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/Paraschat Re'eh

Rav Frand zu Paraschat Acharej Mot 5779

Es ist leichter, physische Schmerzen zu überwinden, als die menschliche Psyche zu unterdrücken

Der Torah-Abschnitt in "Acharej Mot", der sich mit den Vorschriften des Tempeldienstes zu Jom Kippur befasst, schliesst ab mit den Worten: "Dies soll Euch ein ewiges Dekret sein, um Sühne über die Kinder Israels zu bringen, für all ihre Sünden, einmal im Jahr. Und [Aharon] tat, wie Haschem es Mosche befohlen hatte." [Wajikra 16:34]

Nebenbei ist es interessant anzumerken, dass obwohl jedes jüdische Fest nur einmal pro Jahr vorkommt, Jom Kippur das einzige Fest ist, das die Torah explizit als solches kategorisiert, dass es nur einmal pro Jahr ["Achat Be'Schana"] vorkommt. Chasal [unsere Weisen] erklären, dass der Tod eines rechtschaffenen Menschen [Zaddik] der Sühne dient - genau wie Jom Kippur. Wenn die Torah daher sagt, dass uns Jom Kippur einmal pro Jahr zur Sühne dienen soll, darf es als Segen verstanden werden. Die Torah sagt im Prinzip, dass es dieses Jahr nur einen "Tag der Sühne" geben soll - und nicht einen weiteren, äquivalenten Tag der Sühne in diesem Jahr, also einen Tag, der vom Tod eines Zaddik in der Gemeinde gekennzeichnet ist.

Diesbezüglich hörte ich eine Geschichte, wonach Rav Elijahu Lopian vor dem Ne'ilah-Gebet am Jom Kippur aufstand, diesen Gedanken wiederholte und zu weinen begann. Er sagte laut vor der Gemeinde: "Halewai [möge es nur so kommen], dass wir dieses Jahr nur einen Jom Kippur haben werden; dass wir keinen zusätzlichen Jom-Kippur-artigen Tag der Sühne erfahren müssen. Dabei wusste er nicht, dass während seiner bewegenden Ansprache, der Brisker Rav (Rav Jitzchak Zeev Soloweitschik) gerade starb.

Jedoch würde ich mich gerne auf den letzten Teil des oben zitierten Verses konzentrieren: "Und Aharon tat alles, was Haschem zu Mosche gesprochen hatte." Raschi, der den "Torat Kohanim" zitiert, sagt hierzu: "Dies ist ein Indiz des Lobes für Aharon. Als Aharon die speziellen Gewänder des Kohen Gadol [Hohepriesters] am Jom Kippur trug, tat er es ausschliesslich um des Himmels Willen. Es bestand nicht der geringste Ansatz von Stolz oder Hochmut.

Wenn man bedenkt, dass ein einziger Mann aus dem ganzen Volk an nur einem Tag des Jahres dazu privilegiert ist, diese speziellen Gewänder zu tragen, dann könnte es diesem Menschen doch durchaus zu Kopf steigen und einen gewissen Einfluss auf ihn haben. Doch der Vers attestiert, dass dies bei Aharon nicht der Fall war. Er dachte nicht an persönlichen Stolz, sondern tat es ausschliesslich, um das Dekret des Königs zu erfüllen.

Rav Simcha Sissel Brody stellt die folgende Frage: "Der Talmud im Traktat Berachot [„Segensprüche“] erzählt von Rabbi Chanina ben Dossa, dessen Inbrunst [„Kawana“] im Gebet so stark war, dass er es nicht einmal bemerkte, als ihn ein "Arod" (ein schlangenartiges Tier mit einem sehr lebensgefährlichen und schmerzhaften Biss) gebissen hatte, während er betete. Rav Simcha Sissel fragt: "Warum sollte uns überhaupt der Gedanke kommen, dass Aharon - der Hohepriester - weniger Inbrunst haben könnte, als Rabbi Chanina ben Dossa? Warum ist dann der "Torat Kohanim" darüber besorgt, dass sein Kopf umherschweifen könnte und ihm Gedanken von persönlichem Stolz bringen könnte, dass nur er die "Weissen Gewänder" trug, die für den Kohen Gadol zu Jom Kippur vorgesehen sind? Aber natürlich: Seine "Laserartige" Konzentration würde es ihm nicht erlauben, auch nur für einen Moment von seiner "Kawana" abzuschweifen!

