Tischrej
/Paraschat Bereschit

Jom Kippur

Am Jom Kippur wird der erste Teil von Paraschat Acharej Mot, der den Tempeldienst des Versöhnungstages beinhaltet, gelesen:

Raw Chajims Bitte um Vergebung (Rav Frand zu Jom Kippur 5780 – Beitrag 3)

Paraschat Acharej Mot ist die Parascha über den Tempeldienst am Jom Kippur. Der Passuk sagt, "Denn an diesem Tag, wird Er Sühne für euch bringen um euch zu reinigen; von all euren Sünden sollt ihr vor Haschem gereinigt sein" [Wajikra 16:30]. Rabbi Elasar ben Asaria (in der letzten Mischna des Traktats Joma [8:9]) leitet die folgende Lektion aus diesem Passuk ab: Jom Kippur sühnt nur für Sünden zwischen Menschen und Haschem. Eine Sühne für Vergehen gegenüber anderen Menschen ist nur dann möglich, wenn man den anderen zuerst besänftigt hat und ihn dazu bewegen konnte, zu verzeihen.

Die Gemara [Joma 87a] sagt im Namen von Raw Jizchak: "Wer seinen Freund erzürnt, muss ihn besänftigen." Raw Jizchak zitiert als Beweis eine Reihe von Pessukim (Versen) in Mischle [6:1-3]: "Mein Sohn, wenn du ein Bürge warst für deinen Freund, wenn du deinen Handschlag für Fremde gegeben hast, dann bist du durch die Worte deines Mundes gefangen, umschlungen von den Worten deines Mundes, tu dies also mein Kind und sei gerettet - denn du bist gekommen in die Hand deines Nächsten - geh und erniedrige dich selbst vor ihm und besänftige deinen Nächsten."

Auf den ersten Blick erscheint diese Lehre des Amora Raw Jizchak sonderbar. Weshalb brauchen wir sein Zitat aus den Pessukim in Mischle, um uns zu lehren, dass man seinen Freund besänftigen muss. Wir haben doch einen ausdrücklichen Passuk aus dem Chumasch - zitiert vom Tanna Rabbi Elasar ben Asaria - der uns dasselbe lehrt?

Raw Chajim Solowiejczyk erklärte seinem Sohn Raw Mosche Solowiejczyk, was Raw Jizchak uns hier Neues lehrt. Ein gewisser Metzger kam mit einer anderen Partei zum Bejt Din (Gerichtshof) von Raw Chajim Solowiejczyk (Raw von Brisk) und Raw Simcha Selig (Dajan von Brisk). Der Metzger bat sie, ein Din Torah zu führen, der die Summe von 3‘000 Rubel betraf. Raw Chajim schlug vor, dass sie einen Kompromiss schliessen sollten, doch der Metzger weigerte sich. Das Bejt Din hörte dann den Fall an und entschied gegen den Metzger. Der Metzger reagierte darauf sehr zornig und begann Raw Chajim anzuschreien und nannte ihn einen Dieb und Mörder.

Raw Chajim antwortete ihm: „Als du zu diesem Gericht gekommen bist, habe ich vorgeschlagen, dass du auf einen Kompromiss mit deinem Gegner eingehen sollst, doch du hast dich geweigert. Da du diesen Kompromiss abgeschlagen hast, ist es nicht meine Schuld, dass du jetzt 3‘000 Rubel verloren hast. Es ist deine eigene Schuld." Der Metzger schrie Raw Chajim darauf noch lauter an. Raw Chajim entgegnete, "Du Respektloser, geh raus von hier!"

Am Erew Jom Kippur sagte Raw Chajim zu seinen drei Söhnen, dass er zum Metzger gehen müsse, um ihn um Verzeihung für die strengen Worte zu bitten, die er ihm beim Gericht gesagt hatte. Der Raw von Brisk ging - begleitet von seinen drei Söhnen - zur Schul, wo der Metzger betete. Alle Männer beteten mit ihren Talletim über den Köpfen, also war es unmöglich zu wissen, wer der Metzger war. Raw Chajim ging von einer Person zur anderen, bis er ihn endlich fand. Raw Chajim sagte zu ihm, "Ich will dich um Verzeihung bitten, dass ich dich respektlos genannt und aus dem Gericht geschickt habe." Der Metzger wandte sich zu Raw Chajim - gerade vor Kol Nidre - und sagte, "Ich vergib dir nicht. Du bist ein Dieb und ein Mörder!"

