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/Paraschat Ejkew

Raw Frand zu Parschat Schemot 5771

Mit dem Leid eines anderen mitfühlen

Pharao verfügte, dass jedes männliche Kind in den Nil geworfen werden muss. Mosches Eltern konnten ihren kleinen Sohn während nur drei Monaten verstecken. Danach machten sie ein kleines Kästchen (Tejwa), kleideten es mit einem wasserabweisenden Material aus, setzten es in den Fluss und überliessen das Baby seinem Schicksal.

Der Passuk schreibt: "Seine Schwester stellte sich in die Ferne, um zu sehen, was ihm geschehen würde." [Schemot 2:4] Mirjam wusste nicht, was geschehen könnte. Irgendwann kam Pharaos Tochter um zu baden und zog das Baby aus dem Fluss. Nachdem Mosche sich von den ägyptischen Frauen nicht stillen lassen wollte, sah Mirjam plötzlich eine Chance bei der Rettung ihres Bruders zu wirken, was ihr dann auch gelang.

Mirjam war jedoch gegangen ohne zu erwarten, dass sie das Kind retten könnte, sondern nur um über sein Schicksal Bescheid zu wissen.

Raw Dowid Povarsky, Rosch Jeschiwa in Ponevesh, macht eine sehr ergreifende Beobachtung. Es gibt einen ähnlichen Vorfall im Tanach wo ein besorgtes Familienmitglied nicht weiss, was das Schicksal eines jungen Kindes sein wird, und dort hat der Familienangehörige eine ganz andere Reaktion. Als Hagar aus dem Haus von Awraham vertrieben wurde, ging sie in die Wüste. Als ihr Wasservorrat erschöpft war, hatte sie für ihr fieberndes Kind kein Wasser mehr und sie war fast sicher, dass es sterben würde. Sie warf das Kind von sich und ging, um in der Ferne zu sitzen und sagte: "Ich will nicht das Sterben des Kindes mit ansehen." [Bereschit 21:16]

Hagars Reaktion war, dass sie nicht in der Nähe sein wollte, um zu sehen, was mit Jischmael geschehen würde. Raw Povarsky bemerkt den Unterschied "zwischen einer jüdischen Schwester und einer ismaelitischen Mutter." Mirjam dachte nicht, dass sie ihren Bruder retten könnte, doch im jüdischen Volk existiert ein Konzept, "an der Not eines Mitmenschen teilzunehmen", d.h. ein Teil des Leidens der anderen Person zu werden. Unsere Weisen bezeichnen dies als "die Last mit seinem Freund zu tragen" (noseh be'Ol im Chawero). Mirjam ging, denn sollte ihr Bruder leiden oder ertrinken, so wollte sie dort sein! Sie würde es sehen wollen, da er ihr Bruder war und sie seinen Schmerz miterleben wollte.

Hagar, andererseits tat genau das Gegenteil. "Ich will nicht den Tod des Kindes sehen." Es schmerzt zu sehr! In einem gewissen Sinn stammt dies von Egozentrik. Eine jüdische Schwester möchte Teil des Schmerzes ihres Bruders sein, doch eine ismaelitische Mutter kann es nicht aushalten. Sie sagt: "Lass mich nicht den Tod des Jungen sehen!"

Gemäss dem Midrasch war es nicht nur Mosches Schwester, die ging um das Schicksal ihres Bruders mitzuerleben. Bei der Beschreibung der Tatsache, dass die Tochter des Pharao ein Kind aus dem Kästchen weinen hörte, sagt die Tora "Und siehe, ein Knabe (Na‘ar) weinte." [Schemot 2:6] Die einfache Erklärung ist natürlich, dass mit dem Jungen im Passuk das Baby Mosche gemeint ist. Der Midrasch lehrt jedoch, dass der weinende Junge sich auf Aharon, dem älteren Bruder von Mosche, bezieht.