Rav Simcha Sissel Brody antwortet, dass es leichter ist, sich nicht von physischen Schmerzen beeinflussen zu lassen, als von Stolz und Hochmut. Man kann das Physische überwinden. Es ist schwer, aber machbar. Aber von Dingen wie Ehre, Eifersucht, Stolz und all diesen zutiefst menschlichen Charaktereigenschaften unbeeinflusst zu bleiben, ist keine leichte Sache.

Daher müssen Chasal [unsere Weisen] uns sagen, dass Aharon nicht nur von einem Bienenstich, einem Schlangenbiss oder dem Biss eines jeglichen, anderen Tieres unbeeinflusst blieb, sondern auch wenn es um Ehre ging, die ihn hätte beeinflussen sollen, er ebenfalls vollkommen unbeeindruckt blieb und den gesamten G-ttesdienst [unabgelenkt] um des Himmels Willen ausführte.

Rav Simcha Sissel bezieht diesen Kommentar noch auf einen weiteren, erstaunlichen Midrasch. Der Midrasch Rabbah in Bereschit besagt, dass vor der Akejda (Bindung Jizchaks) der Satan zu Jizchak kam und ihm sagte, dass all seine liebsten Geschenke und Habseligkeiten, die seine Mutter Sarah ihm über die Jahre in Liebe gegeben hatte, nun an seinen Halbbruder und Erzfeind Jischmael übergehen würden. "Plagt dich das nicht?" - fragte der Satan provokativ. "Wie kannst du dich damit abfinden, Jizchak? Du bist dabei, all jene Geschenke zu verlieren, die dir deine Mutter gegeben hat!"

Der Midrasch setzt fort, wie Jizchak auf diese Stichelei reagierte. Warum - fragt der Midrasch - sagt Jizchak "mein Vater, mein Vater" [„Awi, Awi“] - also zweimal? Es ist dafür, dass wenigstens auf eine beiläufige Art sein Vater Mitleid mit ihm haben und die Akejda nicht bis zum Ende durchziehen möge. In anderen Worten, impliziert der Midrasch, dass die Stichelei des Satans sehr wohl einen gewissen Einfluss auf Jizchak hatte!

Sollte Jizchak bei solchen Angelegenheiten nicht darüber stehen? Die Antwort ist: So gross Jizchak auch war - er war menschlich – und Menschen sind durch solche Dinge beeinflusst, wie etwa Ehre, Begierde, Stolz und Eifersucht. In anderen Worten: Sie werden von allen Arten menschlicher Emotionen beeinflusst, die fast unmöglich zu unterdrücken sind. Wir können physische Dinge überwinden, aber wenn wir über die Psyche eines Menschen sprechen, haben selbst die grössten Persönlichkeiten mit menschlichen Schwächen zu kämpfen.

Quellen und Persönlichkeiten

  • Brisker Rav (1887 – 1959): Rav Jizchak Ze’ev (Welwel) Soloweitschik. Gelehrter und Rosch Jeschiwa, Nachfolger seines Vaters, Rav Chaijim Soloweitschik in Brisk (Brest-Litovsk); floh im 2. Weltkrieg nach Israel.
  • Rav Eljahu Lopian (1876-1976), Maschgiach (geistiger Leiter) von Jeschiwot in Chelm (Litauen), London und Kefar Chassidim (Israel).
  • Raw Simcha Sissel Broide (1912-2000), Rosch Jeschiwa der Chewroner Jeschiwa, Jerusalem

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Die Bearbeitung dieses Wochenblatts erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich

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