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/Paraschat Re'eh

Raw Frand zu Paraschat Bamidbar 5779

 

Eine mystische Idee könnte uns dabei helfen, das Unverständliche zu verstehen

Zu Beginn des Wochenabschnitts wird Mosche befohlen: "Führe eine Volkszählung unter der ganzen Versammlung der Kinder Israels durch, nach ihren Familien, gemäss des Hauses ihrer Väter, nach Anzahl der Namen, alle Männer gemäss ihrer Anzahl (le'Gulgelotam, wörtlich: nach ihren Köpfen)" [Bamidbar 1:2]. Der Ausdruck "le'Gulgelotam" ist ziemlich merkwürdig. Ich würde gerne einen Harem"a (Rabbi Menachem Asarja) Mi'Pano aus dem Buch "Assarah Ma'amarot" mit Euch teilen. Der Harem"a Mi'Pano schreibt, das Mosche Rabbejnu jeden einzelnen Juden angeschaut und mit seiner "Ruach Ha'Kodesch" (prophetischen Vorsehung; wörtlich: heiliger Geist) gesehen hat, wie viele Male jedes Individuum als "Gilgul" (Seelenwanderung) auf diese Welt werde zurückkehren müssen.

Normalerweise mag ich es nicht, in solche Angelegenheiten einzutauchen, weil ich nicht wirklich weiss, wovon ich spreche - und die "Daumenregel" gewöhnlich lautet: "Wir sollen uns nicht mit verborgenen Dingen befassen." („ejn lanu Ejssek be'Nistarot“). Doch dieser faszinierende Kommentar des Harem"a Mi'Pano ist eine sehr wichtige Idee, über die es sich lohnt, Bescheid zu wissen.

Gemäss dieses mystischen Ideals der "Gilgul Neschamot" (Seelenwanderung), haben die meisten Menschen auf der Welt Seelen, die diese Welt nicht zum ersten Mal besuchen. Ihre Seelen sind hier schon vorher in anderen Körpern und vergangenen Zeiten gewesen. Nachdem sie von ihren früheren Besuchen in dieser Welt fortgegangen sind, gingen ihre Seelen zur "Welt der Seelen" und der Allmächtige entschied aus irgendeinem Grund, dass sie zum zweiten, dritten oder vierten Mal zurückkehren mussten. Warum müssen Seelen zurückkehren? - Weil jeder von uns eine Mission ("Tachlit") hat, die wir in dieser Welt erfüllen müssen. Wenn wir auf diese Welt herunterkommen und unseren Zweck nicht erfüllen - oder unserer Seele Schaden zufügen, dann wird der Herr der Welt – in seiner unendlichen Barmherzigkeit –  die Seele in einen anderen Körper zurückschicken, sodass wir beim nächsten Mal nochmals die Gelegenheit erhalten, die Angelegenheit zu begradigen - oder beim übernächsten Mal - bis wir es "zurechtgerückt" haben. Diese Idee wird mit dem Gebrauch des Wortes "le'Gulgelotam" angedeutet - von der Wurzel   "gilgul".    Mosche    blickte    auf    jedes Individuum und sah auf prophetische Weise, wie viele "Gilgulim" (Seelenwanderungen) die jeweilige Seele werde überdauern müssen, bevor sie schliesslich ihre Mission in dieser Welt erfüllt haben würde.

Warum empfinde ich es als wichtig, diese mystische Idee hinsichtlich der Seele und den Geheimnissen von "Gilgul Neschamot" anzusprechen? Die Antwort lautet, dass dieses Konzept zuweilen dabei helfen kann, das Unbegreifliche zu verstehen. Leider gibt es viele Anlässe im Leben, wo wir nicht verstehen, "wie so eine Sache passieren kann". Wir verstehen nicht, warum so eine Tragödie dieser oder jener Person widerfahren sollte. Wir verstehen nicht, warum Menschen in jungem Alter oder als Kinder sterben sollten,  G-tt behüte. Warum geschieht das? Es scheint keinen "Reim" darauf bzw. keinen Grund dafür zu geben. 

