Kislew
/Paraschat Wajischlach

Schabbat – wer hütet wen?

 

Der Student stand vor einem schweren Dilemma, jedoch zögerte er keinen Moment. Entschieden kündigte er an, dass er am Schabbat keine Prüfung ablegen werde, obwohl er dadurch einige Jahre von aufgewendete Zeit und Mühe vernichte. Es vergingen keine zwei Wochen – und er wurde ins Büro des Dekans der Universität beordert.

 

Eine von sehr vielen Geschichten der Kiruv-Revolution, die im Sechut (Verdienst) des "Hadaf Hajomi Behalacha" in der Ukraine geschah.

Rav Noach Paley, der Koordinator des Studiums "Daf Hajomi Behalacha" in Odessa (Ukraine), erzählte in einem Gespräch mit der Zeitung Yated Ne’eman (Sukkot 5777) eine grossartige Geschichte über einen Studenten, der infolge seiner Beteiligung an den Schiurim des "Daf Hajomi Behalacha" zum Judentum zurückkehrte.

Der Student, der seit seiner jüngsten Jugend von einem Leben von Tora und Mizwot weit entfernt war, kam trotz weiter geografischer Entfernung nach Odessa, um dort einen begehrten Beruf zu erlernen, da das Studium dort leichter zu absolvieren war. Er interessierte sich nie für das Judentum und deshalb dachte er überhaupt nicht daran, sich einer dortigen Kiruw-Organisation anzuschliessen oder an einem Seminar für Ba’alej Teschuwa teilzunehmen. Als sich jedoch jemand von der "Dirshu-Organisation" an ihn wandte und ihm vorschlug, sich am Studium des "Daf Hajomi Behalacha" zu beteiligen, bei dem Halachot (Vorschriften) des täglichen jüdischen Lebens auf interessante Weise gelernt werden, dachte er nicht im Geringsten, dass es sich um etwas handelte, das für sein Leben verpflichtend sein würde. Wenn er etwas über Halachot und dazu noch auf interessante Weise lernen könne, warum sollte er dies nicht tun?

Am nächsten Tag fand er sich also mit noch einigen jungen Studenten der Stadt zum Schiur ein. Dort begann er, den regelmässigen Schiur (Lektion) des Maggid Schiur (Mentor) anzuhören, der mit den Studenten, im Rahmen des "Daf Hajomi Behalacha", die Halachot lernte mit Beifügung von Bemerkungen und interessanten Geschichten.

Wegen der Wichtigkeit von Schemirat Schabbat (Hüten des Schabbats) beschloss der Maggid Schiur, mit den jungen Anwesenden gemäss einem regelmässigen Programm die Hilchot Schabbat (Schabbat-Vorschriften) zu lernen, ohne weitere Themen - ausser der Halacha - einzuschliessen. Und tatsächlich hatte der Bachur sehr Freude an den Schiurim, und trotz seinen strengen Studien in Buchhaltung und Mathematik bemühte er sich, nicht auf diese Schiurim zu verzichten. Langsam drang deshalb das Lernen der Halachot in seinen Kopf und sein Herz ein, und mit der Zeit beschloss er zu versuchen, Schabbat soweit es ihm möglich war zu halten. Obwohl er nicht jedes Detail der Halachot beachtete, lernte er jedoch zu unterscheiden, welche Halachot von äusserster Wichtigkeit sind, die von der Tora vorgeschrieben wurden, und bemühte sich, diese einzuhalten. Und so begann er bedachtsam, immer mehr Vorschriften von Schabbat einzuhalten.

Nach einigen Monaten kam der Zeitpunkt eines entscheidenden Examens für sein Abschlussdiplom, für dessen Studium er nach Odessa gekommen war und für das er viele Jahre des intensiven Lernens aufgewendet hatte. Wegen seinem Wunsch, sich in der Materie zu vervollkommnen, schob er den Termin seiner Prüfung auf und beschloss, die Prüfung beim zweiten möglichen Datum abzulegen. Nach einem Monat, als der zweite Termin des Examens festgelegt wurde, wurde es ihm schwarz vor den Augen: Es stellte sich heraus, dass die Prüfung auf den Schabbat festgelegt wurde, und er, der jetzt fast alle Verbote von Schabbat befolgte, nicht an der schriftlichen Prüfung in der Universität teilnehmen konnte, da das Schreiben am Schabbat verboten ist.

