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Die Gebete halfen – letztendlich. Kein Gebet geht verloren! - Rav Frand zu Paraschat Wajera 5781 – Beitrag 2

Bearbeitet und ergänzt von S. Weinmann

Die Gebete halfen – letztendlich.

Kein Gebet geht verloren! 

Die ganze Geschichte von Awraham Awinu mit Sedom (Sodom) ist beschwerlich. "Da sprach der Ewige: Sollte Ich vor Awraham geheim halten, was ich tun möchte?" (Berejschit 18:17) In anderen Worten: "Soll Ich ihm nicht erzählen, dass ich vorhabe, Sedom zu vernichten? Ich muss es ihm sagen" Haschem weiss genau, was Awraham tun wird. Es ist das, was Awraham wirklich tat – er betete und feilschte mit Haschem darum, dass Er Sedom nicht vernichten soll.

Haschem weiss also, was das Ende der Geschichte sein wird. Er weiss auch, dass es keine 50 gerechte Menschen in Sedom gibt, auch nicht 40, 30 oder 20, und nicht einmal 10 Zaddikim. Warum sollte also Awraham die Gelegenheit erhalten zu dawenen (beten), wenn Haschem weiss, dass seine Gebete vergeblich sein werden. Welchen Zweck hat dies?

Die Antwort ist eine Lektion, die wir alle lernen müssen, weil sie so bedeutend ist. Die Lektion ist, dass keine Tefilla (Gebet) je verloren geht. Die Tefillot (Gebete), die Awraham Awinu für Sedom sprach, halfen vielleicht nicht für diese Situation, aber irgendwo, irgendwann, halfen sie oder werden noch helfen.

Einen Schritt weiter geht Rabbi Jonatan Eybeschütz (1690-1764), der in seinem Werk Tiferet Jonatan schreibt, dass dies zur Kategorie von Ma’asse Awot Siman LeBanim (die Handlungen der Patriarchen deuten voraus auf die Handlungen der Nachkommen) gehört. Weil "die Taten der Väter den Weg für die Taten ihrer Kinder in buchstäblichem Sinn bahnen", gibt es den Begriff, dass wenn eine Stadt oder eine Gemeinde in Gefahr ist, sie zu einem Zaddik (Frommen) gehen und ihn bitten sollen, für sie zu dawenen, wie es im Talmud [Traktat Baba Batra 116a] heisst:  "Wer einen Kranken zuhause hat, gehe zu einem Chacham, er soll für den Kraken beten". Woher kommt dies? Rabbi Jonatan Eibeschütz sagt, dass der Ursprung für diese Usance in der Handlung (das Gebet) von Awraham für Sedom liegt. Der Patriarch Awraham erreichte mit seinem Gebet für Sedom, dass ein Chacham/Zaddik für einen Einzelnen oder einer ganzen Stadt in Not dawenen kann, um sie vor ihrem Schicksal zu retten und G-tt sie erlöst, obwohl sie es nicht ganz verdienen.

Dieser Gedanke beantwortet eine weitere Frage. In Tefillat Ne'ila, am Ende von Jom Kippur, wenn wir alle Hebel in Bewegung setzen, führen wir die folgenden Worte an: "Chalila Lecha - Fern sei es von Dir, dergleichen zu tun, dass Du tötest den Gerechten gemeinsam mit dem Bösewicht, dass der Unschuldige wäre wir der Schuldige... Der Richter der ganzen Erde sollte denn nicht Gerechtigkeit üben?" (Berejschit, 18:25). Überlegen Sie sich folgendes: Ist dies weise, bei Ne’ila so ein Gebet zu sprechen? Diese Worte können sofort als die Gebete von Awraham Awinu für Sedom erkannt werden!  Es half jedoch damals nicht, warum sollten wir dann dieselbe Formel verwenden?

Die Antwort ist, dass es bereits beim ersten Mal half. Es half vielleicht nicht den Menschen von Sedom, weil sie bereits zu verdorben waren – aber letztendlich half es. Es half – laut dem Tiferes Jonatan – darin, dass Awraham erreichte, dass jetzt alle Chachamim/Zaddikim für den einzelnen oder ganzen Gemeinden in Not dawenen können. Und es funktioniert auch sehr oft, weil es eine Wirkung hat. Rabbi Jonatan Eybeschütz fährt fort: In der Tat können wir sagen, dass dies die zugrundeliegende Botschaft einer Verbindung von zwei Versen ist: "Da sprach der Ewige: Sollte Ich vor Awraham geheim halten, was ich tun möchte?" ([Berejschit 18:17] "Und Awraham wird doch eine grosse und mächtige Nation werden…"  [ibid. 18:18]. Was hat der Passuk 18 mit dem Passuk 17 zu tun? Er scheint nicht zu diesem Monolog zu gehören. Was hat die Tatsache, dass Awraham in der Zukunft eine grosse und mächtige Nation werden wird, mit dieser ganzen Diskussion zu tun?

Die Antwort ist, dass Haschem das Folgende sagt: Ich werde vor Awraham nicht geheim halten, was Ich zu tun gedenke, und Ich weiss, dass Awraham dawenen wird, und Ich weiss, dass seine Gebete zu diesem Zeitpunkt Sedom nicht helfen können. Jedoch wird von Awraham eine grosse und mächtige Nation abstammen. Ich weiss, dass diese Nation solche Gebete in verschiedenen Epochen in der Zukunft benötigen wird. Mit seinem Gebet erreicht er jetzt, dass seine zukünftigen Nachkommen durch das Gebet seiner Frommen gerettet werden wird (und ganz generell keine Tefila seiner Nachkommen verloren gehen würde).

