Raw Frand zu Parschat Noach 5765 (Beitrag 2)

Wunder geschehen oft langsam

Rav Schimon Schwab macht in seinem Buch folgende Überlegung. Wir wissen, dass die Wassermassen die Erde so vollständig bedeckten, dass sogar die höchsten Berggipfel völlig überflutet waren. Es ist deshalb zu erwarten, dass es eigentlich mehr als diese wenigen Wochen, welche die Torah in der Erzählung in Parschat Noach beschreibt, brauchte, damit das Wasser so weit zurückging oder verdunstete, sodass wieder trockenes Land sichtbar wurde. [Berejschit 8:6-14]

Gemäss den Gesetzen der Physik oder der Natur wären eher Jahre als Tage oder Wochen notwendig gewesen, um diese grossen Wassermassen zum Verschwinden zu bringen. Die ganze Erde war überflutet und von Wasser bedeckt. Der einzige Weg, wie diese Wassermengen in der kurzen Zeit, wie sie von der Torah beschrieben wird, zum Verschwinden gebracht und die Erde trockengelegt werden konnte, war ein Wunder.

Wenn wir jedoch annehmen, dass diese Hunderte von Millionen Hektoliter Wasser auf wundersame Weise zum Verschwinden gebracht worden waren – warum brauchte dieses Wunder „so lange“? Wieso musste Noach den Raben und die Taube aussenden? Wieso musste er eine Woche warten und dann noch eine Woche? Wieso musste man, auch nachdem die Taube nicht mehr zurückkehrte, noch so viele weitere Tage in der Arche verbringen?

Wieso hörte die Flut nicht sofort, nachdem G’tt entschieden hatte, dass die Flut aufzuhören und trockenem Land Raum zu geben hatte, auf und machte trockenem Festland Platz? Da G’tt schon ein Wunder machte – wieso tat er dies nicht auf eine etwas dramatischere Weise und ersparte Noach damit die Wartezeit?

Rav Schwab meint, dass die Torah uns damit lehrt, dass wir, wenn wir im Leben auf G’ttes Rettung hoffen, oft ein wenig Geduld aufbringen müssen. Für den modernen Menschen ist dieser Gedanke recht schwierig. Für uns muss alles sofort geschehen. Wenn wir etwas aufwärmen müssen stellen wir es für 25 Sekunden in den Mikrowellenofen. Wenn wir eine heisse Tasse Kaffee wollen, gehen wir zur Kaffeemaschine und benützen die Heisswasserdüse. Heutzutage brauchen wir auf nichts zu warten. „Wollen Sie ein Dokument sehen?“ „Senden Sie es per Fax oder e-mail.“ Und wenn es wirklich nicht anders geht, mit Express-Post.

Bei G’tt funktioniert es anders. Die Rettung ist vielleicht schon da. G’tt hat vielleicht schon entschieden, die Flut zu beenden. Aber die Erlösung erfolgt nicht umgehend.

Der Talmud schreibt [Berachot 55a], dass jemand, der zu G’tt betet und daraufhin nachforscht, ob seine Bitten sofort erhört wurden, enttäuscht werden wird („bah le’jedej ke’ev lev“).

Jedermann steht es frei für einen Arbeitsplatz oder die Aufnahme in eine Schule zu beten. Er ist auch frei, nachher zum Briefkasten zu eilen und nachzuschauen, ob die erhoffte Nachricht eingetroffen ist.

Ein Mensch kann krank sein oder ein Leiden haben. Er kann für Heilung beten. Er kann zum Arzt gehen und sich für sein Leiden behandeln lassen. Es ist ihm unbenommen, zu glauben, dass ihn die Behandlung sofort heile.

So funktioniert es nicht. Wir benötigen „und er wartete nochmals sieben Tage …“ und weiter „und er wartete nochmals sieben Tage …“ [Berejschit 8:10,12]. Manchmal braucht es Geduld. Nicht alles geschieht sofort.

Am Ende von Parschat Schemot beklagt sich Mosche bei G’tt: „Wieso hast du die Lage für diese Nation noch verschlimmert? Wieso hast du mich gesandt? Vom Moment an, da ich zu Pharao kam, behandelte er das Volk noch schlimmer und Du hast diesen Menschen noch keine Rettung gebracht.“ [Schemot 5:22-23]

Mosche klagte, dass die magischen Worte „Lass mein Volk ziehen“ nicht wirkten. Nicht nur, dass Pharao sie nicht gehen liess, es ärgerte ihn nur und verschlimmerte die Lebensbedingungen für das jüdische Volk.

G’tt antwortete Mosche: „JETZT wirst du sehen, wie ich mit Pharao verfahre … und er wird das Volk ziehen lassen.“ [Schemot 6:1]

Die Gemara deutet dies als „Jetzt wirst du sehen, wie ich mit Pharao verfahre, aber du wirst nicht sehen, was ich mit den 31 Königen tue, wenn Israel das Land Kana’an betritt“ [Sanhedrin 111a]. Dies war ein Aspekt von Mosches Bestrafung, dass er nicht nach Erez Israel hineingelassen wurde; weil er keine Geduld gehabt hatte und die Anweisungen G’ttes „hinterfragt“ hatte.

Wie entspricht diese Strafe dem Grundsatz „Mass für Mass“? 14 Jahre waren nötig, um das Land Israel zu besiedeln, 7 Jahre der Eroberung und 7 Jahre des Verteilens. Es geschah nicht plötzlich. Mosche Rabejnu (wegen seiner Grösse wurde er strenger beurteilt) verlangte von G’tt etwas, das nicht im Einklang mit G’ttes Führung der Welt stand. G’tt liefert keine unmittelbaren Ergebnisse. Es braucht Zeit. Das ist die Lehre von „Noach wartete“. Er sagte nicht: „Der Regen hat aufgehört. Es ist Zeit, die Arche zu verlassen.“ Rettung braucht Zeit, sie erfolgt nicht sofort.

Manchmal beendigen wir die Jomim Nora’im (die hohen Feiertage) und wir erwarten von G’tt sofortige Veränderungen. Wir haben andächtig gebetet. Wir stehen in einem neuen Jahr. Ein neuer Richtspruch ist erfolgt. Alle meine Probleme sollten jetzt gelöst sein. Wir erwarten, dass sich am Tag nach Jom Kipur alles Mühsal in nichts auflöst. „Ich habe gut gebetet. Ich hatte das Gefühl, dass Du mich erhört hast. Nu?“

Noach musste warten. Noach musste weiterschauen. Die Sintflut war zu Ende, aber das brauchte Zeit. So handelt G’tt. Die Erlösung erfolgt nicht immer auf die Schnelle. Das ist eine Lehre, die sich der moderne Mensch zu Herzen nehmen muss.


Quellen und Persönlichkeiten:
Rav Schimon Schwab (1908 – 1995): Rabbiner der Gemeinde Adat Jeschurun in Washington Heights, New York.



Rav Frand, Copyright © 2007 by Rav Frand und Project Genesis, Inc und Verein Lema'an Achai / Jüfo-Zentrum.

Weiterverteilung ist erlaubt, aber bitte verweisen Sie korrekt auf die Urheber und das Copyright von Autor, Project Genesis und Verein Lema'an Achai / Jüfo-Zentrum und auf Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, sowie www.torah.org.

Drucken E-Mail

Jüdisches Leben in Zürich

jewish-zuerich

Jüdisches Leben in Zürich

Koschere Hotels

hotelinberge

Koschere Hotels