Er wandte sich an die Lehrer und wurde von ihnen an den Leiter der Abteilung weitergeleitet, bis er zum Schluss zum Dekan der Universität gelangte. Er bat diesen inständig, ihn die Prüfung am Tag danach oder am Tag zuvor ablegen zu lassen, da sein jüdisches Gewissen es ihm nicht erlaube, am Schabbat die Prüfung zu schreiben. Er konnte nicht den Schabbat entweihen, für den er sich mit dem Lernen der Halachot so eingesetzt hatte.

Der Dekan versuchte, das Problem zu lösen, sah jedoch, dass er keinen legalen Weg hatte, um dies zu ermöglichen, denn es handelte sich hier bereits um den zweiten Prüfungstermin. Wenn man diesen Prüfungstermin verpasste, hatte man überhaupt keine Möglichkeit mehr, die Prüfung nachzuholen. Er informierte ihn, dass er trotz seinen Versuchen keine Möglichkeit finde, ihm entgegenzukommen, und dass er die Prüfung am Schabbat ablegen müsse, da er sonst das Diplom, für das er so schwer gearbeitet hatte, nicht erhalten könne.

Der Student, der vor einem der schwersten Dilemmas in seinem Leben stand, zögerte keinen Moment, und erklärte dem Dekan sofort, dass er sich am Schabbat keiner Prüfung unterziehen werde, was immer auch geschehe, denn die Halacha sei für ihn unvergleichlich wichtiger. Obwohl er sich des Leidensweges bewusst sei, den er sich damit antue, nehme er dies in Kauf. Der Dekan versuchte, ihn zu überzeugen, dass er sich keinen Schaden antun solle, nachdem er so schwer gearbeitet hatte und bis zum letzten Moment so erfolgreich war. Doch seine Worte fielen auf taube Ohren. Der Schabbat, den er seit dem Lernen der Halachot zu halten begonnen hatte, war in seinen Augen wichtiger als alles andere. Er verzichtete auf die Prüfung mit allem, was damit verbunden war.

Der Maggid Schiur erzählte, dass es eigentlich ganz natürlich gewesen wäre, den Studenten in einem deprimierten Zustand anzutreffen. Jedoch sagte er ihm, dass er das Gefühl habe, eine mutige Tat getan zu haben, und dass er Freude darüber empfinde, der schweren Prüfung standgehalten zu haben, um den Schabbat nicht zu entweihen. Er als Jude wisse bereits, dass der Schabbat ihn verpflichte, sich am Schabbat nach der Halacha zu verhalten und auf alles zu verzichten, sofern die Halacha verletzt würde.

Es vergingen keine zwei Wochen, da wurde er persönlich ins Büro des Dekans der Universität zitiert, der für das ganze Universitätsgelände, das sich über eine grosse Fläche und verschiedenen Abteilungen ausdehnte, zuständig war. Der Dekan sagte ihm, dass er nach diesem Vorfall mit ihm realisiert habe, dass er seine Entscheidung rein aufgrund seines Gewissens, ohne anderweitige Erwägungen, gefasst habe und deshalb beschlossen hat, zu Gunsten der Heiligung des Schabbats, auf seine materielle Zukunft zu verzichten. Deswegen weiche er zum ersten Mal in seinem Leben von seinen Prinzipien ab und erlaube ihm, jetzt in seinem Büro die Prüfung nachzuholen ohne Zeitbeschränkung. Er zog die Fragebogen des Examens hervor und gab sie dem Studenten, der sie in seinem Büro ausfüllte.

Und so geschah es tatsächlich, dass er mit der Prüfung erfolgreich war. Die Geschichte löste einen grossen Sturm in der ganzen Stadt aus, und speziell unter den jüdischen Studenten. Der Student erklärte: "Es scheint mir, dass mehr als ich beschlossen hatte, den Schabbat zu hüten, der Schabbat beschlossen hat, mich zu beschützen... ". Dies löste in ihm eine geistige Revolution aus, demzufolge er seinem Schöpfer näherkam, bis er ein vollkommener Schomer Schabbat uMizwot wurde, der jedes Detail der Halacha hütete.

(Rav R. Wilman, in Jated Ne’eman, Beilage zu Sukkot, – "Wekejrawtanu", Sukkot 5777).

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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich

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