Raw Chajim antwortete: "Die Halacha ist, dass ich dich drei Mal vor drei Menschen um Verzeihung fragen muss. Ich habe meine drei Söhne mitgebracht. Wirst du mir verzeihen?" Wieder war die Antwort "Nein!" Dieser Austausch wurde drei Male wiederholt und dann sagte Raw Chajim, "Ich habe meine Pflicht getan und bin bereit zu gehen." Bevor er ging, wandte er sich noch einmal an den Metzger und sagte, "Du sollst wissen, dass ich nun nicht mehr verpflichtet bin, dich um Verzeihung zu bitten. Eigentlich hast du mich zuerst beleidigt und ich hatte das Recht dir in gleicher Art auf deine Frechheit zu antworten. Der einzige Grund, weshalb ich gekommen bin um dich zu besänftigen, ist weil man auf die eigene Ehre verzichten soll; vielmehr ist es vorzuziehen, die eigene Beschämung in Kauf zu nehmen, als andere zu beschämen. Ich war nicht verpflichtet, dich um Verzeihung zu bitten, doch ich habe es getan, drei Mal vor drei Menschen. Ich gehe jetzt. Nun ist es dein Problem!"

Als sie die Synagoge verliessen, fragte Raw Mosche Solowiejczyk, seinen Vater, weshalb er überhaupt gegangen war, wenn er gar nichts Falsches getan hatte und es eigentlich am Metzger gewesen wäre, Raw Chajim um Verzeihung zu bitten.

Raw Chajim erklärte seinem Sohn, dass dies die Erkenntnis aus der Lehre von Raw Jizchak in Joma war. Der Passuk in Acharej Mot - zitiert von Raw Elasar ben Asaria in der Mischna - lehrt uns, dass in Fällen, da man sich gegenüber einem anderen FALSCH verhalten hat, man ihn um Verzeihung bitten muss. Die Pessukim in Mischle, die von Raw Jizchak zitiert werden, lehren uns jedoch, dass man versuchen muss Frieden zu schliessen und um Verzeihung zu bitten, sogar wenn man jemanden zu Recht verärgert hat. Das Verhalten von Raw Chajim gegenüber dem Metzger war nicht das typische Bitten um Mechila (Vergebung) - für Sünden eines Menschen gegenüber des anderen - das zwingend notwendig ist, um die Sühne vor Haschem zu erwirken; denn dies gilt, wenn man jemandem geschadet oder ihn ungerechtfertigt beleidigt hat. Raw Jizchak sagt mehr als das: Auch wenn ich 100% im Recht bin, aber strenge Worte gegen den anderen ausgesprochen habe, dann sollte ich ihn um Verzeihung bitten und versuchen, die Freundschaft zwischen uns wiederherzustellen.

Dies, so Raw Chajim, meint der Schulchan Aruch, wenn er schreibt, dass man am Erew Jom Kippur andere Menschen um Verzeihung bitten muss. Diese Halacha ist schwierig zu verstehen - wenn ich jemanden Unrecht getan habe, weshalb sollte ich dann bis Erew Jom Kippur zuwarten, um wieder Frieden zu schliessen? Die Antwort ist, diese Halacha spricht nicht über den Fall, dass man jemanden Unrecht getan hat, sondern über eine besondere Verpflichtung am Erew Jom Kippur Frieden zu schliessen, auch wenn man eigentlich nichts Falsches getan hat.

Quellen und Persönlichkeiten:

Raw Chajim Soloweitschik (1853 – 1918): Rabbiner in Woloschin, Brisk (Brest-Litovsk), Litauen.

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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich

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