Schewat
/Paraschat Jitro/


Raw Frand zu Parschat Wa'era 5774

Einen Ausschnitt des Gesamtbilds betrachten

Es gibt eine direkte Verbindung zwischen dem Ende des Wochenabschnitts Schemot und dem Beginn des Wochenabschnitts Wa‘era. Am Ende von Schemot, erscheinen Mosche und Aharon gemeinsam vor Pharao und präsentieren die Aufforderung G-ttes: „Lass mein Volk ziehen, auf dass es in der Wildnis für Mich feiern möge.“ [Schemot 5:1]

Doch Pharaos Reaktion ist nicht nur, dass er die Juden nicht fortziehen lassen möchte, sondern er ist auch entschlossen, ihr Leben noch schwerer zu machen. Während Pharao zuvor die Juden mit Stroh beliefert hat, um die Ziegelsteine herzustellen, würden sie von nun an dieselbe Menge Ziegelsteine herstellen müssen, während sie ihr Stroh selbst einzusammeln hätten. Somit erschien Mosches erster Besuch in Pharaos Palast kontraproduktiv.

Leute aus dem Volk – gemäss unserer Weisen, Datan und Awiram - kritisierten Mosche und liessen ihn unmissverständlich wissen, dass er die Probleme nur verschlimmert habe. Mosche war bestürzt über diesen Rückschlag. Er hinterfragte G-tt hinsichtlich der Wirksamkeit seiner Mission. Dies ist das Fazit des fünften Kapitels des Wochenabschnitts Schemot.

Kapitel 6 wiederum (letzter Vers von Parschat Schemot) beginnt wie folgt: „Haschem sprach zu Mosche: ‚Jetzt wirst du sehen, was ich Pharao antun werde, denn durch eine starke (Meiner starken) Hand wird er sie ausweisen, und durch eine starke (seiner starken) Hand wird er sie aus seinem Land vertreiben.“ [Schemot 6:1]. Nach unseren Weisen (hebr. Chasal), war der Allmächtige zornig auf Mosche, weil dieser Ihn beschuldigt hatte, „die Situation verschlimmert zu haben“.

Teile des jüdischen Volkes zeigten eine ausserordentlich natürliche und verständliche Reaktion. Wir als menschliche Wesen sind an Zeit und Raum gebunden. Unsere Sicht auf das Leben ist äusserst schmal. Wir sehen das Hier und Jetzt, aber nichts darüber hinaus. Es ist in etwa so, als würde man sich einem schönen Bild nähern und so nah heranrücken, dass man nur noch einen kleinen Ausschnitt dessen sieht, was das Bild ausmacht. Der einzige Weg, ein Bild geniessen zu können, besteht darin, es mit ausreichendem Abstand zu betrachten und es in seiner Ganzheit auf sich wirken zu lassen.

Dies ist vielleicht, was der Talmud [Berachot 10a] meint, wenn es ein Wortspiel macht mit dem Vers: „Ejn Zur Ke’Elokejnu - Es gibt keinen G-tt (hebr. Zur, wörtl. Felsen) wie unseren G-tt“ [Schmuel I, 2:2]. Der Talmud interpretiert diesen Vers wie folgt: „Es gibt keinen Künstler (hebr. Zajar, wörtl. Maler) wie unseren G-tt.“ G-tt befindet sich inmitten Seiner Arbeit an einem Gemälde - doch nicht eines, das sich von einer Wand zur anderen erstreckt, sondern vom Beginn bis zum Ende der Zeit. Oftmals verhalten wir uns wie jemand, der sich (wie mit einer Lupe) einem winzigen Abschnitt des Gemäldes nähert und versucht, der daraus ersichtlichen Botschaft des Künstlers einen Sinn abzugewinnen.

