Das kleine Alef und die Lehren der Demut
Rav Frand zu Paraschat Wajikra 5786
Bearbeitet und ergänzt von S. Weinmann
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Sefer Wajikra beginnt mit dem Vers:
„Wajikra - Und Er rief Mosche zu, und redete zu ihm aus dem Ohel Moed und sprach…“ (Wajikra 1,1).
Das Alef des Wortes Wajikra („Und Er rief“) wird in der Sefer Tora klein geschriebenויקרא - . Nach den Worten von Chasal (unsere Weisen, siehe Ba’al Haturim) geschah dies auf Drängen von Mosche Rabbejnu selbst.
Das Wort Wajikra („Er rief ihm zu“) drückt besondere Zuneigung aus; es zeigt die Liebe des Ribbono schel Olam (Herr der Welt) zu Mosche. Mosche jedoch aus grosser Bescheidenheit über sich selbst, wollte vielmehr ‘Wajikar’ schreiben (das für die Offenbarung G’ttes an Bil’am verwendet wird), was eine zufällige, weniger vertraute Form der Offenbarung andeutet.
Der Allmächtige war damit jedoch nicht einverstanden. In seiner grossen Demut wollte Mosche dennoch die Wirkung dieses Ausdrucks etwas mindern. Deshalb schrieb er – mit Einverständnis von Haschem - dieses ‘Alef Se’ira’, dieses kleine Alef. Dadurch wird die Demut des grossen Propheten sichtbar.
Ich sah eine Frage, die von Rav Schach, seligen Andenkens, gestellt wurde. Eine bekannte Gemara (Traktat Menachot 29b) sagt, dass Rabbi Akiva aus jedem einzelnen „Krönchen“ auf den Buchstaben – genannt ‘Tag’ - der Tora „Berge über Berge von Halachot (Vorschriften)“ ableiten konnte.
Diese Auslegungen Rabbi Akivas über die feinen Zierstriche der Buchstaben sind uns nicht überliefert, doch er leitete aus diesen sogenannten ‘Tagin’zahlreiche Gesetze ab.
[Tag/Tagin: Diese Verzierungen werden mit Tinte von Soferim (Schreibern) über sieben spezifischen Buchstaben (שעטנז גץ) hinzugefügt, meist in Form von drei kleinen Strichen, bei anderen Buchstaben erscheint manchmal nur ein einzelner Strich.]
Wenn Rabbi Akiva bereits aus diesen kleinen Krönchen Halachot ableiten konnte, dann konnte er selbstverständlich erst recht aus den Buchstaben selbst vieles ableiten. Dass Mosche das Alef verkleinerte, scheint jedoch Rabbi Akiva all die Halachot genommen zu haben, die er aus einem voll grossen Alef hätte ableiten können.
Wie konnte Mosche die Berechtigung haben, die Grösse dieses Buchstabens zu verändern und uns dadurch der möglichen Halachot zu berauben, die Rabbi Akiva daraus hätte lernen können?
Rav Schach antwortete, dass die Lehre der Demut selbst eine so grosse Lehre ist, dass es sich lohnt, dafür auf andere mögliche Lehren zu verzichten, die aus dem normalen Buchstaben hätten abgeleitet werden können.
Es ist für uns entscheidend zu wissen, dass der grösste aller Propheten zugleich der demütigste aller Menschen war.
Die Demut Mosche Rabbejnus zeigt sich nicht nur hier. Sie zieht sich durch die gesamte Tora.
Der Midrasch Tanchuma [Wajikra 3] lehrt: Sieben Tage lang versuchte Haschem, Mosche beim brennenden Dornbusch davon zu überzeugen, seine Mission anzunehmen. Mosche Rabbejnu wollte diese Aufgabe nicht übernehmen. Erst nach sieben Tagen des Hin- und Herredens nahm Mosche schliesslich die Aufgabe widerwillig an.
Hier spricht Mosche mit G’tt selbst – und dennoch fühlt er sich der Aufgabe nicht würdig. Er bittet: „Ach, Herr, sende es doch durch dessen Hand, den Du senden wirst (der dafür würdig ist).“ [Schemot 4,13]
Nachdem Mosche schlussendlich die Aufgabe angenommen hatte, ging er zu Pharao und sagte:
„So spricht Haschem… lass mein Volk ziehen, damit es Mir diene [Schemot 5:1-2].“ Pharao antwortete: „Wer ist Haschem, dass ich auf seine Stimme hören soll…?“ [ibid.]