Mit anderen Worten, es war nicht nur Mirjam, die an das Ufer des Flusses ging um zu sehen, was mit Mosche geschehen würde, auch Aharon, sein Bruder, ging. Der Ba‘al HaTurim unterstützt diesen Midrasch indem er die folgende Gimatrija (arithmetische Gleichung) zitiert: "Na'ar bocheh = seh Aharon Hakohen" (ein Junge weint = dies ist Aharon der Priester). Es gibt eine Verbindung zwischen jedem Juden, der diese Haltung von "die Last zusammen mit seinem Freund zu tragen" erzeugt. Diese Verbindung erlaubt es mir nicht, lediglich "wegzuschauen", wenn eine Tragödie sich entfaltet. Ich muss es sehen. Ich muss es fühlen. Ich muss ein Teil davon sein.

Raw Simcha Sissel von Kelm lehrt eine ähnliche Idee. Er stellt fest, dass diese Parscha uns Mosche Rabbejnu (unsern Lehrer) vorstellt. Von jetzt bis zum Ende der Tora, werden wir über das Leben von Mosche Rabbejnu lernen. Dies ist die Parscha (mit dem berühmten Ereignis vom brennenden Dornbusch), wo Haschem Mosche sozusagen auf die Schulter klopft, und ihn bittet, die Führung des jüdischen Volkes zu übernehmen. Es ist nur natürlich, sagt Raw Simcha Sissel, dass die Tora uns einige Hintergrundinformationen über das Leben dieser Person gibt, um uns eine Vorstellung zu geben, warum gerade er diese Führungsrolle erhält. Was tat er jemals in seinem Leben, das er diesen Job verdient?

Wir haben nur vier kurze Vorfälle in vier verschiedenen Versen, die uns einen Hinweis auf seine Qualifikationen und Fähigkeiten geben. Der erste Passuk erzählt wie er aufwuchs, und zu seinen Brüdern ging, um ihr Leiden zu sehen. [Schemot 2:11] Obwohl er in Saus und Braus im Palast von Pharao leben könnte, weigerte er sich seinen Luxus zu geniessen, sondern ging hinaus, um das Leiden seiner Brüder mitzufühlen und ihnen nach Möglichkeit behilflich zu sein.

Der nächste Vorfall war, dass er einen ägyptischen Mann sah, der einen jüdischen Mann schlug [2:11]. Mit anderen Worten, seine Sorge war nicht auf die Massen (Zibbur) begrenzt, er sorgte sich auch über die Probleme jedes einzelnen Jehudi (Jachid).

Der dritte Vorfall [2:13] lehrt uns, dass Mosche sich nicht nur sorgte, wenn ein Ägypter einen Jehudi verprügelte. Auch wenn es ein Jehudi war, der einen anderen Jehudi schlug, war Mosche besorgt und kam dem Opfer zu Hilfe.

Schließlich lernen wir, dass Mosches Mitgefühl sich nicht nur auf seine Glaubensgenossen beschränkt. Er geht nach Midjan und mischt sich ein, um Jitros Töchter zu beschützen, die bedrängt werden [2:17]. Er setzt sich für die unterdrückten Mädchen ein, die nicht imstande sind, sich selbst zu beschützen.

Dies sind vier Vorfälle aus den ersten achtzig Jahren von Mosche Rabbejnus Leben, welche die Tora uns erzählt, bevor Haschem ihn als Führer und Befreier des jüdischen Volkes einsetzt. In diesen vier Vorfällen zeigte Mosche die Qualität, die jeder Jehudi besitzen sollte, und die für einen Führer des jüdischen Volkes absolut notwendig ist - die Qualität der Teilnahme an der Last seines Mitmenschen, das Fühlen seiner Schmerzen und Mitgefühl mit seinem Leiden.

Die folgende Geschichte zeigte mir Rabbi Zev Katz aus Silver Spring, Maryland: Es ist eine faszinierende kleine Geschichte, die wortgewandt die gleiche Botschaft betont, die Last zusammen mit seinen Mitmenschen zu tragen:

"A Blanket of Trust" “Eine Decke von Vertrauen” von Howard Schultz (Chief Global Strategist von Starbucks).