Dies ist, was mit den Juden in Ägypten geschehen ist, nachdem Mosche seine erste Begegnung mit Pharao nach dessen Rückkehr nach Ägypten hatte. Die Hoffnungen des Volkes waren genährt und gestiegen, nur um kurze Zeit später zerschmettert zu werden. Nicht nur, dass sich ihre Situation nicht gebessert hatte, sondern sie wurde sogar schlimmer! Sie betrachteten eine Momentaufnahme - einen Schnappschuss - und nicht das Gesamtbild.

Im Endeffekt stellte das jüdische Volk die altbekannte Frage: Warum geht es den schlechten Menschen so gut und den guten Menschen so schlecht? Es gibt tatsächlich keine umfassende, irdische Antwort auf diese Frage, doch ein Teil der Antwort besteht darin, dass wir nur eine Momentaufnahme sehen - und nicht das ganze Bild. Aus diesem Grund hinterfragen wir es.

Der Midrasch besagt, dass wenn ein Mensch die Wege der g-ttlichen Vorsehung verstehen möchte, er im übertragenen (metaphorischen) Sinne verwirrt wird zwischen dem Anblick des „Unglücks und der Bandage“. Rabbi Jehoschua ben Levi erklärt, dass das Wesen des Allmächtigen nicht dem eines Menschen aus Fleisch und Blut entspricht: Ein Chirurg schneidet mit einem Skalpell, doch er heilt mit Stichen, Bandagen und Medizin. Der Chirurg heilt nicht mit dem Instrument, mit dem er schneidet. Der Allmächtge jedoch bringt die Heilung mit demselben Instrument, das er verwendet, um die Plage auszulösen - wie wir an Josef sehen können: Er wurde wegen seiner Träume in die Sklaverei verkauft (wie die Brüder sagten: „Hier kommt der Träumer“) und er wurde durch Träume in den Adelsstand (zum Vizekönig) erhoben - dank seiner Fähigkeit, die Träume Pharaos zu interpretieren.

Wenn wir inmitten der Geschichte über den rechtschaffenen Josef anhalten würden, kämen wir zur Schlussfolgerung, dass Träume sein Verhängnis waren. Doch wie der Midrasch aufzeigt, ist er über Träume an die Macht in Ägypten gelangt. Der scheinbare Ursprung des Problems entpuppte sich als die grösste Quelle der Heilung.

Raw Simcha Sissel Brody, der Rosch Jeschiwa (das Oberhaupt der Talmudschule) von Chewron, s.A., hörte den folgenden Gedanken von Raw Mosche Mordechai Epstein, dem Rosch Jeschiwa von Slobodka, s.A.: Man stelle sich vor, wie es gewesen sein muss, die Spanische Inquisition zu durchleben. Man stelle sich vor, wie es gewesen sein muss, am 9. Aw 1492 ein Jude gewesen zu sein. Spanische Juden wurden vor die Wahl gestellt, zum Christentum zu konvertieren oder mittellos das Land zu verlassen. 300‘000 Juden verliessen lieber mittellos das Land, als zum Christentum zu konvertieren.

Nach all dem, was die Juden der spanischen Gesellschaft beigetragen hatten (der Finanzminister Don Isaak Abarbanel hatte einen Grossteil seines Privatvermögens aufgewendet, um die Regierung des Königspaares Ferdinand und Isabella zu finanzieren), war es eine unfassbare Ungerechtigkeit, was die Spanier den Juden antaten. Was spielte sich wohl in den Köpfen der Juden jener Zeit ab? Was würden du und ich denken, wenn wir als Juden in dieser Ära leben würden? Wahrscheinlich würden wir denken: „Spanien wird es zurückbekommen! Der Allmächtige wird es ihnen vor unser aller Augen heimzahlen!“