Der Midrasch fährt fort: Als Mosche Rabbejnu dies hörte, dachte er, seine Aufgabe sei bereits erfüllt. Er war bereit, sich zurückzuziehen und gewissermassen am Rand zu sitzen. Als Haschem Mosche sitzen sah, sagte er ihm: „Steh auf und geh noch einmal zum Pharao und sprich mit ihm…“
Auch hier musste Haschem Mosche Rabbeinu erneut überzeugen, die Rolle des Erlösers des Volkes zu übernehmen.
Kurz gesagt: Mosche Rabbejnu wich immer wieder zurück, lehnte immer wieder ab. Er fühlte sich der Aufgabe nicht würdig.
Es fällt mir jedes Mal auf, wenn amerikanische Politiker ihre Kandidatur für das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten erklären, sagen sie alle: „Ich bin die geeignetste Person für dieses Amt. Dieses Amt ist für mich bestimmt und ich bin für dieses Amt bestimmt.“
Das wirkt geradezu absurd. Es ist das genaue Gegenteil dessen, was wir bei Mosche finden, der sagt: „Ich will diese Aufgabe nicht. Ich bin nicht gut genug dafür. Ich werde darin keinen Erfolg haben.“
Dies nur nebenbei – man kann nicht genug „LeHawdil (zum Unterschied)“ sagen - um diese beiden Persönlichkeitstypen voneinander zu trennen.
Mosche Rabbejnu war das klassische Beispiel für die bekannte Regel von Chasal:
„Wer der Ehre nachjagt – vor dem flieht die Ehre;
wer vor der Ehre flieht – den verfolgt die Ehre.“
(Traktat Ejruwin 13b)
In der Jeschiwa in Radin, der Jeschiwa des Chafez Chajim, gab es einmal einen Lehrer, der ein grosser Talmid Chacham (Tora-Gelehrter) war. Doch offenbar liebte er Kawod (Ehre) und liess deutlich erkennen, dass er ein bedeutender Gelehrter sei und dass er entsprechend geehrt werden wolle.
Die Jeschiwa-Bachurim merkten dies sehr schnell. Und weil sie dies bemerkten, gaben sie ihm gerade nicht die Ehre, die er suchte. Je mehr er sie verlangte und einforderte, desto weniger Respekt brachten sie ihm entgegen.
Schliesslich ging dieser Mann zum Chafez Chajim und stellte ihm folgende Frage:
„Ich bin ein Talmid Chacham und verdiene Kawod – aber niemand gibt mir den gebührenden Respekt. Was ist hier los? Ich weiss viel mehr als diese Leute, doch sie behandeln mich nicht entsprechend. Sie erweisen mir nicht die Ehrerbietung, die einem Tora-Gelehrten gebührt!“
Der Chafez Chajim antwortete ihm: Chasal sagen: „Kol… - Jeder, der der Ehre nachjagt, vor dem flieht die Ehre.“
Wir wissen, dass das Wort „Kol“ („jeder“) in der Tora oder bei Chasal immer etwas einschliesst (le-rabot). Das bedeutet: Selbst jemand, der tatsächlich würdig ist, geehrt zu werden – wenn er der Ehre nachjagt, wird sie vor ihm fliehen.
Der Chafez Chajim fügte hinzu, dass auch der zweite Teil dieses Auspruches eine solche Erweiterung enthält: „Kol – jeder, der vor der Ehre flieht – den verfolgt die Ehre.“ Dies schliesst sogar jemanden ein, der eigentlich keine Ehre verdient. Wenn er sich demütig verhält und der Ehre ausweicht, wird die Ehre ihn dennoch verfolgen.
Der Chafez Chajim – in seiner bekannten Demut – fügte hinzu:
„Ich selbst habe die Erfüllung den zweiten Teil dieses Ausspruches gesehen – und zwar bei mir selbst. Ich bin der Ehre, die mir Menschen erweisen, nicht würdig, doch sie geben sie mir trotzdem, weil ich versuche, ihr zu entgehen.“
Der Sefat Emet stellt eine interessante Frage:
Wenn ein Mensch aufrichtig vor der Ehre flieht – es gibt tatsächlich Menschen, denen Kawod zuwider ist – warum „bestraft“ ihn der Allmächtige dann, indem Er ihm gerade diese Ehre zukommen lässt?