Manchmal sind solche Ereignisse leichter zu verstehen, wenn uns dieses Konzept von "Gilgul" bewusst ist. Was vor unseren Augen passiert, ist nur ein Teil von etwas viel Grösserem. Der Harem"a von Pano zitiert ein Beispiel. Der Talmud erzählt in einer Passage [Gittin 58a], die viele von uns am Tisch‘a Be'Aw lernen, folgendes: Es gab einen Vorfall mit dem Sohn und der Tochter des Hohepriesters Raw Jischmael ben Elischa, die in Gefangenschaft genommen worden waren - etwa zur Zeit der Zerstörung des Zweiten Tempels - und an zwei verschiedene Sklavenhalter verkauft wurden. Die beiden nicht-jüdischen Sklavenhalter trafen sich und schwärmten von der Schönheit ihrer jeweiligen Sklaven. Sie entschieden, die beiden Sklaven miteinander zu vermählen, sie wunderschöne Nachkommen schaffen zu lassen - und die beiden Sklavenhalter würden die Profite durch den Verkauf der schönen Sklavenkinder untereinander aufteilen. Sie brachten die beiden jungen Juden, Bruder und Schwester, über Nacht in einem gemeinsamen Zimmer unter, das stockdunkel war - und gaben ihnen die Anweisung, was sie miteinander zu tun hatten.

Keiner von beiden wusste die Identität des anderen. Der Talmud berichtet, dass sich beide an jeweils gegenüberliegenden Ecken des Zimmers hinlegten und weinten. Der Sohn dachte sich: "Ich bin ein Kohen, der Sohn von Hohepriestern Israels. Wie kann ich eine Beziehung mit einem Sklavenmädchen haben?" Gleichermassen sagte seine Schwester zu sich selbst: "Ich bin die Tochter eines Priesters, Nachfahrin der Hohepriester Israels. Sollte ich etwa mit einem Sklaven verheiratet werden?" Beide weinten die ganze Nacht. Als die Sonne aufging, erkannten sie einander. Sie umarmten sich und weinten über das, was ihnen widerfahren war. Sie weinten so lange bis sie ihre Seele aushauchten. Der Talmud schliesst die Erzählung mit der Bemerkung ab, dass der Prophet Jirmijahu sich auf eben diese Geschichte bezog, als er sagte: "Diese beweine ich, mein Auge, mein Auge vergiesst Tränen…" [Ejcha 1:16]

Wie konnte so eine Geschichte den Kindern von Rabbi Jischmael widerfahren? Wie war es zustande

gekommen, dass sie als Sklaven verkauft und in so eine Situation gebracht wurden? Der Harem"a Mi'Pano sagt etwas Unfassbares: Sie waren "Gilgulim" von Amnon und Tamar. König David hatte zwei Kinder, die keine  halachischen  (dem jüdischen Religionsgesetz entsprechenden) Geschwister waren. Amnon begehrte Tamar. Er richtete eine Situation ein, an der er mit Tamar allein sein würde und nahm sie mit Gewalt [Schmuel II, Kapitel 13]. Der Harem"a Mi'Pano sagt, dass als Folge dieser Sünde, die beiden zurückkehren und in eine ähnliche Situation gebracht werden mussten, wo sie der Versuchung widerstehen und den Namen G-ttes heiligen würden, statt der Entweihung des g-ttlichen Namens – die im Buch Schmuel erwähnt wird – an der sie teilhatten. 

Wir lesen über die Situation, die im Traktat Gittin beschrieben wird und fragen uns, wie so etwas den Kindern von Rabbi Jischmael passieren konnte. Die Antwort, wie der         Harem"a Mi'Pano sagt, liegt im "Sod Ha'Gilgul" - im Geheimnis der Seelenwanderung. Wir sehen nur das halbe Bild. Mit dem Verständnis, dass wir manchmal auf diese Welt zurückkehren, um etwas zu verbessern, was in einem früheren "Zyklus" schiefgelaufen ist, machen die Dinge etwas mehr Sinn.