Stattdessen segelte Kolumbus an genau diesem Tag - dem 9. Aw 1492 - hinaus aufs Meer und machte die grösste Entdeckung, die je ein Land in den vergangenen 500 Jahren gemacht hatte! Die Entdeckung der Neuen Welt und all der Rohstoffe machte Spanien zu einem grossen, wohlhabenden und mächtigen Land - der Supermacht in der Welt jener Tage! Es dauerte fast 100 Jahre - also weit über die Lebenszeit der ins Exil vertriebenen Juden hinaus, dass die Spanische Armada besiegt wurde. Die Vertriebenen hatten das nicht mehr mitbekommen. Sie gingen mit dem Gedanken ins Grab: „Dies ist die Thora und dies ist ihr Lohn? Ist dies die Gerechtigkeit des Allmächtigen, dass Spanien diesen grossen Coup landen sollte - ausgerechnet an jenem Tag, an dem sie uns rausgeschmissen haben?“

Doch die Ironie an der Sache ist, dass „jene, die Er schlägt, Er auch heilt.“ Die Ironie ist, dass Spanien dem jüdischen Volk eines der grössten Gefallen getan hat, die ihm jemals getan wurden: Sie entdeckten Amerika! Etwa 300 Jahre lang konnten Juden problemlos nach Amerika einwandern. Als es keinen anderen Ort gab, wo man hingehen konnte - vor und nach dem Holocaust - war Amerika der Rettungsanker für Abertausende Juden. Amerika war auch das rettende Ufer für Tausende Juden, die zur Jahrhundertwende Russland verliessen, anstatt sich mit den Pogromen des zaristischen Russlands auseinandersetzen zu müssen. Amerika rettete einen grossen Teil des jüdischen Volkes.

Wer war dafür verantwortlich? Die spanische Regierung, die als Instrument des Schöpfers dieser Welt fungierte. Doch dies dauerte 400 Jahre! Von 1492 bis zum späten 19. Jahrhundert vergingen 400 Jahre! Man stelle sich vor, dass man diese Welt mit dem Gefühl verlässt, es gäbe in ihr keine Gerechtigkeit, weil niemand 400 Jahre lebt.

Dies ist die Lektion der g-ttlichen Vorsehung (hebr. Haschgacha). Es gibt keinen Zur (G-tt) wie unseren G-tt. Es gibt keinen Zajar (Künstler bzw. Maler) wie unseren G-tt. Es ist noch immer ein unvollendetes Werk, das sich in Arbeit befindet, denn die Geschichte wird weiterhin geschrieben.

Das jüdische Volk beschwerte sich bei Mosche Rabbejnu: „Du hast die Situation verschlimmert! Jetzt müssen wir noch mehr leiden!“ Sie erkannten jedoch nicht, dass ihr zunehmendes Leid (die gleiche Anzahl Ziegelsteine ohne geliefertes Stroh herstellen zu müssen) ihnen 190 Jahre der ursprünglich verhängten Sklaverei ersparte. Statt 400 Jahre in Ägypten verbringen zu müssen, mussten sie nur 210 Jahre bleiben. Als was für ein Gefallen sich das herausstellte! Doch es gab viele Juden, die ins Grab gingen, ohne jemals erkannt zu haben, dass weil sie das Bild nur aus nächster Nähe betrachtet hatten, ihnen der volle Verlauf der Geschichte nicht ersichtlich war.

Die Lehre aus Ägypten und die Lehre aus Spanien - und mit G-ttes Hilfe mögen wir auch eines Tages den Sinn des Holocaust erkennen - ist, dass dies die Wege des Allmächtigen sind. Wir müssen warten. Es ist sehr schwer für uns, besonders wenn man leidet. Doch eines Tages, mit G-ttes Hilfe, wird alles einen Sinn machen.

 

Rav Frand, Copyright © 2013 by Rav Frand und Project Genesis, Inc und Verein Lema'an Achai / Jüfo-Zentrum.

Weiterverteilung ist erlaubt, aber bitte verweisen Sie korrekt auf die Urheber und das Copyright von Autor, Project Genesis und Verein Lema'an Achai / Jüfo-Zentrum und auf Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, sowie www.torah.org.

What do you think?

Send us feedback!

Drucken E-Mail

Jüdisches Leben in Zürich

jewish-zuerich

Jüdisches Leben in Zürich

Koschere Hotels
in der Schweiz

hotelinberge

Koschere Hotels