Dieser Mensch handelt doch lobenswert. Er flieht ehrlich vor der Ehre, weil er sie nicht will – und am Ende bekommt er sie dennoch.
Für uns ist das schwer nachzuvollziehen, weil wir alle irgendwo Kawod erhalten möchten. Doch zumindest theoretisch stellt sich die Frage: Warum sollte seine gute Tat – das Fliehen vor der Ehre – ihm etwas bringen, das er eigentlich verabscheut?
Der Sefat Emet gibt darauf eine tiefgründige Antwort:
In der Natur kehrt alles zu seiner Quelle zurück. Wer ist die Quelle aller Ehre? Der Ribbono schel Olam.
Deshalb fliesst die Ehre letztlich zurück zum ‘Melech haKawod’ – zum König der Ehre. Und wer ist der König der Ehre? Der Ribbono schel Olam.
Ein Mensch, der die hohe Stufe erreicht, vor der Ehre zu fliehen, gelangt dorthin, weil er ehrlich erkennt, dass alles, was er in dieser Welt erreicht, nur deshalb möglich ist, weil der Ribono schel Olam es ihm ermöglicht hat.
Natürlich wusste Rabbi Mosche Feinstein, wer er war. Er sagte einmal zu jemandem:
„Ich habe Jore Dea 150-mal gelernt.“
[Anmerkung des Herausgebers: Bekanntlich standen nach dem Schacharit-Gebet, als Rav Feinstein nach Hause ging, einige dutzende Leute auf dem Trottoir, um ihn unzählige ‘Schajles’ (halachische Fragen) in allen Gebieten des Schulchen Aruch, zu fragen. Er antwortete jedem sehr kurz: ‘Mutar’ (erlaubt), ‘Assur’ (verboten), ‘Patur’(befreit von einer Pflicht), ‘Chajaw’ (verpflichtet)’, etc.
Ein Fremder, der gerade dies zum ersten Mal sah, empörte sich, und sagte laut: ‘So passkent (entscheidet) man Schajles - in solcher Eile?!’
Rav Feinstein der erkannte, dass dieser Fremde es ehrlich meinte, antwortete:
‘Wenn du den Schulchan Aruch vierhundert Mal lernen würdest, könntest du auch so schnell passkenen’]
Und dennoch – warum war er ein so demütiger Mensch?
Weil er sich sagte:
„Das bin nicht ich. Das ist der Ribbono schel Olam.
Er hat mir diesen Verstand gegeben.
Er hat mir dieses Gedächtnis gegeben.
Er hat mir Geduld gegeben.
Er hat mir die Gelegenheit gegeben.
Die Ehre gehört nicht mir – sie gehört Ihm.“
Ein Mensch, der vor der Ehre flieht, schreibt seine Erfolge dem Allmächtigen zu. Dadurch verbindet er sich mit Ihm.
Wenn die Ehre naturgemäss zu ihrer ursprünglichen Quelle zurückfliesst, dann wird sie – nach den Gesetzen dieser geistigen Ordnung – auch zu dem Menschen zurückkehren, der vor ihr flieht und sich mit dem Ribbono schel Olam verbunden hat.
Letztlich kehrt alle Ehre zu ihrer Quelle zurück – zum Herrn des Universums.
Midrasch Tanchuma: Sammlung von Erklärungen und Aggadot zum Chumasch. Wird nach dem Amora (Talmudgelehrten) Rabbi Tanchuma Bar Abba benannt, da er am häufigsten in diesem Midrasch zitiert wird. Er war ein jüdischer Amora der 5. Generation, einer der bedeutendsten Aggadisten seiner Zeit.
Chafez Chajim: (1838-1933): Rabbi Jisrael Me’ir HaKohen (Kagan in Russisch) von Radin. Autor grundlegender Werke zu jüdischem Recht und jüdischen Werten (Halachah, Haschkafah und Mussar), wie die Werke ‚Mischna Berura‘, ‚Chafez Chajim‘, ‚Schmirat Halaschon‘, Machaneh Israel ‘Ahawat Chessed’ etc. Einer der prominentesten Führer des orthodoxen Judentums vor dem 2. Weltkrieg.
