Raw Frand zu Parschat Wajakhel 5765

Was ein Spiegel verraten kann

„Er fertigte das Becken und sein Gestell aus Kupfer an, mit den Spiegeln der Frauenscharen, die sich am Eingang des Stiftzeltesversammelten.“ [Schemot 38:8]

Raschi sagt uns, dass die Frauen die kupfernen Spiegel spendeten, mit denen sie ihre Ehemänner beeinflussten und deshalb meinte Mosche, dass diese nicht als Gabe für den Heiligen Tempel geeignet seien. Mosche wurde jedoch darauf hingewiesen, dass die Frauen mit diesen Spiegeln Gefühle erregt hatten, die die Scharen, die sich am Eingang des Stiftzelts versammelten, hevorgebracht hatten. Diese Frauen verfügten zu einer Zeit, in der die Männer unter dem Druck der ägyptischen Sklaverei gebeugt waren, über die Weitsicht und die Zuversicht, eine neue Generation hervorzubringen.

Was können wir lernen, wenn wir in den Kupferspiegel schauen?

Es gibt einen riesigen Unterschied zwischen Geschenken, die jemanden anspornen und Geschenken als Bestechung. Ein Ansporn ist gerechtfertigt, weil es einen Menschen dazu bringt, gemäss seinem eigenen, höheren Willen zu handeln. Sicherlich lerne ich gerne früh am Morgen, aber wie schon Napoleon sagte: „wenn ich wach bin, bin ich Napoleon, aber wenn ich schlafe, gleiche ich einem Pferd.“ Es ist schwierig, ein Pferd in Bewegung zu setzen, deshalb benütze ich ein kleines, gut gemeinte Druckmittel, um mich rechtzeitig ins Lernhaus zu bringen. Aus diesem Grund sagt der Talmud: „Ein Mensch soll immer mit Torah und Mizwot beginnen, auch aus selbstsüchtigen Gründen; aus dem Eigennutz wird schliesslich auch die richtige Motivation entspringen.“

Der Nefesch HaChajim vergleicht dies mit einem Arbeiter, dem man sagt, er solle aufs Dach steigen. Während er am Besteigen der Leiter ist, kann man sich nicht darüber beklagen, dass er noch nicht auf dem Dach ist. Die Leiter deutet auf das Ziel und man kann von niemandem erwarten, dass er ankommt, bevor er anfängt, die Leiter zu erklimmen.

Der Rambam sagt, dass man seine Kinder, solange sie klein sind, mit Süssigkeiten und Aehnlichem anspornen soll. Wenn sie älter werden, soll man ihnen sagen, dass sie, wenn sie gut lernen und sich Mühe geben, eine passende Braut heiraten werden. Auf diese Weise wird ein junger Mann alle seine Kräfte dazu einsetzen, um das Feld des Talmuds zu beackern. Wenn er älter wird, soll man ihm sagen, er solle mehr lernen, damit die Leute sich vor ihm in Ehrfurcht erheben und ihn mit „Rabbi“ ansprechen. Wenn er genug Ehrerbietung erhalten hat, wird er erkennen, dass die Wahrheit ihm mehr bedeutet, als jede Form von äusserlichem Beifall.

Bestechung ermutigt den Menschen, seine eigenen Prinzipien zu verletzen. Nehmen wir an, meine Frau bäckt Donnerstagabend delikate Schokoladeküchlein für Schabbat. Alle Kinder kommen heim, sind vom Duft überwältigt und beginnen lautstark nach dem Inhalt der Konfektdose zu betteln. Jedermann bekommt dieselbe klare Antwort: „Wartet bis Schabbat und dann könnt ihr welche haben!“

Spät abends komme ich nach Hause, abgekämpft und müde und doch froh und aufgewühlt nach einer Abendlektion. Ich benötige etwas, das mich beruhigt, damit ich den Schlaf leichter finde. Auf einmal wird mein Geruchssinn von einem unwiderstehlichen Duft gepackt. Ich denke zwar „die sind doch für Schabbat“, aber meine angeregten Magensäfte ziehen mich hinab oder besser hinauf zur Konfektdose. Ich nehme einige knusprige Exemplare als Qualitätskontrolle und dazu noch einige zusätzlich, damit ich auch gemäss allen Meinungen eine Nachbracha (Segensspruch nach dem Genuss von Speisen) sagen kann. Milch, das beliebte Lösungsmittel für Küchlein, nehme ich auch zu mir.

Genau in diesem Augenblick öffnet sich die Türe und man hört das Trippeln kleiner Füsse. Bevor ich „Ups“ sagen kann, starren mich zwei braune Augen anklagend an, als ob sie sagten: „He, die sind für Schabbat!“ Ich sage dem Kind: „Ich gebe dir drei Küchlein und Schokoladenmilch und dann wird sich keiner von uns beiden mehr an dieses kleine Treffen heute Nacht erinnern!“ Das ist Bestechung! (Diese Geschichte ist keine wahre Geschichte. Niemand hat einen Hinweis darauf, dass dies wirklich vorgekommen ist!)

Ich erinnere mich, meinen Buben einmal grosse Schokoladetafeln geboten zu haben, falls sie die 54 Parschiot (Wochenabschnitte) der Torah auswendig lernten. Ich habe noch nie so motivierte Kinder gesehen. Eines erfand dazu ein Lied, damit die anderen es sich leichter merken konnten. Kurz darauf sangen alle dieses Lied. Eine Weile später schuldete ich ihnen drei grosse Schokoladetafeln. Wir machten ein grosses Fest, sangen die olympische Hymne und befestigten goldene Diplome an den Türen der Kinderzimmer. Dann wurde jedem Kind voll Stolz die Schokoladetafel überreicht. Ungefähr zwei Minuten später war die Schokolade verdrückt. Ich nahm die Hüllen und befestigte sie ebenfalls an den Kinderzimmertüren. Dort blieben sie für Jahre. Die Türdekorationen sind mittlerweile weg, die Schokoladentafeln waren im Nu weg, die Zähne auch und die Zahnarztrechnungen sind mittlerweile ebenfalls bezahlt; das Wissen, das die Kinder sich jedoch in diesen Stunden angeeignet haben, bleibt ihnen jedoch tief im Gedächtnis haften.

Wenn wir die wichtigsten Kunstgegenstände der Jüdischen Geschichte zusammentragen, würden wir neben den glänzenden Kupferspiegeln auch einige Schokoladentafeln zusammen mit den Küchlein antreffen, die bis Schabbat überlebt haben. Zusammen trägt jedes Stück einen wichtigen Teil bei zu einer langen Leiter, die von hier bis zum Himmel reicht. Schaut, was man alles in einem Spiegel erkennen kann!


Quellen und Persönlichkeiten:
Raschi (1040 - 1105) [Rabbi Schlomo ben Jizchak]: Troyes (Frankreich) und Worms (Deutschland); "Vater aller Torahkommentare".
Rambam (1135 - 1204): Rav Mosche ben Maimon; Spanien, Aegypten. Seine Hauptwerke sind „Moreh Newuchim“ und „Mischne Tora“.
Rav Chajim von Woloschin (1749 - 1821): Schüler des Wilnaer Gaon, Gründer und Leiter der Jeschiwa von Woloschin, Litauen. Hauptwerk ist sein Sefer „Nefesch HaChajim“.



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