Tischri/ Sukkot
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Eine lehrreiche Geschichte zu Sukkot 5787 – Zur Jahrzeit des Gaon von Wilna am 19. Tischri

Eine Mizwa allein um des Himmels willen

Eine lehrreiche Geschichte zu Sukkot 5787 – Zur Jahrzeit des Gaon von Wilna am 19. Tischri

Eine Mizwa allein um des Himmels willen

Eine lehrreiche Geschichte zu Sukkot 5787

Zur Jahrzeit des Gaon von Wilna am 19. Tischri

Er verschied am 19. Tischri 5558 / 9. Oktober 1797

Bearbeitet und ergänzt von S. Weinmann

Eine Mizwa allein um des Himmels willen

Die Vorsteher der Gemeinde von Wilna, einer der bedeutendsten jüdischen Städte in jener Zeit, gingen ratlos hin und her. Soeben waren die meisten Mitglieder der Abordnung zurückgekehrt, die ausgesandt worden war, um einen schönen Etrog zu suchen und ihn dem Gaon von Wilna, dem G”ra, zu überreichen. Den prall gefüllten Geldbeutel hielten sie noch in den Händen — doch einen Etrog hatten sie nicht.
Wie sich herausstellte, waren sie durch die jüdischen Gemeinden in ganz Litauen gereist und hatten sämtliche bekannten Etroghändler aufgesucht. Doch überall hörten sie dieselbe Geschichte: Wegen einer Dürreperiode in den Anbaugebieten war die jährliche Lieferung von Etrogim in diesem Jahr ausgeblieben. So standen auch die Händler ohne einen einzigen Etrog da.

Die Gemeindevorsteher von Wilna sahen sich somit vor eine schwierige Aufgabe gestellt: Was konnten sie unternehmen, damit die Tausenden Mitglieder der blühenden Gemeinde von Wilna nicht ohne einen koscheren Etrog blieben?
Sie berieten lange und angestrengt, konnten aber keinen Ausweg aus dieser bedrückenden Lage finden. Da stürmte der letzte der Abgesandten, den sie auf die Suche nach einem Etrog für die Gemeinde geschickt hatten, schweissgebadet und staubbedeckt ins Gemeindehaus. Er brachte eine gute Nachricht mit.

In einer der Ortschaften nahe Wilna hatte er in einem Gasthaus an der Landstrasse übernachtet. Dort hatte er zu seiner Überraschung entdeckt, dass der jüdische Gastwirt einen schönen und besonders prächtigen Etrog besass — einen solchen hatte er noch nie gesehen.
Es stellte sich heraus, dass der Gastwirt den Etrog auf verschiedenen Umwegen von seinem in Erez Jisrael lebenden Bruder erhalten hatte. Seitdem wartete er sehnsüchtig und zählte die Tage bis Sukkot, um die Mizwa mit einem Lulaw und Etrog aus seinem eigenen Besitz erfüllen zu dürfen.

Der Abgesandte hatte versucht, den Gastwirt zum Verkauf des schönen Etrogs zu bewegen. Dieser hatte sich jedoch abgewandt und wollte von seinen Worten überhaupt nichts hören. Selbst als gewaltige Summen in Rubeln genannt wurden, die den Gastwirt mit einem Schlag wohlhabend gemacht hätten, verschloss er seine Ohren. Er erklärte dem Abgesandten sogar, dass er ihn aus dem Gasthaus auf die Strasse werfen müsse, falls er weiterhin versuche, ihn zum Verkauf des Etrogs zu überreden …
Als letzten Ausweg wagte der Abgesandte, dem Gastwirt zu erklären, dass er den Etrog nicht für sich selbst suche, sondern im Auftrag der Gemeindevorsteher von Wilna für den grossen Tora-Gelehrten Israels, unseren Meister Rabbi Elijahu von Wilna.

Bei diesen Worten hellte sich das Gesicht des Gastwirts schlagartig auf, und ein breites Lächeln erschien auf seinen Lippen. Er trat auf den Abgesandten zu und sagte:
«Ich möchte dir ein gutes Geschäft vorschlagen. Ich schenke dir meinen Etrog — kostenlos, ohne jede Bezahlung. Als Gegenleistung soll jedoch der Lohn für die Mizwa, die der G”ra mit seiner Beracha über den Etrog erfüllt, mir zugerechnet werden. Dies ist meine einzige Bedingung dafür, dass du den Etrog erhältst. Ohne sie hast du keinerlei Aussicht, ihn zu bekommen!»

