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/Paraschat Ki Tawo

Raw Ciner zu Paraschat Wa'etchanan – Nachamu 5779 - Beitrag 1

Das "einfache Gebot"

Mosche Rabejnu wiederholt diese Woche die zehn Gebote, die in Paraschat Jitro bereits gesagt wurden, jedoch mit kleinen Änderungen.

"Ehre Vater und Mutter, so wie es der Herr, dein G'tt, dir befohlen hat, auf dass du lange lebest." [Dewarim 5:16]

Wieso sollen wir unsere Väter und Mütter ehren? Bereits in Paraschat Jitro [Schemot 20:12] gibt uns die Torah den Grund an: "Auf dass du lange lebest." Hier, in Paraschat Wa'etchanan fügt die Torah noch folgenden Text hinzu: "So wie es der Herr, dein G'tt, dir befohlen hat." Was ist der Grund für diese zusätzliche Formulierung?

Der Meschech Chochma verweist auf den Talmud Jeruschalmi [Traktat Kiduschin 1,7], der das Ehren von Vater und Mutter als ein "leichtes Gebot" bezeichnet. Jedermann versteht, dass Schulden zurückbezahlt werden müssen. Wenn dir jemand in der Not $ 100'000.- leiht, bist du mehr als glücklich, wenn du genug hast und es zurückzahlen kannst. Das ist keine schwierige Sache.

Es ist deshalb für jedermann klar, dass man eine moralische Pflicht hat, seine Dankesschuld den Eltern zurückzuzahlen. Schliesslich kostet das Aufziehen eines Kindes mindestens zwischen $ 100'000.- und $ 200'000.-; nicht zu reden von der Zeit, Kraft und Mühe, die Eltern in ihre Kinder stecken. Deshalb ist das Ehren von Vater und Mutter das Mindeste, was man tun kann. So eine grosse Schuld mit so wenig zu vergelten ist keine schwere Sache.

Die Torah sagt nun hier, dass dies nicht das richtige Motiv für das Ehren von Vater und Mutter ist. Es ist nicht die Verpflichtung, unseren Eltern ein wenig davon zurückzugeben, was sie für uns getan haben. Die Pflicht besteht vor Allem darum, weil "der Herr, dein G'tt dir befohlen hat" dies zu tun, auch wenn die Eltern dich nicht grossgezogen haben.

Die Torah hat bis zu Paraschat Wa'etchanan mit dieser Aussage zugewartet, weil sie erst nach vierzig Jahren Wüstenwanderung richtig verständlich wird. Während diesen Jahren war das Erziehen von Kindern einfacher als je zuvor und auch wieder später. Man brauchte nicht zu arbeiten um sie zu ernähren. Es gab Man (Manna) vom Himmel. Man musste ihnen nichts zu trinken geben. Wasser gab es zur Genüge von Mirjams Quelle. Sie brauchten nicht dauernd neue Schuhe und neue Kleider. Nichts wurde je abgenützt und die Kleider wuchsen mit ihnen mit. Auch mussten die Kleider nie gewaschen werden, die Wolken reinigten und bügelten ihre Kleider. Höchstwahrscheinlich brauchten sie auch keine Zahnspangen, denn das Leben in der Wüste war paradiesisch. Und trotzdem verlangt nun die Torah, die Eltern zu ehren.

Offensichtlich ist die Verpflichtung die Eltern zu ehren, ein g-ttliches Gebot und nicht nur eine Schuld die zurückgezahlt werden muss. Jetzt, nach der 40-jährigen Wüstenwanderung erkannte das jüdische Volk, dass das Gebot, Vater und Mutter zu ehren, eine völlig eigenständige Aufgabe ist.

Wie weit führt das? Wie weit geht dieses Gebot zur Ehrung der Eltern? Der Talmud [Kiduschin 31a] beantwortet diese Frage mit der berühmten Geschichte von einem Nichtjuden in Aschkelon namens Dama bar Netina.

Eines Tages benötigten die Weisen einen Edelstein für die Urim WeTumim (Brustschild des Hohepriesters). Sie hatten vernommen, dass Dama genau den Stein besass, den sie brauchten. Eine Delegation besuchte ihn und bot einen königlichen Preis für den Stein. Der Stein jedoch lag in einem Tresor und der Schlüssel zu demselben befand sich unter dem Kissen seines Vaters, der schlief

"Ich kann euch nicht dienlich sein," sagte er den Weisen. "Mein Vater schläft und ich will seinen Schlaf nicht stören."  

Die Weisen gingen fort.

Ein Jahr später wurde in Damas Stall eine rote Kuh, mit allen Voraussetzungen für die Parah Adumah (die man zur Reinigung der (geistig) Unreinen benötigte), geboren. Die Weisen kamen, um sie zu erwerben.

"Wieviel willst du für sie?"

 "Ich weiss, dass ihr mir jeden Preis, den ich von euch verlange, zahlen werdet", antwortete er. "Ich will aber nur den Betrag, den ich verloren habe, als ich vergangenes Jahr meinen Vater nicht weckte."

Diese Geschichte zeigt, wie weit man für das Gebot, die Eltern zu ehren, zu gehen hat. Der Talmud zeigt mit dieser Geschichte die gewaltige Leistung, die ein Mensch erbringen kann.

Wenn Eltern älter werden, beginnen sie zu nörgeln und werden anspruchsvoll. Sie können die Geduld der Kinder auf die Probe stellen. Unter diesen Umständen verlangt das Ehren von Vater und Mutter viel Geduld und Selbstbeherrschung. Gibt es eine Grenze für diese Geduld? Wieviel Geduld kann von einem Menschen erwartet werden? Kann der Punkt erreicht werden, wo einem Menschen der Geduldsfaden reissen darf und er von diesem Gebot befreit ist?

Das ist, was uns die Geschichte von Dama bar Netina lehrt: Die Weisen boten ihm einen grossen Geldbetrag für einen einzelnen Edelstein, den sie für die Urim WeTumim benötigten. Es war ihm bewusst, dass er in einem Augenblick ein reicher Mann werden kann, wenn er nur den Schlüssel behändigen könnte. Welche Gedanken schossen ihm wohl durch den Kopf? Soll ich ein bisschen Lärm machen, damit mein Vater aufwacht? Vielleicht lasse ich meine Hand ganz langsam unter das Kissen gleiten, damit ich den Schlüssel ergreifen kann, ohne dass ich ihn aufwecke? Es musste sehr verlockend für ihn gewesen sein. Aber er gab nicht nach. Er schaffte es, seinen Vater sogar unter diesen Umständen zu ehren. Zu solchen Leistungen ist die menschliche Natur imstande.

Daraus können wir folgern: Wenn Dama bar Netina die Selbstbeherrschung hatte, auf einen solchen Geldbetrag zu verzichten, um den Schlaf seines Vaters nicht zu stören, dann verfügt sicherlich ein Nachkomme von Awraham, Jizchak und Ja'akov über die Stärke, seine Eltern unter wirklich allen Umständen zu ehren.

Quellen und Persönlichkeiten:

  • Reb Meir Simcha HaKohen (1843 ­- 1926): Autor der Werke „Or Sameach“ zur Halacha und „Meschech Chochma“ über die Torah. Brillanter Denker und Rabbiner in Dvinsk, Russland.

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Die Bearbeitung der Gedanken dieser Woche erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich

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