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Eine kühne Erklärung verstehen: "Ich habe meinen Teil getan; jetzt, Haschem, tue Deinen Teil" - Rav Frand zu Paraschat Ki Tawo 5780

Eine kühne Erklärung verstehen:

"Ich habe meinen Teil getan; jetzt, Haschem, tue Deinen Teil"

 

Paraschat Ki Tawo enthält das "Bekenntnis der Ma’asrot" (Widuj Ma’assrot): Die Torah sagt (Dewarim 26:12): "Wenn du im dritten Jahr, dem Jahr des Ma’assers (Zehnten), den ganzen Zehnten deines Ertrags vollständig entrichtet und ihn dem Lewi, dem Ger (Fremdling / Konvertiten), der Waise und der Witwe gegeben hast und sie ihn in deinen Städten gegessen haben und sich damit gesättigt haben…". Die Torah legt einen dreijährigen "Ma’asser-Zyklus innerhalb des siebenjährigen "Schmitta-Zyklus" fest. In den ersten zwei Jahren des "Maasser-Zyklus" gibt ein Mensch sowohl "den ersten Ma’asser" (Ma’asser Rischon), der an den Lewi geht, und den "zweiten Ma’asser" (Ma’asser Schejni), der abgesondert und vom Besitzer in Jerusalem verzehrt wird. Im dritten Jahr des Dreijahreszyklus wird Ma’asser Schejni durch den "Ma’asser für den Armen" (Ma’asser Ani) ersetzt.

Am Ende des Dreijahreszyklus muss ein Mensch das "Widuj Ma’asser" (Bekenntnis der Ma’assrot), rezitieren und eine kurze Rede halten, in der er bezeugt, dass er alle Mizwot, die mit dem Ma’assern zu tun haben, erfüllt hat, wie es heisst (Dewarim 26:13): "Dann sollst du vor Haschem, Deinem G"tt, sprechen: 'Ich habe, was heilig ist, aus dem Haus geschafft und habe es auch dem Lewi, dem Fremdling, der Waise und der Witwe gegeben, ganz nach dem Gebot, das Du mir erteilt hast; ich habe keines Deiner Gebote übertreten und keines vergessen".

Das  Bekenntnis geht aber noch weiter (Dewarim 26:14): "Ich habe nichts davon (vom Ma’asser Schejni-zweiten Zehnten) gegessen, als ich in Trauer war, und habe nichts davon unrein verwendet und habe nichts davon für einen Toten gegeben (benützt); ich habe auf die Stimme des Ewigen, meines G"ttes, gehört; ich habe alles so getan, wie Du mir es befohlen hast".

Nachdem er sozusagen bezeugt, dass er sich an alle G"ttlichen Vorschriften bezüglich der Verteilung der Zehnten gehalten und ihre Heiligkeit aufrecht erhalten hat, schliesst der jüdische Landwirt sein Bekenntnis mit den Worten (Dewarim 26:15): "Schaue doch von Deiner heiligen Stätte, vom Himmel herab und segne Dein Volk Jisrael und den Boden, den Du uns gegeben hast, wie Du es unseren Vorvätern zugeschworen hast, das Land, in dem Milch und Honig fliesst".

Raschi zur Stelle macht eine überraschende Beobachtung, wenn er diese letzte Erklärung des "Widuj Ma’asser" interpretiert: "Wir haben getan, was Du uns vorgeschrieben hast; jetzt tue auch Du, was Du tun musst, denn Du hast gesprochen (Wajikra 26, 3-4): "Wenn ihr meine Gesetze einhält…, so gebe Ich Regen zur rechten Zeit". Dies ist eine ziemlich kühne Äusserung: "Ich habe meinen Teil getan, jetzt tue Deinen Teil, G"tt!"

Es gibt fast keine andere Mizwa (vielleicht mit einer Ausnahme, die wir besprechen werden), bei der ein Mensch eine solche Äusserung macht. Wir stehen nicht nach der Seder-Nacht auf und sagen: "Herr der Welt, wir haben Mazza und Maror gegessen, wir haben vier Gläser Wein getrunken, wir haben uns zurückgelehnt. Ich habe meinen Teil getan, jetzt tue Deinen Teil!" Wir finden dies nicht bei der Mizwa von Mazza, Schofar oder Tefillin. Wie kann man nur sagen: "Ich habe getan, was ich tun sollte, jetzt bist Du an der Reihe, lieber G"tt?"

