Tewet
/Paraschat Wa'era

Raw Frand zu Parschat Wajechi 5774

Weshalb erachtete es Ja’akow für notwendig, die verschiedenen Vorwände auszuschliessen?

Im aktuellen Wochenabschnitt [Bereschit 47:30-31] bittet Ja’akow seinen Sohn Josef, seinen Leichnam ins Land Kena’an zurückzubringen und dort zu beerdigen. In diesem Zusammenhang erklärt der Patriarch Ja’akow seinem Sohn eine Angelegenheit, die damit zusammenhängt:

„Und als ich aus Padan kam, starb mir Rachel im Lande Kena’an, auf dem Wege, da noch eine Strecke Landes („Kiwrat Erez“) war bis nach Efrat hin; und ich begrub sie dort auf dem Wege nach Efrat, das ist Bet-Lechem.“ [Bereschit 48:7]. Raschi kommentiert: „Obschon ich dich bemühe, mich dahinzubringen, um im Land Kena’an begraben zu werden, und ich deiner Mutter nicht so getan habe, obwohl sie in der Nähe von Bet-Lechem starb, nur ein „Kiwrat Erez“ weit von dort. [Der Ausdruck „Kiwrat Erez“ bezieht sich auf eine Masseinheit von Land, und zwar 2000 „Amot“ (Ellen), gleich dem Mass des „Tchum Schabbat“ (Schabbat-Grenze), nach den Worten von Rabbi Mosche HaDarschan.] Ja’akow setzt damit seine Entschuldigung an Josef fort und erklärt: 'Und sage nicht, dass mich Regenfälle davon abgehalten haben, sie nach Chewron zu bringen und dort zu beerdigen. Nein, dem ist nicht so, denn es war in der trockenen Jahreszeit, in der die Erde hohl und gelöchert war, „Kiwrat“ wie ein Sieb. Und ich nahm sie nicht einmal nach Bet Lechem, um sie im (bewohnten) Land zu begraben; ich weiss, dass du in deinem Herzen einen Vorwurf gegen mich hast; aber wisse, dass ich sie auf g-ttlichen Befehl hin dort beerdigt habe, damit sie dereinst ihren Kindern hilfreich zur Seite stehen könne. Wenn Newusaradan sie ins Exil vertreiben wird und sie dort vorüberziehen, dann wird Rachel ihre Grabstätte verlassen und weinend für sie um Erbarmen flehen…“

Wenn wir diese Unterhaltung führen würden, gäbe es wohl keinen Bedarf an diesem ausführlichen Selbstgespräch. Ja’akow hätte einfach sagen können: „Josef, höre gut zu: Ich hatte keine Wahl. Der Schöpfer der Welt hat mir gesagt, dass ich es so tun solle.“ - Ende der Diskussion! Warum war es für Ja’akow (nach Raschi) notwendig zu sagen: „Wenn du meinst, dass es wegen des Regens war, dann war es nicht deshalb; wenn du meinst, dass es wegen der Entfernung war, dann war es nicht deshalb; wenn du meinst, dass es zu schwer war, dann war es nicht deshalb - sondern es wäre sehr einfach gewesen, sie nach Bejt Lechem oder Chewron zu bringen.“ Nach Raschis Darstellung, war es fast ein nachträglicher Nebengedanke, dass Ja’akow erklärt, Haschem habe es ihm so befohlen.

Der Tolner Rebbe erklärt im Namen von Rabbi Chajim Schmulewiz, dass Ja’akow ein sehr bedeutendes, psychologisches Phänomen bewusst war, das hier möglicherweise eine Rolle spielte. Wenn jemand eine Bat Kol (eine himmlische Stimme) hören würde, die besagt, „begrabe sie hier“, dann muss der Hörende die Vermutung anstellen, dass er nur hört, was er hören möchte. Wenn es tatsächlich eine grosse Anstrengung erfordert hätte, sie ihn Chewron zu begraben - und es geregnet hätte, und weit weg gewesen wäre, und er persönlich ohnehin einen anderen Plan gehegt hätte - dann würde ein Grund dazu bestehen, sich darüber Sorgen zu machen, dass er sich tatsächlich eine Bat Kol nur vorgestellt hat, die ihm sagte, was er gesagt bekommen wollte.

Ja’akow Awinu (unser Stammvater Ja’akow) brachte zum Ausdruck, dass er keine eigenen Erwägungen im Schilde führte. Es regnete nicht, es war nicht weit, es wäre einfach gewesen. Dies war keine Fehlinterpretation der Worte, die er vom Allmächtigen gehört hatte: Begrabe sie hier. Ja’akow gab zu, dass „ich, Ja’akow, wie jedes andere menschliche Geschöpf, ein „nogea be’dawar“ sein kann - also niedere Motive haben könnte. Denn „Bestechung kann selbst die Augen von Zaddikim (Frommen/Gerechten) erblinden lassen…“ [Schemot 23:8]. Selbst die Grössten unter uns sind vor der Verblendung der Bestechung nicht geschützt. Wenn die Bestechung finanzieller Natur ist, oder in Form von Ehre, oder auch nur gewissen Kummer erspart, müssen wir stets auf der Hut sein, solche Vorteilsgewährungen anzunehmen. So gross ist die Macht niederer Motive.

