sollte. Warum regt er sich also auf? Auf wen regt er sich auf? Ein Mensch kann sich auf sein Kind oder seine Frau aufregen, aber es ist nicht wirklich das Kind oder die Frau, die die letztendliche Ursache dieses Verlusts waren. Sie sind nur ein Werkzeug in der Hand des Allmächtigen. Falls ein Mensch ein wahrer Ma’amin ist, würde er wie David Hamelech bei seiner Flucht vor Awschalom sagen: “Er (Schim’i ben Gera) verflucht mich, weil “Haschem amar lo lekalel”- weil der Ewige ihm sagte: ‘Verfluche David’. Wer kann also (Schim’i) sagen: “Warum hast du dies getan?” (Schmuel II 16:10). Unsere Haltung muss sein, dass Haschem will, dass ich den Krug oder das Kristall oder das Porzellan, oder was immer es ist, ersetze. Dieser Verlust wurde durch die Hand des Allmächtigen verursacht, warum also regst du dich so auf?
Du bist wahrscheinlich aufgeregt, weil du meinst, dass du der Verantwortliche bist. Du meinst, dass du das Sagen hast. Du glaubst, dass du den Gewinn und Verlust des Jahres bestimmen kannst. Der Ribbono schel Olam sagt: “Ich werde es dir zeigen, und Ich werde Armut über dein Haus bringen, weil du nicht wirklich an die wahre Quelle deiner finanziellen Stabilität glaubst.” Deshalb, wenn ein Mensch über solche Dinge nicht seine Beherrschung verliert, sondern diese gelassen als “beschert” (es musste so sein) annimmt, ist solch eine Emuna (ein Glauben) ein ‘Ssiman von Beracha’, denn als Belohnung für diesen Glauben wird der Ribbono schel Olam den erlittenen Verlust ersetzen.
Dies ist es, um was sich die Asseret Hadibrot (die zehn Gebote) handeln. Die Asseret Hadibrot beginnen mit der Mizwa der Emuna (Glauben an Haschem): “Anochi Haschem Elokecha – Ich bin der Herr, dein G”tt, Der dich aus dem Land Ägypten aus dem Sklavenhaus hinausgeführt hat” (Schemot 20:2). Die zehn Gebote enden mit der Mizwa “Lo Tachmod – Du sollst nicht das Haus deines Nachbarn begehren” (Schemot 20:14).
“Anochi Haschem Elokecha – Ich bin der Herr, dein G”tt” ist Emuna in der Theorie. Wir alle nehmen dies an. Emuna in der Praxis jedoch ist: “Du sollst nicht das Haus deines Nachbarn begehren.” Was bedeutet es, das Haus seines Nachbarn zu begehren? “Ich würde auch gern solch ein Haus besitzen. Ich würde gerne solch ein Auto haben. Ich würde gerne solch eine Frau haben. Ich würde gerne so viel Geld besitzen. Ich würde gerne solche Kinder haben. Ich will dies, was der Nachbar besitzt”!
Diese Mizwa ist Emuna in der Praxis: Es ist der Glaube, dass ich genau dies besitze, was der Ribbono schel Olam für mich bestimmt hat. Haschem will nicht, dass ich jenes Haus habe. Er will nicht, dass ich jenes Auto besitze. Er will nicht, dass ich jene Frau habe. Er will nicht, dass ich dies und jenes habe. Ich besitze schon, was ich benötige. Ich besitze nicht, was ich nicht benötige.
Dies ist der Grund, warum der “Orchot Chajim des Rosch” schreibt, dass alle Toragesetze in den Asseret Hadibrot enthalten sind. Die Asseret Hadibrot sind nur die “Awot” (wörtlich: Väter – die grundlegenden Kategorien) wie die “Awot Melachot” (bei den Schabbatgesetzen) und “Awot Nesikin” (Kategorien von Schäden, die im Traktat Baba Kama erläutert werden). Die Asseret Hadibrot sind die “Awot” der gesamten Tora. Der ‘Orchot Chajim’ sagt auch, dass wenn die gesamte Tora in den Asseret Hadibrot enthalten ist, dann ist die letzte Mizwa der Asseret Hadibrot “Lo Tachmod – Du sollst nicht begehren” da, um uns zu lehren, dass jemand, der “Lo Tachmod” verletzt, die gesamte Tora verletzt. Die gesamte Tora ist enthalten in vier Worten “Lo tachmod Bejt Re’echa” (Begehre nicht das Haus deines Nachbarn). Dies soll nicht nur ein Lippenbekenntnis sein. Wir müssen ernsthaft glauben, dass alles vom Ribbono schel Olam kommt – einschliesslich unseres materiellen Reichtums und Besitzes, unsere guten Zeiten und unsere weniger guten Zeiten, unsere Gewinne und unsere Verluste. Sie alle kommen von Ihm. Ein Mensch mit einer solch tiefen Emuna wird sich nie aufregen.
Deshalb ist die Lektion des ‘Tas’, dass jedes Haus, in welchem Wein wie Wasser ausgegossen wird (in anderen Worten, wo man die Haltung einnimmt, dass es so ist, wie wenn der ausgegossene Wein nur Wasser wäre, sodass man sich nicht darüber aufregt), ein Ssiman Beracha als Folge seiner wahren Emuna.
(Anmerkung des Herausgebers: Der Tas schliesst mit den Worten: (Um den Brauch einzuhalten) sollte man bei Hawdala nur wenig Wein ausgiessen, um nicht mit Ba’al Taschchit konfrontiert zu werden.)
Quellen und Persönlichkeiten:
Der „Rosch“ (ca. 1250 – 1327), Akronym für Rabbi Ascher ben Jechiel: Jüdischer Rechtsgelehrter, einer der bedeutendsten Rischonim (mittelalterlicher Talmudisten); Worms (Deutschland) und Toledo (Spanien). Eines seiner Werke ist das Buch „Orchot Chajim“, ein Sefer Mussar (Buch über Verhaltensweisen, Moralregeln, Schulung des Charakters), mit ganz kurzen Mussar-Sprüchen, geteilt in sieben Teile, für jeden Wochentag ein Teil.
Rabbi Mosche ben Jisrael Isserles, (1520-1572); bekannt mit dem Akronym Rem’a. Krakau (Polen). Schon als junger Mann galt er als herausragender Gelehrter und wurde Rabbiner von Krakau und auch Mitglied des Krakauer Beth Din. Er gründete eine eigene Jeschiwa und unterstützte seine Studenten aus privaten Mitteln. Als Possek (Dezisor) verfasste er Werke mit halachische Entscheidungen, wie viele weitere Werke. Sein bekanntestes Werk sind seine Anmerkungen zum Jüdischen Gesetzeskodex ‚Schulchan Aruch‘, verfasst von Rabbi Josef Karo (Zefat/Safed 1488-1575), die für die aschkenasischen Juden verbindlich sind.
Rabbi David ben Schmuel haLevi Segal (1586 – 1667). Der Verfasser des Turej Sahaw, bekannt unter dem Akronym „TAS“; nach dem Titel seines bedeutenden halachischen Kommentars zum Jüdischen Gesetzeskodex ‚Schulchan Aruch’. Er wird dauernd in den Posskim (Dezisoren), wegweisend in der Halacha zitiert. Er war eine der grössten rabbinischen Autoritäten seiner Zeit.
Rav Aharon Yehoshua Pesin (zeitgenösischer Gelehrter), Verfasser von Dutzenden von Werken, wie Besot Jawo Aharon zum Chumasch, etc.
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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich
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