Wir finden diesen Gedanken nur hier… und an einer einzigen anderen Stelle. Die durchschnittliche jüdische Person könnte vielleicht nicht erraten, wo diese Stelle sich befindet. Kohanim jedoch sollten mit solch einem Ausdruck vertraut sein. Am Ende von Birkat Kohanim (dem priesterlichen Segen) rezitieren die Kohanim das folgende Gebet (das auf Sotah 39a basiert): "Herr der Welt, wir haben getan, was du uns befohlen hast zu tun, mögest Du jetzt auch tun, was Du uns versprochen hast." Tatsächlich schliessen sie dieses Gebet, indem sie denselben Passuk (Vers) sagen, der am Ende der "Widuj Ma’asser"- Rezitation gesagt wird: "Schaue doch von Deiner heiligen Stätte, vom Himmel herab und segne Dein Volk Jisrael und den Boden, den Du uns gegeben hast, wie Du es unseren Vorvätern zugeschworen hast, das Land, in dem Milch und Honig fliesst".

Dies sind die einzigen zwei Male im Bereich des jüdischen Brauchs, wo wir einem solchen Phänomen begegnen. Dies ist sonderbar. Was bedeutet dies?

Der "Chatam Sofer" in Deraschot haChatam Sofer stellt eine andere Frage bezüglich dieses ungewöhnlichen Ausdrucks des Gebets. Der Talmud fragt (Sanhedrin 93b), warum ein Buch des Nachs (der Propheten und Schriften) nicht nach Nechemja benannt wurde. (Im Tanach ist das Buch "Nechemja" im Buch "Esra" integriert und wird so genannt – wie im Traktat Bawa Batra 14b dargelegt wird. Der Talmud antwortet, dass dies eine "Bestrafung" dafür war, dass Nechemja ausrief: "Gedenke zu meinen Gunsten, O mein G"tt, alles, was ich für dieses Volk getan habe!" (Nechemja 5:19). Dieser Ausspruch (mit kleinen Abweichungen) erscheint viermal im "Buch Nechemja", darunter drei zusätzliche Male im letzten Kapitel des Sefers: 13:14, 13:22 und 13:31. Die Verkündung "Gedenke, was ich getan habe, ich habe so viel getan" – wie wenn er sagen wollte, "es kommt mir, ich verdiene eine Belohnung" – sagt die Gemara in Sanhedrin – verursachte, dass Nechemja, so gross er auch war, kein Sefer hat, das nach ihm benannt wurde.

Der Chatam Sofer stellt die Frage – was ist der Unterschied zwischen dem, was Nechemja sagte, und von dem, was am Ende des Widuj Ma’asser und von den Kohanim nach dem priesterlichen Segen gesagt wird? Nechemja war eigentlich zurückhaltender in seiner Erklärung. Alles, worum Nechemja bat, war, dass seiner zum Guten gedacht werden sollte. Die Erklärung im Widuj Ma’asser wirkt wie eine Quid pro quo - Forderung. Was ist denn da der Unterschied?

Ich habe vom Tolner Rebben schlita eine wunderschöne Antwort auf die Frage des Chatam Sofer gehört, die uns dazu verhilft, das gesamte Konzept des "wir haben getan, was du uns befohlen hast", zu verstehen.

Der vorletzte Passuk des Widuj Ma’asser, vor der Bitte "Schaue doch von Deiner heiligen Stätte, vom Himmel herab..." sagt: "…ich habe auf die Stimme des Ewigen, meines G"ttes, gehört; ich habe alles so getan, wie Du mir es befohlen hast". Zu den Worten "Ich habe alles so getan, wie Du es mir befohlen hast" kommentiert Raschi: "Ich habe mich gefreut und habe anderen damit Freude bereitet (Samachti we’simachti bo)". Wesentlich an dieser Erklärung ist die Bezeugung, dass "ich bei der Ausführung der Mizwot des Allmächtigen das Leben des Fremdling, der Waise und der Witwe – der Unterdrückten von Klall Jisrael, der "vergessenen Leute", der Leute, die manchmal niemanden haben, der sich für sie einsetzt -  fröhlich gemacht habe. Ich habe mich um sie gekümmert!"

Es war nicht nur "eine Mahlzeit für ihren Hunger" (siehe Rambam Hilchot Jom Tow 6:18), die sie richtig essen liess. Nein. "Ich freute mich und bereitete damit anderen Freude." Der Landwirt bezeugt vor G"tt: "Ich habe mich um Dein Volk gekümmert und es erfreut."

Raschi erklärt dieses Konzept am Ende von Paraschat Re'eh (Dewarim 16:11). Dort heisst es: "Sei fröhlich vor Haschem, Deinem G"tt, du, dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht und deine Magd, der Lewi in deinen Städten, der Ger (Fremdling), die Waise und Witwe unter euch, an dem Ort, den der Ewige, dein G"tt erwählen wird, um Seinen Namen dort thronen zu lassen". Sagt Raschi: "Der Lewi, der Ger, die Waise und die Witwe sind Meine vier Leute, die deinen vier Leuten entsprechen – deinem Sohn, deiner Tochter, deinem Knecht und deiner Magd. Wenn du Meine Leute glücklich machst, werde ich deine Leute glücklich machen."