Als ich in Israel war, ging ich nach Mea Schearim, dem ultra-orthodoxen Bereich innerhalb Jerusalems. Zusammen mit einer Gruppe Geschäftsleute, hatte ich die Gelegenheit zu einer Audienz bei Rabbi Nosson Zvi Finkel, dem Leiter der Mirer Jeschiwa. Ich hatte noch nie von ihm gehört und wusste nichts über ihn. Wir gingen in sein Arbeitszimmer und warteten zehn bis fünfzehn Minuten auf ihn. Schliesslich öffnete sich die Tür.

Was wir nicht wussten war, dass Rabbi Finkel stark unter der Parkinson-Krankheit litt. Er setzte sich oben am Tisch hin und unsere Neigung war natürlich, wegzuschauen. Wir wollten ihn nicht in Verlegenheit bringen.

Wir schauten alle weg und plötzlich hörten wir ein lautes Klopfen auf dem Tisch: "Gentlemen, schaut mich bitte jetzt an." Seine Sprachbehinderung war noch schlimmer als sein körperliches Zittern. Es war wirklich schwierig, ihm zuzuhören und ihn zu beobachten. Er sagte: "Wir haben nur ein paar Minuten Zeit, denn ich weiss, Ihr seid alle sehr beschäftigte amerikanische Geschäftsleute."

Dann fragte er: "Wer kann mir sagen, was die Lektion des Holocaust ist?" Er fragte einen Mann, der nicht wusste, was zu machen - es war wie wenn ein Primarschüler nach etwas gefragt wird, ohne die Antwort zu wissen. Und dieser Herr sagt etwas wie: "Wir werden es nie, nie vergessen." Und der Rabbi zeigt sich an seiner Antwort gänzlich desinteressiert. Ich fühlte mich schrecklich für den Mann bis ich merkte, dass der Rabbi daran war, jemand anders zu fragen. Wir alle versuchten unter dem Tisch zu verschwinden und schauten weg – bitte, nur nicht mich! Ich schwitzte. Er fragte mich nicht. Er fragte einen anderen Mann, der eine fantastische Antwort hatte: "Wir werden nie, nie wieder Opfer oder Zuschauer sein."

Der Rabbi sagte: "Ihr kapiert es einfach nicht. Okay, meine Herren, lassen Sie mich Ihnen das Wesen des menschlichen Geistes erklären.

"Wie Sie wissen, wurden die Menschen während des Weltkrieges in der denkbar barbarischsten, brutalsten Weise mit Viehwagen befördert. Die armen Geschöpfe dachten, sie würden in ein Arbeitslager gebracht werden. Wir wissen, sie gingen in ein Todeslager.

"Nach unzähligen Stunden in diesem unmenschlichen Wagen ohne Licht, ohne Toilette und in der Kälte, kamen sie in den Lager an. Die Türen wurden weit aufgemacht und sie wurden durch das Licht geblendet. Männer wurden von Frauen getrennt, Mütter von Töchtern, Väter von Söhnen. Sie gingen in die Baracken um zu schlafen.

"Als sie den Schlafbereich betraten, erhielt nur eine von sechs Personen eine Decke. Die Person, welche die Decke erhalten hatte, hatte beim Schlafengehen zu entscheiden: Soll ich die Decke fünf anderen Menschen zuschieben, die keine erhielten oder soll ich sie um mich wickeln, sodass ich warm habe?'"

Und Rabbi Finkel fuhr fort: "Während diesem entscheidenden Moment, lernten wir die Macht des menschlichen Geistes kennen, weil wir die Decke fünf anderen zuschoben."

Und damit stand er auf und sagte: "Nehmen Sie Ihre Decke. Nehmen Sie sie zurück nach Amerika und schieben Sie sie fünf weiteren Menschen zu."



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