Der Talmud im Traktat Sanhedrin lehrt, dass ein Kohel Gadol (Hohepriester) in keinem Gericht Einsitz nehmen darf, das einen Schaltmonat im jüdischen Kalender festlegt. Hohepriester, die fünfmal im rituellen Tauchbad (hebr. Mikwe) eintauchen und während des langen Tempeldienstes von Jom Kippur barfuss auf dem Steinboden des Tempels gehen mussten, hatten ein „niederes“ Motiv, kein Schaltjahr (zweiten Adar) auszurufen und somit Jom Kippur näher an den wärmeren Sommermonaten zu belassen. Wenn Jom Kippur auf Mitte September fällt, ist es noch immer warm - doch wenn es einen Monat später auf Oktober fällt, ist das Wasser in der Mikwe wesentlich kühler.

Es gibt redliche Gründe, ein Schaltjahr einzulegen - und dem Hohepriester ist gewöhnlich zu vertrauen, dass er auf ehrliche Weise festlegt, ob es notwendig ist, dem Kalender einen Monat hinzuzufügen - denn die Fakten sprechen für sich. Doch in der Realität sind Menschen eben nicht immer objektiv, wenn ihr Entscheidungsprozess - und sei es auch nur unterbewusst - mit ihrer eigenen Bequemlichkeit (wie hier an Jom Kippur) zusammenstösst. Letzten Endes sind Menschen „nogea“ (befangen) und „Negiut“ (Befangenheit) kann die Wahrheit verbiegen und auch die besten Absichten zunichtemachen.

Der Tolner Rebbe bezieht sich im Folgenden auf den Talmud im Traktat „Bawa Batra“ [110a]: Der Talmud diskutiert einen Vers im Buch Schoftim (Richter) [18:3]. Als das jüdische Volk in den nördlichen Teil von Erez Jisrael kam - in eine Region, die vom Stamm Dan bevölkert wurde - stellten manche Leute eine Götzenstatue namens „Pessel Micha“ auf. Unglücklicherweise blieb dieses Haus des Götzendienstes während der gesamten Zeit existent, bis die zehn Stämme aus Erez Jisrael vertrieben wurden. Die Menschen benötigten jemanden, der für diesen Götzendienst als „Priester“ dienen sollte – und sie fanden einen Mann namens Jonathan, der diese Arbeit übernahm.

Jonathan war ein Levi. Für einen Götzen war ein Levi „nahe“ genug, um als „Kohen“ (Priester) zu dienen - also nahmen sie ihn. Nach rabbinischer Überlieferung war dieser Jonathan kein Geringerer als der Enkel von Mosche Rabbejnu! Der Talmud diskutiert einen Dialog zwischen Jonathan und den Gelehrten seiner Zeit. Sie fragten ihn: „Wie konnte jemand wie du - der Enkel von Mosche Rabbejnu - so tief abstürzen und Priester der Götzen werden?“ - Er antwortete: „Ich habe eine Überlieferung von meinem Grossvater, wonach sich ein Mensch lieber als Götzenpriester „vermieten“ soll, als von den Almosen der Gesellschaft abhängig zu werden.“ Er argumentierte, dass er zwischen den Alternativen des Bettelns oder des Arbeitens als Götzendiener gefangen war - und basierend auf einer „alten Familientradition“, habe er sich für Letzteres entschieden.

Tatsächlich aber hatte Jonathan seinen Grossvater missverstanden. Als Mosche lehrte, dass es besser sei, mit Awoda Sara (wörtlich: fremde Dienste) sein eigenes Geld zu verdienen, als um das Geld anderer Menschen zu betteln, meinte er nicht Götzendienst. Er meinte Arbeit, die einem Menschen fremd sei (d.h. unter seinem Niveau oder Stolz). Mit Sicherheit meinte er nicht Götzendienst!

Der Talmud erzählt im Folgenden, dass Jonathan letztendlich Teschuwa (Umkehr) tat und sich „ehrliche Arbeit“ suchte. König David erkannte, dass ihm Geld sehr viel bedeutete, und machte ihn zu seinem Schatzmeister. Die Kommentatoren fragen, woran wir erkennen, dass Geld für Jonathan eine Rolle spielte. Die Antwort ist, dass jeder Mensch, der auch nur auf den Gedanken kommen kann, Mosche Rabbejnu habe sich für Götzendienst ausgesprochen - und somit die Worte „Awoda Sara“ in der Aussage von Mosche buchstäblich als Götzendienst interpretiert (anstatt „Arbeit, die dir fremd ist“), ein Mensch mit niederen Motiven sein muss. So eine Person hat „Negiot“. Dieser Mensch macht sich wahrlich etwas aus Geld. Nur wer so tickt, konnte einen derart (buchstäblich) kapitalen Fehler begehen.

Dies ist, was Ja’akow seinem Sohn Josef erklärte: Ich hatte keine „Negiot“. Es war nicht das Wetter. Es war nicht die Entfernung. Es war nicht die grosse Anstrengung, die damit verbunden gewesen wäre. Es war ein vollkommen reines und unbefangenes Motiv. Ich habe es aus einem einzigen Grund getan: Haschem wollte es so!

 

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