Raschi erklärt hiermit, dass der Ewige ein Gelöbnis gemacht hat: "Du kümmerst dich um Meine, dann kümmere ich mich um deine. Du sorgst dich für vier Leute, und ich sorge mich für vier Leute. Wenn du dich um Meine kümmerst, dann werde ich mich um deine kümmern."

Dies ist der Grund, warum das Ma’asser-Bekenntnis anders ist. Wenn der jüdische Landwirt aufstehen und verkünden kann: "Ich habe Freude gehabt und anderen Freude bereitet", hat er eine Garantie vom Herrn der Welt, dass er mit Berachot belohnt werden wird. Der Landwirt fordert den Ewigen nicht kühn und respektlos heraus, er erinnert Ihn nur an Sein Versprechen.

Mazza, Tefillin und andere Mizwot enthalten keine solch vorherige Verpflichtung. Bezüglich der Sorge um glücklose Menschen in der Gemeinschaft – Leuten, die wegen ihren Lebensumständen Schweres mitmachen mussten – sagt Haschem: "Bringe diesen Leuten Freude, und du wirst von Mir belohnt werden!" Dies ist eine G"ttliche Garantie.

Der Tolner Rebbe sagt, dass dies auch Birkat Kohanim erklären kann. Der Bejt Josef bringt im Tur [Kapt. 128:44, Hilchot Birkat Kohanim] Meinungen, dass ein unverheirateter Kohen nicht duchenen (am priestlichen Segen teilnehmen) soll (auch der Rem"a ibid. bringt diese Meinung). Wir akzeptieren diese Meinung nicht als massgebende Praxis. Diese Meinung ist jedoch der Standpunkt des "Mordechai" und des "Schibalej Haleket", der auf dem Gedanken basiert, dass "jemand, der keine Frau hat, keine Freude im Leben hat" (Hascharui belo Ischa, scharui belo Simcha) [Talmud Jewamot 62b]. Um den priesterlichen Segen geben zu können, muss ein Mensch innere Zufriedenheit haben. Der Segen, den die Kohanim aussprechen, ist, dass der Ewige dem jüdischen Volk Segen "ad bli dai" (unbegrenzten Segen) geben soll. Ein Mensch, der nicht verheiratet ist, erklärt der Talmud, lebt ohne Freude. Solch ein Mensch kann die Intensität des Segens, den die Birkat Kohanim übergeben sollte, nicht vermitteln.

Der Kohen muss sich, wenn er hinaufgeht, um den priesterlichen Segen zu erteilen, in eine fröhliche Gemütsverfassung versetzen. Raw Matitjahu Solomon wies einst daraufhin, dass das Gebet, das von den Kohanim gesagt wird, nachdem sie den Birkat Kohanim vorgetragen haben, einen seltsamen Ausdruck enthält: Wir haben getan, was Du über uns verhängt hast (gasarta alejnu)." Von welcher "Verhängung" sprechen wir hier? Es scheint kein solch strenges Gebot zu sein – die Kohanim haben das Privileg vor der Gemeinde hinzustehen zu dürfen, zu singen und ihr wunderschöne Berachot zu übergeben. Was soll dieses Gespräch über ein "Dekret"?

Die Antwort ist: Ja, es ist ein strenges Gebot. "Du, Kohen, kannst vielleicht deprimiert sein. Du, Kohen, hast vielleicht gerade ein Vermögen verloren. Und doch musst du dich in einen Zustand der Freude versetzen und sagen: 'Möge Haschem euch mit Reichtum, Vollkommenheit und G"ttlichem Schutz segnen!' Du musst die Herzen des Volkes mit Freude erfüllen."

Deshalb, sagt der Tolner Rebbe, finden wir bei Birkat Kohanim die Aufforderung, dass die Kohanim sich freuen und anderen Freude bereiten müssen. Deshalb können sie sich auch hier auf dieselbe G"ttliche Garantie berufen, die wir bei dem Ma’asser-Bekenntnis antreffen: "Du kümmerst dich um Meine, und Ich werde mich um deine kümmern!"

Quellen und Persönlichkeiten:

1. Chatam Sofer (1762-1839) [Rabbi Mosche Sofer / Schreiber]; Pressburg/Bratislava, Slowakei. Rosch Jeschiwa und einer der führenden Rabbiner des 19. Jahrhunderts. Er schrieb zahlreiche Werke, wie acht Bände Responsen, 18 Bände Erklärungen zum Talmud, Kommentare zur Tora, Briefe, Gedichte und ein Tagebuch. Die meisten Werke tragen den Namen „Chatam Sofer“.

2. Raw Matitjahu Salomon, bekannter Redner und Maschgiach (Leiter und geistiger Ratgeber) der Jeschiwa Lakewood, N.J., USA.

3. Rabbi Jizchak Menachem Weinberg, der Tolner Rebbe (zeitgenösischer Rebbe und Redner), leitet die Tolner Gemeinde in Jerusalem und ist ein gefragter Dozent.

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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich

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