Raw Frand zu Parschat Ki Tawo 5766 (Beitrag 1)

Der Kohen, welcher in jenen Tagen da sein wird

Parschat Ki Tavo spricht von der Mizva, bei der Darbringung der Erstlingsfrüchte (Bikurim) seine Dankbarkeit zu verkünden. Im Passuk steht: „Du sollst zum Kohen (Priester) kommen, der in jenen Tagen da sein wird und du sollst ihm sagen: „Ich tue Haschem, deinem G’tte heute kund, dass ich in das Land gekommen bin, von dem Haschem unseren Vorvätern geschworen hat, er würde es uns geben.“ [Devarim 26:3]

Raschi macht zu diesem Passuk eine Bemerkung, die er auch an anderer Stelle auf ähnliche Weise erklärt. Raschi fällt der Ausdruck „der Kohen, der in deinen Tagen da sein wird“ auf. (Es ist ja klar, dass sich niemand zu einem Kohen begeben wird, der in seiner Zeit nicht mehr lebt!) Raschi erklärt: Du hast nur den Kohen, , der in deinen Tagen da ist.“

Auch zu einem früheren Passuk (in Parschat Schoftim) macht Raschi eine ähnliche Bemerkung. Zu „du sollst zum Richter kommen, der in jenen Tagen leben wird ...“ [Devarim 17:9] erklärt er: Sogar wenn er sich nicht mit den anderen Richtern messen kann, die vor ihm lebten, musst du auf ihn hören. Du hast nur den Richter, der in diesen Tagen da ist.“ Dies ist auch die Bedeutung von: „Jiftach war für seine Generation das, was Schmuel (Samuel) für seine Generation bedeutete“.

Beim früheren Passuk in Parschat Schoftim machen Raschi’s Worte mehr Sinn. Wer einen Richter braucht, muss sich einen Talmid Chacham, einen Gelehrten, suchen. Es ist einleuchtend, dass man die grösste geistige Kapazität und die Person, welche über das grösste Wissen verfügt, aufsucht, um eine Auseinandersetzung (Din Torah) korrekt zu entscheiden. Wir verstehen, dass ein Mensch versucht ist, zu sagen: “Die heutigen Menschen sind nicht mehr aus dem Holz der Menschen, die einst lebten, geschnitzt, sogar nicht im Vergleich zur letzten Generation.“

Eine der allgegenwärtigen Feststellungen, die an jedem Sijum HaSchass, welcher alle sieben Jahre stattfindet, ist: „Schaut, wer nicht mehr unter uns weilt! Erinnert ihr euch noch, wer uns am letzten Sijum HaSchass mit seiner Anwesenheit beehrte!“ Das ist die Bedeutung von „Jeridat haDorot“ (Niedergang der Generationen). Deshalb leuchtet uns Raschi’s Bemerkung, wenn es um die Richter geht, ein: „Wir können nur an den Richtern orientieren, die in unserer Generation vor uns stehen.“

Ein Kohen hingegen ist ein Kohen! Wen kümmert seine Gelehrtheit? Unser Bedarf ist gedeckt, wenn er die richtige Herkunft nachweisen kann! Wir verlangen von ihm nicht, dass er halachische Entscheide trifft („Paskenen von Schajlot“). Das Einzige, was er zu tun braucht, ist unsere Bikurim-Früchte entgegenzunehmen. Was will uns Raschi sagen?

Im Sefer Schemen HaTov von Rabbi Dov Weinberger sah ich eine interessante Erklärung: Wir werden oft angegangen, Wohltaten auszuführen oder Almosen zu geben. Die meisten von uns ziehen es vor, unsere Spenden netten, sauberen, makellosen Personen zu geben. Wenn man uns andererseits bittet, für verlotterte, ungepflegt aussehende Menschen zu geben, empfinden wir nicht das gleiche Gefühl von Befriedigung. Dies gilt besonders für die Mizva Hachnasat Orchim (Gastfreundlichkeit). Man kann einen wirklich angenehmen Gast bewirten oder man kann einen Gast haben, bei dem man das Gefühl hat, dass man wirklich Chessed (Wohltätigkeit) macht, wenn man ihn an seinen Tisch lässt.

Der Passuk lehrt folgendes: Die Kohanim zu unseren Zeiten und an unseren Plätzen mögen nicht an die Kohanim früherer Zeiten herankommen – sie sind vielleicht nicht so geschmacksvoll gekleidet, sie verhalten sich nicht so vornehm, wie ihr Amt gebietet: Das macht keinen Unterschied! Wenn es um Zedaka (Spenden) und Chessed geht, gilt die Maxime: Je weniger ansprechend der Empfänger ist, desto grösser ist die Mizva. Je weniger angenehm die Ausführung einer Mizva ist, desto besser ist es für denjenigen, der die Mizva ausführt (- natürlich immer unter der Annahme, dass der Empfänger wirklich ein Anrecht auf die Zuwendung und Wohltätigkeit hat).

Rav Pam erwähnte einmal, dass sein Vater ein Rav in Europa gewesen war. Am Freitagabend war es Sitte, dass sich die Bedürftigen hinten in Schul (Synagoge) versammelten. Es war die Aufgabe des Gabbai (Synagogendieners) herumzugehen und für alle Bedürftigen einen Platz für die Mahlzeit zu finden. Wie es oft vorkommt, waren gewisse „Gäste“ mehr gefragt als andere. Einige sahen gut aus. Sie waren angenehm anzuschauen und ehrenswert („bekovedik“). Für den Gabbai war es immer leicht für die präsentabel Aussehenden einen Platz zu finden.

Für Leute, die jedoch wie „Schlepper“ aussahen, war es nicht so leicht einen Platz zu finden. Wer wollte eine solche Person am Tisch haben? Wenn es dem Gabbai nicht gelang, für einen Bedürftigen einen anderen Platz zu finden, hatte Rav Pam Senior die „Ehre“ ihn, den Besucher von Schul, der am schlimmsten daherkam, bei sich zu bewirten.

Einmal entschuldigte sich der Gabbai be Rav Pam’s Vater mit den Worten: „Es tut mir leid, dass ich Ihnen diesen Gast zuweisen muss, aber für ihn fand ich niemand anderes.“ Rav Pam’s Vater antwortete dem Gabbai daraufhin: „Im Gegenteil. Ich suche ja keine Chavruta (Studienpartner). Ich suche einen Menschen, der eine Mahlzeit zu sich nehmen kann. Und dieser Mensch sieht wahrlich aus, als ob er eine Mahlzeit brauchen könnte!“

Das ist es, was der Passuk sagen will: „Du sollst zum Kohen kommen, der in jenen Tagen da sein wird.“ Er mag nicht der grossartigste Kohen sein, der je gelebt hat. Er mag vielleicht ein einfaches Gemüt haben. Er mag vielleicht nicht die Grösse früherer Kohanim erreichen. Aber darum geht es nicht, wenn wir die Priestergaben verteilen: Wir geben die Bikkurim dem Kohen, der sie jetzt braucht; dem Kohen, der vor uns steht, in unserer Generation.


Quellen und Persönlichkeiten:
Raschi (1040 - 1105) [Rabbi Schlomo ben Jizchak]: Troyes (Frankreich) und Worms (Deutschland), "Vater aller Torahkommentare".
Schemen Tov: Rabbi Dov Weinberger. Zeitgenössischer Autor; Rabbiner in Brooklyn, New York.
Rav Avraham Pam (1913 - 2001): Führender Gelehrter; Rosch Jeschiwa; Brooklyn, New York.



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