Rabbi Jonatan fügt den bekannten Ausspruch unserer Weisen hinzu [Traktat Baba Kama 92a, siehe Raschi in der dieswöchigen Parascha 21:1]: "Wer für den Nächsten betet, er benötigt aber in  Wirklichkeit das gleiche, so wird ihm zuerst geholfen". Hier betete Awraham für Sedom und schlussendlich wurde ihm für seine Nachkommen geholfen, dass die Zaddikim  in jeder Generation mit ihren Gebeten das jüdische Volk beschützen, auch wenn es es nicht ganz verdient.

Fazit: 1. Awrahams Gebete gingen nicht verloren, sie halfen und helfen in anderen Notsituationen.  2. Nach Rabbi Jonatan Eybeschütz erreichte Awraham, dass in allen Generationen die Gebete, und ganz speziell die der Chachamim/Zaddikim, Erhörung finden. Kein Gebet geht verloren.

Ich wiederhole eine erstaunliche Geschichte, die ich von Aktivisten von Lev LeAchim (Kiruv-Organisation) in Erez Jisrael hörte, die in diesen Vorfall involviert waren.

Es gibt eine kleine Schul (Synagoge) auf einer Strasse in Tel Aviv. Es war zur Mincha Zeit, und sie benötigten zu Minjan einen zehnten Mann. Wie es bei Juden in der ganzen Welt Tradition ist, ging einer der neun versammelten Betenden auf die Strasse und hielt Umschau nach einem "zehnten Mann". Er konnte niemanden finden. Plötzlich ging ein junger Mann – ein typisch säkularer Israeli mit langem Haar, etc. – vorbei. Er sagte zu ihm: "Könntest du hereinkommen und uns helfen, ein Minjan zu haben?" Er antwortete: "Ich bin nicht interessiert." Sie baten ihn dringend: "Wir benötigen ein Minjan. Jemand hat Jahrzeit. Er muss Kaddisch sagen. Bitte komme für eine kurze Zeit herein." Er war immer noch nicht bereit dazu. Schliesslich bedrängten sie ihn so sehr, dass er sich einverstanden erklärte, hereinzukommen.

Er war überhaupt nicht vertraut mit dem, was drin vorging. Er stand einfach dort. Er stand dort während Aschrej, Kaddisch, etc. Aber scheinbar hatte die Tatsache, dass er sich zum ersten Mal in seinem Leben in einer Schul befand, einen Eindruck auf ihn gemacht. Eines führte zum zweiten: Er kontaktierte Aktivisten von Lev LeAchim. Das Ende der Geschichte ist, dass dieser junge Mann heute ein religiöser Jude ist. Dies ist jedoch nicht die ganze Geschichte. Die Eltern des jungen Mannes sind gänzlich säkulare Juden. Ihr Sohn "wich vom Weg ab" und wurde ein Charedi (thoratreuer Jude). Seine früheren Freunde kamen zu seinen Eltern und fragten: "Was ist geschehen? Ihr habt euren Sohn gut erzogen. Wie konnte dies geschehen?" Der Vater sagte: "Also ich weiss, warum das geschehen ist. Der Grossvater dieses Jungen – mein eigener Vater – war ein religiöser Jude. Er kam nach Erez Jisrael, aber sein Sohn (ich) wollte nichts mit dem Judentum zu tun haben. Ich ging meinen eigenen Weg und wuchs gänzlich säkular auf, und ich wollte auch sicherstellen, dass meine Kinder im gleichen Weg weitergehen würden. Ich nehme an, es hat mit seinem Grossvater zu tun."

Und jetzt kommt die Pointe dieser Geschichte. Der Grossvater dawente in derselben Schul in Tel Aviv, deren Mitglieder seinen Enkel zu einem Minjan hineinzogen. Dies war seine Schul. Denkt darüber nach. Als dieser alte Jude sah, dass sein Sohn vom jüdischen Weg abwich und hinzu noch sein Enkel als säkularer Israeli aufgezogen wurde – wie viele Tefillot betete dieser Mann zu Haschem, um ihn zur Jüdischkeit zurückzubringen? Er betete und betete und betete. "Es hat nicht geholfen" … so dachte er! Der Grossvater erlebte nicht mit, was später geschah. Es geschah nicht damals. Es geschah nicht mit seinem Sohn. Aber scheinbar halfen seine Tefillot seinem Enkel.

Darüber handelt der Passuk. Haschem wusste, dass Awraham dawenen wird, nachdem Er ihm verkünde würde, was er mit Sedom zu tun plane. Haschem wusste, dass diese Gebete für Sedom vergeblich sein würden, aber Awraham würde eine "grosse Nation" werden. Und irgendwann, an irgendeinem Ort, zu irgendwelcher Zeit, würden erstens diese Gebete seinen Nachkommen helfen. Und zweitens erreichte er, dass die Gebete seiner Nachkommen auch nicht vergebens sein würden!

Es gibt viele weitere solche Geschichten, wo Tefillot von Grosseltern oder Eltern, die scheinbar nutzlos waren, zwei oder drei Generationen später halfen, wie schlussendlich alle Tefillot es tun.

Quellen und Persönlichkeiten:

  • Raschi (1040-1105) [Rabbi Schlomo ben Jizchak]; Troyes (Frankreich) und Worms (
  • Rabbi Jonathan ben Nathan Eybeschütz (Eibenschütz) (1690 - 1764); grosser Talmudgelehrter, Rabbiner und Kabbalist. Eibenschütz und Prag (Tschechien), Metz (Frankreich) und Altona (damals Dänemark, heute Deutschland). Verfasser von unzähligen Werken zum Talmud, zur Halacha und zum Chumasch.

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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich

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