Er war ein Pionier mit seinen Werken. Im Jahr 1873, im Alter von fünfunddreissig Jahren veröffentlichte er anonym sein erstes Werk, ‘Chafez Chajim’, in dem er klare religiöse Vorschriften gegen üble Nachrede, Verleumdung und Klatsch (hebr. Laschon Hara) formuliert. Der Titel kann mit ‘der das Leben will’ übersetzt werden und stammt aus Tehilim/Psalm 34,13–14: „Wer ist der Mann, der Leben begehrt (haChafez Chajim), der sich Tage wünscht, an denen er Gutes schaut? Behüte deine Zunge vor Bösem und deine Lippen, dass sie nicht betrügen“. Der Chafez Chajim legte grossen Wert auf die Einhaltung dieser Gesetze und verfasste auch ein Morgengebet dazu. In einem zweiten Buch, ‘Schmirat haLaschon’, veröffentlichte er 1876 eine Fortsetzung mit ethisch-moralischen Erklärungen der Wichtigkeit dieser Gesetze.
Sein bekanntestes, heute weit verbreitetes und im aschkenasischen Judentum als massgeblich anerkanntes Werk ist sein sechsbändiger Kommentar zum Schulchan Aruch, Teil ‘Orach Chajim’: ‘Mischna Berura’ (deutsch ‘Klare Lehre’ 1884–1907), an dem er, unterstützt von seinem Sohn und seinen Schwiegersöhnen, rund fünfundzwanzig Jahre gearbeitet hat. Der Mischna Berura kommentiert den Teil Orach Chajim des Schulchan Aruch Satz für Satz. (Der Schulchan Aruch wurde von Rabbi Josef Karo (Zefat/Safed 1488-1575), verfasst, mit den Anmerkungen von Rabbi Mosche Isserles, (Krakau 1520-1572); bekannt mit dem Akronym ‘Rem’a’).
Sefat Emet: Rabbi Jehuda Leib Alter (1847 – 1905); der zweite Gerrer Rebbe; Polen. Verfasser der bekannten Werke Sefat Emet zum Talmud und Erklärungen zum Chumasch.
Rabbi Mosche Feinstein (1895 - 1986): Usda (Weissrussland), Ljuban (Russland), New York (USA). Er war ein weltberühmter Rabbiner, eine führende halachische Kapazität, und zu seinen Lebzeiten de facto die höchste rabbinische Autorität (Gadol Hador) der Orthodoxie Nordamerikas. Er war auch der Rosch Jeschiwa der Mesivta Tiferet Jeruschalajim, New York.
An seiner Beerdigung nahmen etwa 300’000 Menschen teil. Rabbi Feinstein genoss ein derart hohes Ansehen, dass der bekannte Rabbi Schlomo Salman Auerbach es ablehnte, zu seinen Ehren zu sprechen. Er sagte: „Wer bin ich, dass ich zu seinen Ehren sprechen könnte? Ich studiere seine Bücher, ich bin sein Schüler.“
Er verfasste unzählige weltberühmte Werke, wie Igrot Mosche (8 Bände halachischer Responsen), Dibrot Mosche, Erklärungen zum Talmud (11 Bände) und Darasch Mosche zum Chumasch, etc.
Rabbi El’asar Menachem Man Schach (1898-2001).Geb. in Wabolnick (Litauen). Er lernte in den Jeschiwot von Vilijampolė (Kaunas), Sluzk, Mir und Kletzk (alles Litauen). 1934 wurde er Rosch Jeschiwa in Navaradok und 1935 an der Karliner Jeschiwa in Luninez (beides Polen, heute Weissrussland). Im Jahre 1940 wanderte Rav Schach und seine Familie nach Erez Jisrael aus. Er wurde Rosch Jeschiwa in Tel-Aviv, Jerusalem und Petach Tikva und schlussendlich fast 50 Jahre an der Poniwescher Jeschiwa in Benej Berak. Er war auch ein Leiter des orthodoxen Judentums in Erez Jisroel. Er verfasste ein umfassendes Werk zum Rambam, namens Awi Esri.
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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich
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