Der Chafez Chajim erzählte einmal eine Parabel, um den Ausdruck "zodku jachdaw" im Vers "Die Gesetze G-ttes sind wahr, allesamt (zusammen sind sie) gerecht" (zodku jachdaw) zu erklären [Psalm/Tehillim 19:10]: Es war einmal eine Person, die auf diese Welt herunterkam und unfassbar reich war. Wie es oftmals der Fall ist, können wohlhabende Menschen furchtbar arrogant gegenüber anderen Menschen werden, die nicht ihre finanziellen Mittel besitzen. Diese Person war tatsächlich arrogant und ausfällig zu Menschen von niedriger "Statur". Er beleidigte viele arme Menschen auf dieser Welt. Er kam zum Himmel herauf und wurde dafür bestraft, dass er diese armen Menschen niemals um Vergebung gebeten hatte. Es wurde daher beschlossen, dass er auf diese Welt zurückkehren musste, um "Besserungen" vorzunehmen. Die Seele flehte zum Allmächtigen: "Bitte, Haschem, schicke mich beim nächsten Mal als armer Mann herunter - als Almosenempfänger." „Midat haDin“ (die "Gerechtigkeit") antwortete: "Nein, das wäre keine echte Prüfung. Schicke ihn abermals als reichen Mann herunter!" Doch wieder flehte die Seele den Allmächtigen an, beim zweiten Mal als mittelloser und gebrochener Mann herunterzukommen. Der Allmächtige, in Seiner Gnade, erfüllte der Seele ihren Wunsch und sie kam als Bettler herunter - einem muffigen „Nebbich“. Er lebte eine bemitleidenswerte Existenz, doch er korrigierte die Sünde seiner Seele und reinigte sie.

Der Chafez Chajim  erklärt, dies sei die Interpretation des Verses, "die Gesetze G-ttes sind wahr, zusammen sind sie gerecht." Wir würden diesen Mann anschauen und fragen: "Warum ist er unfähig, seinen Lebensunterhalt zu verdienen? Warum ist er so am Boden? Was hat er getan, um das zu verdienen?" Wir können es nicht verstehen. Doch letzten Endes ist es "zodku jachdaw". Wenn wir das gesamte Bild in Betracht ziehen - seine frühere Existenz und seine Sünden in jener Situation; die Tatsache, dass er schon einmal hier war und sein Privileg des Wohlstands missbraucht hat…dann wird die Angelegenheit klar und sinnvoll. Es macht nur Sinn, wenn die beiden Dinge zusammengenommen werden.

Deshalb ist es wichtig für uns, diesen Harem"a Mi'Pano zu kennen. Es gibt so viele Dinge im Leben, die unerklärbar erscheinen. Wir können sie unmöglich verstehen. Vielleicht ist die Antwort, dass es sich um einen "Gilgul" handelt. Es ist ein Gilgul, der zu einer bestimmten Zeit, in einer bestimmten Verfassung und für einen bestimmten Zeitraum herunterkommen musste. Dieses Mal könnte die Seele in der Lage sein, das zu tun, was sie ursprünglich hätte tun sollen - und vollkommen zur "Welt der Seelen" zurückzukehren und auf die Auferstehung der Toten zu warten.

Der Ramban (Nachmanides) bezieht sich in seinem Kommentar zum Chumasch häufig auf dieses Geheimnis. Noch einmal: Wir verstehen diese Dinge nicht. Wir sollten es vermeiden, in die Welt des Mystischen einzutauchen, aber wir sollten uns wenigstens des allgemeinen Konzeptes bewusst sein. Gilgul ist der grosse "Entzerrer", der uns vielleicht zumindest einen Einblick in Angelegenheiten gewähren kann, die uns ansonsten unbegreiflich erscheinen.

Quellen und Persönlichkeiten:

  • Ramban: Rabbi Mosche ben Nachman (1194 - 1270); Gerona, Spanien; Erez Israel; einer der Haupterklärer des Chumasch (fünf Bücher Moses).
  • Harem"a MiPano: Rabbi Menachem Asarja von Pano, Italien, 1548 – 1625, einer der größten italienischen Kabbalisten. Verfasser von Werken wie Kanfej Jonah und Assarah Ma'amarot.
  • Chafez Chajim (1838-1933): Rav Jisrael Me’ir HaKohen von Radin. Autor grundlegender Werke zu jüdischem Recht und jüdischen Werten (Halachah, Haschkafah und Mussar).

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