Der Abgesandte musste also in kürzester Zeit über diese folgenschwere Frage entscheiden. Nachdem er mehrere lange Minuten mit sich gerungen hatte, kam er zu dem Schluss, dass diese Vereinbarung besser sei, als wenn die gesamte Gemeinde von Wilna überhaupt keinen Etrog hätte.
Er nahm den Etrog sogleich aus den Händen des Gastwirts entgegen und unterzeichnete eine schriftliche Verpflichtung, wonach der Lohn für die Mizwa des G”ra dem Gastwirt in der kommenden Welt gutgeschrieben werden sollte …

Die ratlosen Gemeindevorsteher wurden kreidebleich, als sie von der Bedingung hörten, die der Gastwirt für die Überlassung seines Etrogs gestellt hatte. Nach eingehender Beratung beschlossen sie, sich zum Haus des Gaon zu begeben und ihm den gesamten Sachverhalt darzulegen. Er selbst sollte entscheiden, ob er den harten Bedingungen des Gastwirts zustimmen wolle.
Als der G”ra die Worte der Gemeindevorsteher hörte, erstrahlte sein Gesicht in einem erhabenen Glanz. Voller Ergriffenheit erhob er sich und erklärte:

«G-tt sei Dank! In diesem Jahr wird es uns vergönnt sein, die Mizwa des Lulaw allein deshalb zu erfüllen, um dem Willen des Heiligen, gelobt sei Er, nachzukommen — ohne irgendeinen Lohn für diese heilige Mizwa zu erhalten!»
Die Juden von Wilna erzählten, dass der Gaon von Wilna in jenem Jahr an Sukkot die Mizwa der Arba Minim mit grösserer Freude erfüllte als in allen anderen Jahren. Jedes Mal, wenn er die vier Arten in den Händen hielt, sagte er: «Endlich ist es mir gelungen, diese Mizwa allein um G-ttes Willen zu erfüllen, ohne auf einen Lohn zu hoffen!»

(aus dem Buch «Sman Simchatenu», Jerusalem 5758)

Quellen und Persönlichkeiten:

Gaon von Wilna
Rabbi Elijahu ben Schlomo Salman (1720–1797), bekannt als der Gaon von Wilna, der Wilnaer Gaon oder mit dem Akronym G“ra, war einer der bedeutendsten Tora-Gelehrten der Neuzeit. Bereits zu seinen Lebzeiten genoss er höchstes Ansehen. Seine aussergewöhnliche Begabung und sein umfassendes Wissen erstreckten sich auf Tanach, Mischna, Talmud, Halacha und Kabbala. Als prägende Gestalt des litauisch-aschkenasischen Judentums beeinflusste er Generationen von Gelehrten und gilt bis heute als Inbegriff der Tora-Gelehrsamkeit.

Besonders berühmt war seine aussergewöhnliche Ausdauer im Toralernen. Er widmete sich dem Studium bei Tag und bei Nacht und richtete seinen gesamten Lebensablauf darauf aus. Seine Söhne berichten in ihrer Einleitung zu seinem Kommentar zum Schulchan Aruch, dass er sich insgesamt nur etwa zwei Stunden Schlaf innerhalb eines Tages und einer Nacht gönnte, verteilt auf vier kurze Ruhezeiten von jeweils einer halben Stunde. Diese Überlieferung veranschaulicht seine tiefe Hingabe an die Tora und seinen unermüdlichen Lernfleiss.
Er führte ein bescheidenes, zurückgezogenes Leben und vermied unnötige Gespräche, um seine Zeit dem Lernen zu widmen. Auch unterwegs beschäftigte er sich mit Tora. Seinen Schülern empfahl er, mindestens einen Talmudtraktat auswendig zu beherrschen, damit sie selbst auf Reisen ihr Lernen fortsetzen konnten. Dabei verband er ein erstaunliches Gedächtnis mit gründlichem Nachdenken: Er prüfte die Texte sorgfältig und strebte danach, ihren genauen Wortlaut und ihren ursprünglichen Sinn zu erschliessen.

Sein umfangreiches geistiges Erbe umfasst zahlreiche Kommentare und Erläuterungen zu nahezu allen Bereichen des jüdischen Wissens. Viele seiner Schriften wurden erst nach seinem Tod von seinen Söhnen und Schülern herausgegeben. Zu seinen bekanntesten Werken gehören der Bi’ur haG“ra zum Schulchan Aruch und zum Talmud, Schenot Elijahu und Elijahu Rabba zur Mischna, Aderet Elijahu zur Tora sowie sein Kommentar zu Mischlej. Hinzu kommen bedeutende kabbalistische Kommentare zum Sefer Jezira, zum Sifra diZni’uta und zum Sohar. Auch das mathematische Werk Ejl Meschulasch gehört zu seinem vielseitigen Nachlass. Seine Werke werden bis heute intensiv studiert.
 
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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich
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